„Ohne den Ball passiert nichts.“
(Hartmut Rosa im Fußball-Seminar, Ende 2023)
Ende meiner Dreißiger habe ich es nun also endlich einmal in ein richtiges Fußballstadion geschafft, und dann auch gleich zum „Club“ oder „Glubb“, also dem als „Depp“ bekannten Verein meiner Heimatstadt. (Es geht hier, btw, um die Männermannschaft; ich wette aber, daran hat sowieso niemand gezweifelt, und das ist ja an sich schon ein Problem.) Da mich mehrere Personen gebeten haben, meine Beobachtungen und Eindrücke hier festzuhalten, tue ich das – ohne, damit einen Mehrwert zu versprechen.
Ka depp
Im Moment ist der „Club“ aber gar kein Depp, sondern recht erfolgreich in seiner zweiten Bundesliga, was ich aber erst erfuhr, nachdem ich bei meiner Freundin den Wunsch nach einem Stadionbesuch angemeldet hatte. Sie hatte früher mal ein paar Saisons lang eine Dauerkarte im Stehblock und als gute vernetztes Mädchen vom Lande kam sie dann auch an Tickets – sogar, wie mir fußballaffine Freunde verrieten, recht gute: Sitzplätze in Block 10. Vielen Dank, auch für die begleitete Fußball-Experience!
Spoiler vorweg: Der Club gewann 2:1 gegen Hannover, worauf wir auch gute Sicht hatten. Nach turbulenten ersten zehn Minuten – ein Club-Tor gefolgt von einem versenkten Elfmeter für Hannover – passierte dann auf dem Feld nicht viel; das aber im Nürnberger Strafraum, über dem wir in der ersten Halbzeit saßen. Irgendwann in der zweiten HZ schoss Nürnberg dann noch ein Tor und trug (irgendwie verdient) den Sieg vom Platz.
Und sonst so?
Ich hatte aber über längere Abschnitte das Gefühl, dass das Geschehen auf dem Platz gar nicht der Kern des Ereignisses war. Vor dem Spiel, in der Pause und bei der Siegesfeier sowieso nicht. Aber auch, während die schwer auseinanderzuhalten 22 Männchen sich um den Ball bemühten, stand teils eher das gerade abgesungene Liedgut oder die Pyrotechnik im Vordergrund.
Und das ist anders als beim „stillen Fußballgucken“ auf der heimischen Couch (in Anlehnung an das „stille Lesen“, das sich im 18. Jahrhundert durchsetzte): Bei der Übrtragung bekommt man einen gelenkten Blick, Wiederholungen, Kommentar und eine deutlich bessere Übersicht – aber eben auch einen klaren Fokus auf das sportliche Geschehen statt auf das „Spektakel“ im Stadium. (Fußballgucken in der Kneipe ist vermutlich eine Mischform, aber da kann man sich wohl der Immersion leichter entziehen.)
Das Spektakel beginnt bei der Geräuschkulisse: Wenn etwas passiert – sportlich oder im „Rahmenprogramm“, etwa bei den teils ritualisierten Fan-Gesängen – ist man halt mittendrin, teilweise auch im Pfeifkonzert und in den Drumrolls. Aber alleine die Pyrotechnik (die natürlich VERBOTEN ist, was aber niemanden zu kümmern schien) fügt noch optische und olfaktorische Reize hinzu, und die Enge auf den Sitzen führt auch zur einen oder anderen taktilen Stimulation. (Multisensorisch, sozusagen.)
Das alles fand auch ich deutlich spannender als das eigentliche Spiel, obwohl es wohl ein gutes Spiel war. Ich bin zwar nicht sehr liedfest (auch wenn ich „Die Legende lebt“ jetzt zumindest im Chorus beherrsche), aber rumgrölen und klatschen kann man ja auch so.
Ritualisierung? Bingo!
Wie funktioniert das alles? Naja, ganz einfach: Das Stadionerlebnis ist durchritualisiert. Nicht sehr streng, und es muss nicht jeder mitmachen (außer wenn man hüpfen muss, um kein Fürther zu sein!), aber es gibt eine klare äußere Form: Reingehen, Cap lüpfen für den Securitymenschen (die nach Geschlecht getrennt nacheinander kontrollieren!), Bier (Münchner Hell!) holen, Drei im Weggla essen, zu den Plätzen gehen, Fahnenmarsch verschiedener Vereine ansehen, Nachnamen von Spielern rufen, „Die Legende lebt“ absingen, Anpfiff ignorieren, den wilden Vorbetern bzw. -trommlern der Fan-Vereine lauschen, mitsingen, schimpfen (ganz wichtig!), Tore feiern usw. Am Ende dann wieder der Mannschaftsaufstellung beiwohnen und „unsere Jungs“ beklatschen. Dann heim (oder aufs Volksfest).
