Dennis Schmolk https://dennisschmolk.de/ Kontakt: dennis@dennisschmolk.de Tue, 22 Sep 2026 11:20:51 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 https://dennisschmolk.de/wp-content/uploads/2026/08/cropped-ChatGPT-Image-Aug-23-2026-07_46_54-AM-32x32.png Dennis Schmolk https://dennisschmolk.de/ 32 32 Sabbatical-Nachtrag: Deutschlandfunk-Interview https://dennisschmolk.de/2026/09/22/sabbatical-nachtrag-deutschlandfunk-interview/ https://dennisschmolk.de/2026/09/22/sabbatical-nachtrag-deutschlandfunk-interview/#comments Tue, 22 Sep 2026 10:00:46 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7726 Das Sabbatical ist nun seit weit über 2 Jahren komplett vorbei, auch wenn ich noch immer sehr häufig daran denke und davon berichte – nun auch öffentlich: Im Juni erreichte mich die Anfrage eines Deutschlandfunk-Zuträgers, der sich über Sabbaticals unterhalten wollte. Sowas mache ich ja immer gerne, daher hier die Ergebnisse: ein relativ kurzer Beitrag in „Deutschlandfunk Nova“: XXL-Auszeit. Wie wir ein Sabbatical planen ein längerer Beitrag in Campus und ... Mehr

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Das Sabbatical ist nun seit weit über 2 Jahren komplett vorbei, auch wenn ich noch immer sehr häufig daran denke und davon berichte – nun auch öffentlich: Im Juni erreichte mich die Anfrage eines Deutschlandfunk-Zuträgers, der sich über Sabbaticals unterhalten wollte. Sowas mache ich ja immer gerne, daher hier die Ergebnisse:

Viel Spaß!

Transkript meines Abschnitts

Der Arbeitgeber ist mir einfach sehr entgegengekommen dabei. Ich habe halt gesagt, ich möchte das gerne machen. Und das Glück muss man auch haben, so ein Unternehmen zu haben, so einen Arbeitgeber zu haben, der da sehr offen dafür ist.

Dennis Schmolk ist zufrieden mit seinem Job. Er arbeitet schon seit einigen Jahren als Projektentwickler bei einem Rechtsberatungsunternehmen in Nürnberg. Chef, Kollegen, Bezahlung – das alles stimmt. Sein Herz schlägt aber auch noch für die Wissenschaft. Deswegen musste er für eine Zeit raus. Er wollte seinen Master machen in Soziologie an der Uni in Jena. Das war der eine Grund für sein Sabbatical, daneben gab es aber auch noch einen anderen.

Auch so ein bisschen Ausscheren aus dem gewöhnlichen Schule, Studium, Berufstätigkeit, Rente, Sarg-Modus war schon auch eine Motivation. Also unsere Gesellschaft organisiert den Lebenslauf auf diese und jene Weise – und kann man da nicht ein bisschen rumexperimentieren?

Für seine Karriere war das Studium egal, das wusste er schon vorher. Trotzdem wollte er es durchziehen und hat sich dafür auch ein ungewöhnliches Modell ausgedacht. 24 Monate hat das Studium gedauert, 14 Monate davon war er im Sabbatical. In den Semesterferien kam er aber immer wieder zurück und hat gearbeitet, wenn auch an deutlich weniger anspruchsvollen Aufgaben als zuvor. Weil er aber nie vorhatte, den Job zu wechseln, war diese Regelung für ihn optimal.

Wenn ich jetzt einfach gekündigt hätte und gesagt hätte, ich studiere jetzt hier nochmal – ich bin eigentlich ein relativ sicherheitsorientierter Mensch –, das hätte mir, glaube ich, schon Angst gemacht, wenn ich nicht gewusst hätte, wie es danach weitergeht.

Wer ein Sabbatical machen möchte, der muss sich eine Menge Fragen beantworten: Passt der Zeitpunkt oder gefährde ich dadurch meine Karriere? Kann ich es mir leisten, rein finanziell? Und wie geht es danach weiter?