Da das alles so ritualisiert ist, kann man es auch ideal durch ein Bingo-Zettelchen „vorhersagen“, und genau das tat meine Freundin: Es gab ein „Dennis‘ erster Stadionbesuch“-Sheet, und ich habe auch tatsächlich meinen Bingo vollbekommen. Auf den DFB habe ich übrigens nicht geschimpft und auch keinen Becher geworfen, aber vielleicht gehe ich ja mal wieder. Und „Abseits“ hätte ich aus der Perspektive keines erkannt; ich habe, btw, aber auch keine VAR-Schlichtungssituation mitbekommen.
Emotionen
Nun haben wir den Club beim Gewinnen besucht, aber das war natürlich Zufall bzw. Kontingenz. Trotzdem meine ich, die vorherrschende Emotion war weniger Freude oder Siegesglück, sondern eher … Wut. Die meisten Leute (vor allem: Männer) schienen – und ein Freund bestätigte diesen Eindruck – die aufgestaute und unterversorgte Wut der ganzen Arbeits- und Lebenswoche mitgebracht zu haben: Mittelfinger gegen den Schiri, Beleidigungen gegen eigene und gegnerische Spieler (darunter auch ein paar wenige rassistische) und Aufregung über spielerische Missgeschicke dominierten die Emotionsäußerungen. Aber naja, wenn unsere gesellschaftliche Gesamtkommunikation halt traditionell auch kein anderes Outlet für männliche Emotionen vorsieht … Zwischen den Menschen im Stadion war diese Wut aber sehr reduziert: Man war zusammen wütend, nicht aufeinander. (Die Hannover-Fans saßen aber auch ganz weit weg und das ist ja eh kein Wut-Gegner wie Fürth.)
Hier sei aber noch kurz erwähnt, dass Fußballspiele und deren Anpfiff-Zeitpunkt wohl einen messbaren Einfluss auf häusliche Gewalt haben. Je früher angepfiffen wird, desto länger wird getrunken, und das erhöht das Risiko vor allem für die Partnerinnen der Fußballfans. (Die Studie bezieht sich auf Manchester, ich habe keine Daten für Deutschland gefunden.) Dieses Muster hat eine gewisse Abhängigkeit vom Ausgang des Spiels, wie einer der Studienautoren bei ZDF Heute (allerdings bezogen auf Erkenntnisse zu American Football) spezifiziert:
Wenn ich erwarte, dass meine Mannschaft gewinnt und sie verliert, dann ist das ganz schlecht. Wenn sie gewinnt, obwohl man erwartet hat, dass sie verliert, wirkt sich das nicht aus. Also: Nicht das Endresultat zählt, sondern meine eigene Erwartung.
Das klingt eher danach, dass man dort einen triftigen Grund für die eigene Wut sucht und sich den auch nicht nehmen lässt. Tzja, wo viel Licht ist …
Fazit
Insgesamt hatte ich es mir schon so ähnlich vorgestellt – und ich hatte ja auch damals dieses Fußballseminar bei Hartmut Rosa besucht. Da müsste ich einige der Texte jetzt vielleicht nochmal lesen. Ein bisschen überrascht war ich davon, dass der Sport teils eine eher untergeordnete Rolle spielte – Anlass und Verortung für das Spektakel, Anker für verschiedene Emotionen, aber absolut nicht deckungsgleich mit dem „Gehalt“ des Ereignisses. Im Gottesdienst wäre das weder die Liturgie noch die Predigt; eher die Transsubstantiation, wenn auch mit ungewissem Ausgang: unverzichtbar, aber halt nur ein Teil des Ganzen. (Interessant ist dann die Überlegung, wie man am „hemischen Schrein“ einen eigenen Gottesdienst inszeniert.)
Ich würde da jedenfalls nochmal hingehen. Nächstes mal analysiere ich das Ganze dann vielleicht exosoziologisch, wie damals den Kärwabaum.
PS: Ein paar prätentiöse Anmerkungen
Ich habe meine Seminarlektüren aus 2023/24 von Claude Cowork sichten lassen und Referenzen zu den o.g. Themen gesucht. Hier also Claudes Kommentar zu meinem Artikel:
- Der Soziologe Norbert Elias beschrieb das Fußballstadion als einen der seltenen Orte, an denen kollektive Gefühle entfesselt werden dürfen – er nannte das „kontrollierte Unkontrolliertheit von Gefühlen“. Zitiert nach: Bromberger, Christian (2003): „Fussball als Weltsicht und als Ritual.“ In: Belliger, Andrea/Krieger, David J. (Hg.): Ritualtheorien. Wiesbaden: VS Verlag, S. 291.