Dennis Schmolk hat den engen Kontakt zu seinem Arbeitgeber gehalten. Er hat eine gewisse Zeit in Vollzeit gearbeitet, für weniger Gehalt, und sich dann die Differenz in den Sabbatical-Monaten auszahlen lassen. So konnte er sein zweites Studium entspannt genießen und nebenher ist er auch viel durch Ostdeutschland gefahren und hat sich in aller Ruhe Erfurt, Leipzig, Dresden und ein paar kleinere Städte angeschaut, die jetzt nicht ganz oben auf den Touristen-Chartlisten stehen.

Der Wiedereinstieg fiel ihm aber trotzdem schwer.

Dann musste ich erstmal wieder Anschluss finden, musste mich natürlich auch wieder einfinden in so eine 9-to-5-Routine. Also irgendwie wieder zurückkommen in diesen ganz normalen Alltag der Erwerbsarbeit.

Das hat etwa ein halbes Jahr gedauert, sagt er. Dann war er wieder drin. Mit allen Nachteilen, aber auch mit den Vorteilen einer klaren Struktur.

Wobei, ich fand es auch gut, dass Wochenenden wieder eine Bedeutung haben. Ich fand es auch gut, dass es wieder einen Feierabend gab. Das war ja alles im Studium nicht. Da hatte ich zwar unendlich viel Freizeit, aber damit auch immer den Druck: Hey, guckst du jetzt die letzte Family Guy-Episode oder guckst du dir nochmal eine Aufzeichnung von einem politikwissenschaftlichen Seminar an? Und das ist irgendwie dir überlassen und das bürdet dir aber auch die ganze Verantwortung dafür auf.

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Mein Freitag in Block 10 https://dennisschmolk.de/2026/09/14/mein-freitag-in-block-10/ https://dennisschmolk.de/2026/09/14/mein-freitag-in-block-10/#comments Mon, 14 Sep 2026 15:16:47 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7708 „Ohne den Ball passiert nichts.“ (Hartmut Rosa im Fußball-Seminar, Ende 2023) Ende meiner Dreißiger habe ich es nun also endlich einmal in ein richtiges Fußballstadion geschafft, und dann auch gleich zum „Club“ oder „Glubb“, also dem als „Depp“ bekannten Verein meiner Heimatstadt. (Es geht hier, btw, um die Männermannschaft; ich wette aber, daran hat sowieso niemand gezweifelt, und das ist ja an sich schon ein Problem.) Da mich mehrere Personen ... Mehr

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„Ohne den Ball passiert nichts.“
(Hartmut Rosa im Fußball-Seminar, Ende 2023)

Ende meiner Dreißiger habe ich es nun also endlich einmal in ein richtiges Fußballstadion geschafft, und dann auch gleich zum „Club“ oder „Glubb“, also dem als „Depp“ bekannten Verein meiner Heimatstadt. (Es geht hier, btw, um die Männermannschaft; ich wette aber, daran hat sowieso niemand gezweifelt, und das ist ja an sich schon ein Problem.) Da mich mehrere Personen gebeten haben, meine Beobachtungen und Eindrücke hier festzuhalten, tue ich das – ohne, damit einen Mehrwert zu versprechen.

Ka depp

Im Moment ist der „Club“ aber gar kein Depp, sondern recht erfolgreich in seiner zweiten Bundesliga, was ich aber erst erfuhr, nachdem ich bei meiner Freundin den Wunsch nach einem Stadionbesuch angemeldet hatte. Sie hatte früher mal ein paar Saisons lang eine Dauerkarte im Stehblock und als gute vernetztes Mädchen vom Lande kam sie dann auch an Tickets – sogar, wie mir fußballaffine Freunde verrieten, recht gute: Sitzplätze in Block 10. Vielen Dank, auch für die begleitete Fußball-Experience!

Spoiler vorweg: Der Club gewann 2:1 gegen Hannover, worauf wir auch gute Sicht hatten. Nach turbulenten ersten zehn Minuten – ein Club-Tor gefolgt von einem versenkten Elfmeter für Hannover – passierte dann auf dem Feld nicht viel; das aber im Nürnberger Strafraum, über dem wir in der ersten Halbzeit saßen. Irgendwann in der zweiten HZ schoss Nürnberg dann noch ein Tor und trug (irgendwie verdient) den Sieg vom Platz.

Und sonst so?

Ich hatte aber über längere Abschnitte das Gefühl, dass das Geschehen auf dem Platz gar nicht der Kern des Ereignisses war. Vor dem Spiel, in der Pause und bei der Siegesfeier sowieso nicht. Aber auch, während die schwer auseinanderzuhalten 22 Männchen sich um den Ball bemühten, stand teils eher das gerade abgesungene Liedgut oder die Pyrotechnik im Vordergrund.

Und das ist anders als beim „stillen Fußballgucken“ auf der heimischen Couch (in Anlehnung an das „stille Lesen“, das sich im 18. Jahrhundert durchsetzte): Bei der Übrtragung bekommt man einen gelenkten Blick, Wiederholungen, Kommentar und eine deutlich bessere Übersicht – aber eben auch einen klaren Fokus auf das sportliche Geschehen statt auf das „Spektakel“ im Stadium. (Fußballgucken in der Kneipe ist vermutlich eine Mischform, aber da kann man sich wohl der Immersion leichter entziehen.)

Das Spektakel beginnt bei der Geräuschkulisse: Wenn etwas passiert – sportlich oder im „Rahmenprogramm“, etwa bei den teils ritualisierten Fan-Gesängen – ist man halt mittendrin, teilweise auch im Pfeifkonzert und in den Drumrolls. Aber alleine die Pyrotechnik (die natürlich VERBOTEN ist, was aber niemanden zu kümmern schien) fügt noch optische und olfaktorische Reize hinzu, und die Enge auf den Sitzen führt auch zur einen oder anderen taktilen Stimulation. (Multisensorisch, sozusagen.)

Das alles fand auch ich deutlich spannender als das eigentliche Spiel, obwohl es wohl ein gutes Spiel war. Ich bin zwar nicht sehr liedfest (auch wenn ich „Die Legende lebt“ jetzt zumindest im Chorus beherrsche), aber rumgrölen und klatschen kann man ja auch so.

Ritualisierung? Bingo!

Wie funktioniert das alles? Naja, ganz einfach: Das Stadionerlebnis ist durchritualisiert. Nicht sehr streng, und es muss nicht jeder mitmachen (außer wenn man hüpfen muss, um kein Fürther zu sein!), aber es gibt eine klare äußere Form: Reingehen, Cap lüpfen für den Securitymenschen (die nach Geschlecht getrennt nacheinander kontrollieren!), Bier (Münchner Hell!) holen, Drei im Weggla essen, zu den Plätzen gehen, Fahnenmarsch verschiedener Vereine ansehen, Nachnamen von Spielern rufen, „Die Legende lebt“ absingen, Anpfiff ignorieren, den wilden Vorbetern bzw. -trommlern der Fan-Vereine lauschen, mitsingen, schimpfen (ganz wichtig!), Tore feiern usw. Am Ende dann wieder der Mannschaftsaufstellung beiwohnen und „unsere Jungs“ beklatschen. Dann heim (oder aufs Volksfest).

Da das alles so ritualisiert ist, kann man es auch ideal durch ein Bingo-Zettelchen „vorhersagen“, und genau das tat meine Freundin: Es gab ein „Dennis‘ erster Stadionbesuch“-Sheet, und ich habe auch tatsächlich meinen Bingo vollbekommen. Auf den DFB habe ich übrigens nicht geschimpft und auch keinen Becher geworfen, aber vielleicht gehe ich ja mal wieder. Und „Abseits“ hätte ich aus der Perspektive keines erkannt; ich habe, btw, aber auch keine VAR-Schlichtungssituation mitbekommen.