- Dass ein Fußballspiel praktisch alle formalen Kriterien eines Rituals erfüllt – Bruch mit der Alltagsroutine, fester raum-zeitlicher Rahmen, ein „sorgfältig programmierter Ablaufplan der Zeremonien, die zyklisch wiederkehren“ – arbeitet Christian Bromberger im Detail heraus, inklusive der Beschreibung des Stadions als „Heiligtum“. Bromberger, ebd., S. 291 u. 297f.
- Der Soziologe Michael Meuser argumentiert, dass Wettbewerb unter Männern – auch der wütende, beleidigende – nicht trennt, sondern gerade verbindet: „Der Wettbewerb entzweit die Männer nicht, er vergemeinschaftet sie.“ Meuser, Michael (2008): „It’s a Men’s World.“ In: Klein, Gabriele/Meuser, Michael (Hg.): Ernste Spiele. Bielefeld: transcript, S. 118.
- Der Philosoph Simon Critchley beschreibt das Zuschauen von Fußball als eine Art Redelizenz: Es erlaube eine „strange licence and liberty of speech […] which very frequently veers into the objectionable and completely obscene.“ Critchley, Simon (2017): „Stupidity.“ In: What We Think About When We Think About Soccer. London: Penguin, S. 83.
- Für Deutschland gibt es (anders als für Manchester) eine Studie zum Zusammenhang von Fußball und Gewaltkriminalität – nicht speziell häuslich, aber messbar: An Bundesliga-Spieltagen steigen Gewaltdelikte um 21,5 % gegenüber sonst vergleichbaren Tagen; rund 8 % aller Gewaltdelikte in den betroffenen Gemeinden stehen damit in Zusammenhang. Andres, Leander/Fabel, Marc/Rainer, Helmut (2022): „Wie viel Gewalt verursacht der Profifußball in Deutschland?“ ifo Institut. ifo.de
- Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht beschreibt die „existenzielle Schönheit“ des Fußballs gerade darin, dass seine Situationen „immer singulär“ sind, „nicht vorweggenommen oder gar einstudiert werden – und werden sich nie wiederholen.“ Gumbrecht, Hans Ulrich (2017): „Die existenzielle Schönheit des Fussballs.“ NZZ, 15.12.2017. nzz.ch
- Auf die Frage, warum Menschen ins Stadion gehen, soll Sepp Herberger geantwortet haben: „Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Zitiert nach: Rosa, Hartmut (2020): Unverfügbarkeit. Wien: Residenz Verlag, S. 8f.
- Der Soziologe Thomas Alkemeyer beschreibt die ästhetische Erfahrung im Stadion explizit als „keinen hermeneutischen, sondern einen somatischen Prozess“ – also etwas, das im Körper und nicht im Verstehen des Spielgeschehens passiert. Zitiert nach: Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Berlin: Suhrkamp, S. 424.
- Fernsehfußball erzeugt einen eigenen, „kontrollierenden und an Details orientierten“ Blick auf das Spiel – ein anderes Sehen als das im Stadion, nicht nur eine schlechtere Version davon. Adelmann, Ralf/Stauff, Markus (2003): „Die Wirklichkeit in der Wirklichkeit.“ In: Adelmann/Parr/Schwarz (Hg.): Querpässe, S. 106f.


Wenn sie sich nicht die mühe machen etwas selbst zu schreiben dann lese ich das natürlich nicht.
Das nur wieder auf die Schattenseiten der Fußballs eingegangen wird ist eh klar.
Die positiven Auswirkungen wurden komplett ignoriert.
Auch wird wieder feministische propaganda gedankenlos wiederholt, so wird dem Mann jeder Ausruf als Wut ausgelegt ohne Wut zu definieren oder darüber nachzudenken dass männliche Begeisterung aus feministischer Sicht sofort Angst auslöst und einschüchtert. Ein Schrei ist nicht gleich Wut ist doch eig. nicht schwer.
Auch verbittet sich die übersprunghafte Verurteilung bei häuslicher Gewalt davon auszugehen das die Gewalt von Männern verübt wurde genauso können hier hilflose Männer von Frauen verprügelt worden sein.
Nachdem ihre Partnerin Fußballfan ist würde es mich nicht überraschen wenn dies bei ihnen der Fall ist. Nur dadurch kann dieser fiebertraum erklärt werden.
Waren Sie schon mal im Stadion, Heinz-Dieter?
Hab seid 30 Jahren eine dauerkarte, warum ?
Ich kann dir leider auch nicht sagen, warum du seit 30 Jahren eine Dauerkarte hast.
Warum Sie Fragen, sollte nicht zu schwer zu verstehen sein!
Der Club ist kein „Depp“, sondern ein „Debb“.
Ein Mehrwert ist für mich jedenfalls gegeben beim Lesen dieses Blogs 🙂
Du hast natürlich vollkommen Recht. Und: das freut mich!
Und wieder eine Erfahrung reicher, auch wenn du dir vieles schon so vorgestellt hast. Es geht halt nichts über live erleben.