Emotionen

Nun haben wir den Club beim Gewinnen besucht, aber das war natürlich Zufall bzw. Kontingenz. Trotzdem meine ich, die vorherrschende Emotion war weniger Freude oder Siegesglück, sondern eher … Wut. Die meisten Leute (vor allem: Männer) schienen – und ein Freund bestätigte diesen Eindruck – die aufgestaute und unterversorgte Wut der ganzen Arbeits- und Lebenswoche mitgebracht zu haben: Mittelfinger gegen den Schiri, Beleidigungen gegen eigene und gegnerische Spieler (darunter auch ein paar wenige rassistische) und Aufregung über spielerische Missgeschicke dominierten die Emotionsäußerungen. Aber naja, wenn unsere gesellschaftliche Gesamtkommunikation halt traditionell auch kein anderes Outlet für männliche Emotionen vorsieht … Zwischen den Menschen im Stadion war diese Wut aber sehr reduziert: Man war zusammen wütend, nicht aufeinander. (Die Hannover-Fans saßen aber auch ganz weit weg und das ist ja eh kein Wut-Gegner wie Fürth.)

Hier sei aber noch kurz erwähnt, dass Fußballspiele und deren Anpfiff-Zeitpunkt wohl einen messbaren Einfluss auf häusliche Gewalt haben. Je früher angepfiffen wird, desto länger wird getrunken, und das erhöht das Risiko vor allem für die Partnerinnen der Fußballfans. (Die Studie bezieht sich auf Manchester, ich habe keine Daten für Deutschland gefunden.) Dieses Muster hat eine gewisse Abhängigkeit vom Ausgang des Spiels, wie einer der Studienautoren bei ZDF Heute (allerdings bezogen auf Erkenntnisse zu American Football) spezifiziert:

Wenn ich erwarte, dass meine Mannschaft gewinnt und sie verliert, dann ist das ganz schlecht. Wenn sie gewinnt, obwohl man erwartet hat, dass sie verliert, wirkt sich das nicht aus. Also: Nicht das Endresultat zählt, sondern meine eigene Erwartung.

Das klingt eher danach, dass man dort einen triftigen Grund für die eigene Wut sucht und sich den auch nicht nehmen lässt. Tzja, wo viel Licht ist …

Fazit

Insgesamt hatte ich es mir schon so ähnlich vorgestellt – und ich hatte ja auch damals dieses Fußballseminar bei Hartmut Rosa besucht. Da müsste ich einige der Texte jetzt vielleicht nochmal lesen. Ein bisschen überrascht war ich davon, dass der Sport teils eine eher untergeordnete Rolle spielte – Anlass und Verortung für das Spektakel, Anker für verschiedene Emotionen, aber absolut nicht deckungsgleich mit dem „Gehalt“ des Ereignisses. Im Gottesdienst wäre das weder die Liturgie noch die Predigt; eher die Transsubstantiation, wenn auch mit ungewissem Ausgang: unverzichtbar, aber halt nur ein Teil des Ganzen. (Interessant ist dann die Überlegung, wie man am „hemischen Schrein“ einen eigenen Gottesdienst inszeniert.)

Ich würde da jedenfalls nochmal hingehen. Nächstes mal analysiere ich das Ganze dann vielleicht exosoziologisch, wie damals den Kärwabaum.

PS: Ein paar prätentiöse Anmerkungen

Ich habe meine Seminarlektüren aus 2023/24 von Claude Cowork sichten lassen und Referenzen zu den o.g. Themen gesucht. Hier also Claudes Kommentar zu meinem Artikel:

  1. Der Soziologe Norbert Elias beschrieb das Fußballstadion als einen der seltenen Orte, an denen kollektive Gefühle entfesselt werden dürfen – er nannte das „kontrollierte Unkontrolliertheit von Gefühlen“. Zitiert nach: Bromberger, Christian (2003): „Fussball als Weltsicht und als Ritual.“ In: Belliger, Andrea/Krieger, David J. (Hg.): Ritualtheorien. Wiesbaden: VS Verlag, S. 291.
  2. Dass ein Fußballspiel praktisch alle formalen Kriterien eines Rituals erfüllt – Bruch mit der Alltagsroutine, fester raum-zeitlicher Rahmen, ein „sorgfältig programmierter Ablaufplan der Zeremonien, die zyklisch wiederkehren“ – arbeitet Christian Bromberger im Detail heraus, inklusive der Beschreibung des Stadions als „Heiligtum“. Bromberger, ebd., S. 291 u. 297f.
  3. Der Soziologe Michael Meuser argumentiert, dass Wettbewerb unter Männern – auch der wütende, beleidigende – nicht trennt, sondern gerade verbindet: „Der Wettbewerb entzweit die Männer nicht, er vergemeinschaftet sie.“ Meuser, Michael (2008): „It’s a Men’s World.“ In: Klein, Gabriele/Meuser, Michael (Hg.): Ernste Spiele. Bielefeld: transcript, S. 118.
  4. Der Philosoph Simon Critchley beschreibt das Zuschauen von Fußball als eine Art Redelizenz: Es erlaube eine „strange licence and liberty of speech […] which very frequently veers into the objectionable and completely obscene.“ Critchley, Simon (2017): „Stupidity.“ In: What We Think About When We Think About Soccer. London: Penguin, S. 83.
  5. Für Deutschland gibt es (anders als für Manchester) eine Studie zum Zusammenhang von Fußball und Gewaltkriminalität – nicht speziell häuslich, aber messbar: An Bundesliga-Spieltagen steigen Gewaltdelikte um 21,5 % gegenüber sonst vergleichbaren Tagen; rund 8 % aller Gewaltdelikte in den betroffenen Gemeinden stehen damit in Zusammenhang. Andres, Leander/Fabel, Marc/Rainer, Helmut (2022): „Wie viel Gewalt verursacht der Profifußball in Deutschland?“ ifo Institut. ifo.de
  6. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht beschreibt die „existenzielle Schönheit“ des Fußballs gerade darin, dass seine Situationen „immer singulär“ sind, „nicht vorweggenommen oder gar einstudiert werden – und werden sich nie wiederholen.“ Gumbrecht, Hans Ulrich (2017): „Die existenzielle Schönheit des Fussballs.“ NZZ, 15.12.2017. nzz.ch
  7. Auf die Frage, warum Menschen ins Stadion gehen, soll Sepp Herberger geantwortet haben: „Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Zitiert nach: Rosa, Hartmut (2020): Unverfügbarkeit. Wien: Residenz Verlag, S. 8f.
  8. Der Soziologe Thomas Alkemeyer beschreibt die ästhetische Erfahrung im Stadion explizit als „keinen hermeneutischen, sondern einen somatischen Prozess“ – also etwas, das im Körper und nicht im Verstehen des Spielgeschehens passiert. Zitiert nach: Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Berlin: Suhrkamp, S. 424.
  9. Fernsehfußball erzeugt einen eigenen, „kontrollierenden und an Details orientierten“ Blick auf das Spiel – ein anderes Sehen als das im Stadion, nicht nur eine schlechtere Version davon. Adelmann, Ralf/Stauff, Markus (2003): „Die Wirklichkeit in der Wirklichkeit.“ In: Adelmann/Parr/Schwarz (Hg.): Querpässe, S. 106f.

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I Am Providence (2026 travels, Part 3) https://dennisschmolk.de/2026/08/22/i-am-providence-2026-travels-part-3/ https://dennisschmolk.de/2026/08/22/i-am-providence-2026-travels-part-3/#comments Sat, 22 Aug 2026 08:45:23 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7628 Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite. Dieser dritte und letzte Artikel ist weder Reiseübersicht (wie Part 1) noch Zusammenstellung (Part 2), sondern hat ein klares Thema: H.P. Lovecraft, sein Providence und die NecronomiCon. Auch, damit ich diesen Artikel an Leute weiterreichen ... Mehr

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Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite.

Dieser dritte und letzte Artikel ist weder Reiseübersicht (wie Part 1) noch Zusammenstellung (Part 2), sondern hat ein klares Thema: H.P. Lovecraft, sein Providence und die NecronomiCon. Auch, damit ich diesen Artikel an Leute weiterreichen kann, die sich nur bedingt für Lobster Roll, aber umso mehr für Lovecraft interessieren. (Die brauchen trotzdem etwas Geduld.)

Erste Erkundungen

Providence erreichten wir, klar, per Amtrak (mit der einzigen nennenswerten Verspätung der Reise). Allerdings nicht an der „Union Station“, die Lovecraft damals genutzt haben muss, sondern eine Meile weiter Richtung Rhode Island State House. Man kann den alten Bahnhof aber im Zentrum noch ansehen, zumindest von außen. Apropos State House: Providence, obwohl nur etwa 200.000 Einwohner stark, ist Hauptstadt und Parlamentssitz des kleinsten amerikanischen Bundesstaats Rhode Island.

Nach der Uber-Fahrt zum Airbnb (in Federal Hill, dem von Lovecraft eher gemiedenen „italienischen“ Providence) bestaunten wir unser Häuschen. Das hätte Lovecraft auch gefallen! ChatGPT sagt dazu übrigens:

„ein typisches, giebelständiges New-England-Holzhaus des späten 19. Jahrhunderts – schlichte viktorianische Vernacular-Architektur mit horizontaler Clapboard-Fassade“

Traumhaft.

Leider habe ich tatsächlich kein vernünftiges Foto des Hauses gemacht. Mea culpa.

Oyster Bar #1: Gift Horse

Der erste Streifzug führte uns durchs Zentrum, wo wir neben Anti-ICE-Postern (s. Part 1) eine hübsche Oyster Bar fanden, das Gift Horse. Die Happy Hour hatten wir gerade verpasst, aber wir nahmen dennoch ein paar Austern, ein Fisch-Crudo (wobei ich trotz Nachfrage bis jetzt nicht verstanden habe, was da außer Thunfisch drauf war) und ich bestellte das vielleicht beste Essen der Reise: einen Lamm-Burger mit Fries und Pickles. Freundin hatte eine Scallop Roll, ebenfalls eine super Wahl und für mich Inspiration für das Essen am nächsten Tag.

Die restlichen Kulinarika

Und das handeln wir jetzt auch schnell ab – ich hatte ja versprochen, dass sich dieser Artikel v.a. an Lovecraft-Interessierte wendet, und die können das Kulinarische jetzt einfach überspringen. Einfach bis zur nächsten H2 scrollen, dann kommt kein Food-Content mehr, wallah. Aber: Zumindest einen sehr losen Lovecraft-Bezug verpasst du dann!

CAV

Der Name dieses Lokals steht für „Cocktails, Antiques, Victuals“, wobei ich vermute, dass „Victuals“ den gleichen Wortstamm beherbergt wie z.B. der Münchner Viktualienmarkt.

Chatty sagt:

CAV geht auf Sylvia Moubayed (1936–2017) zurück. Sie wurde in Alexandria in Ägypten geboren, wuchs international geprägt auf und sprach mehrere Sprachen. 1963 musste sie mit ihrem damaligen Ehemann, dem Arzt Samir Moubayed, Ägypten als politische Flüchtlinge verlassen. […] Sylvia hatte zunächst überhaupt keine klassische Gastronomiebiografie. Sie studierte Library Science an der University of Rhode Island und wurde später Executive Director des Providence Athenaeum.

Sie war also in Lovecrafts Lieblingsbibliothek Direktorin, die in den 1840ern auch E.A. Poe besucht hatte … und dann gründete sie um 1990 das CAV. Wir waren hier am letzten gemeinsamen Abend essen und haben es nicht bereut: Vor allem meine Vorspeise, „Pistachio Encrusted Jumbo Crab Cake“, war genial. Die Hauptgerichte waren gut, aber nicht so überragend – ich hatte 5 fette Jakobsmuscheln mit Hummer-Risotto; lecker, aber fast ein bisschen zu viel vom Guten.

Weiteres Seafood, u.a. Oyster Bar #2

Sehr empfehlen kann ich die Providence Oyster Bar, die 5 Minuten von meinem Airbnb in Federal Hill entfernt lag. Austern (mjam), Cherrystone Clams (okay) und Littlenecks (bäh, wurde ich nicht warm mit) zu 1 Euro, dazu einige Snacks reduziert; ich nahm dennoch den Chowder – und zwar den Rhode Island-Chowder, der im Gegensatz zum New England-Chowder klar ist und nicht sahnig-sämig. Das schmeckte mir aber zu sehr nach einer fischigen Kartoffelsuppe – ich bevorzuge NE-Style.

 

Außerdem hatte ich eine weitere Lobster Roll bei Dune Brothers (stolze 42 Dollar …) und dann noch einmal NE-Chowder am Flughafen (wieder Legal Sea Foods wie in Boston). Und ich glaube, das war es dann auch an Seafood. Daher wird es nun noch Zeit fürs …

Food-Ranking

Without further ado:

  1. Lamm-Burger im Gift Horse (und da war generell alles lecker)
  2. Crab-Cake im CAV (der Rest war leider nicht on par)
  3. Die erste Lobster-Roll in Boston, mit Clam Chowder on the side (das prägte meine Liebe zum Chowder!)
  4. Shukette in NYC: Alles lecker, vor allem die Aubergine
  5. Old Town Burger in NYC – vor allem, weil es genau das Richtige zur richtigen Zeit war

Außer Konkurrenz läuft das Omakase – das war lecker und ein Erlebnis, aber eben weitaus mehr als ein Essen.

(Back) to Lovecraft! Oder erstmal: Poe

Der Spaziergang führte uns dann weiter auf College Hill östlich des Providence River und zum Athenaeum – einer legendären Bibliothek, die wie schon gesagt bereits E.A. Poe und Lovecraft frequentierten. Zu Poe gibt es hier eine erst schöne, dann tragische Liebesgeschichte mit einem der spektakulärsten literarischen Breakups überhaupt – perfekte Romantik eben.

Poe im Athenaeum

Poe war 1847 verwitwet, und einer NecronomiCon-Session zufolge litt er sehr darunter. Als Schriftsteller war er erfolgreich wie nie, aber privat plagten ihn Suizidgedanken und die alten Dämonen seiner Abhängigkeiten. In Providence eröffnete sich ihm dann eine neue Beziehungsperspektive in Form von Sarah Helen Whitman, einer selbst recht erfolgreichen Dichterin, der er u.a. in ihrem noch heute zu besuchenden Rosengarten den Hof macht. Das schien irgendwann Früchte zu tragen, und die beiden verlobten sich – unter einigen Auflagen, etwa dem Erbverzicht Whitmans (die Mutter hielt Poe, vermutlich zu Recht, für keine gute Partie) und einem Drogen- und Alkoholverzicht Poes.

Nur wenige Tage vor der Hochzeit (die auf einen der Weihnachtstage terminiert war) saßen die beiden in besagtem Athenaeum, Whitman wurde ein Zettel zugesteckt – und der offenbarte, dass Poe die letzten Tage auf einer gewaltigen Zech-Tour gewesen war. Whitman löste die Verlobung, sie sahen sich nie wieder und Poe starb ein halbes Jahr später unter den bekannten mysteriösen Umständen.

Aber wo ist Lovecraft?

Poe, der Providence insgesamt nur eine Handvoll Male gegen Ende seines Lebens besuchte, hat in der Bücherei eine Gips- (oder Marmor-?) Büste. Lovecraft, der sein ganzes Leben dort verbrachte (sieht man von den unseligen New Yorker Jahren ab) und von sich sagt „I AM PROVIDENCE“, nicht. Wie ich auf einer Walking Tour im Rahmen der NecronomiCon erfuhr, besitzt das Athenaeum eine Metallskulptur, und es ist nicht ganz klar, wieso sie nicht ausgestellt wird; vielleicht passt sie nicht hinein.

Aber die Frage „Wo ist Lovecraft?“ stellt sich auch andernorts. Im Gift Shop des Athenaeums etwa finden sich zahllose antikisierende Präsente (klar, das Ganze ist ja ein Athene geweihter Bildungs- und Wissenstempel), einiges zu Poe und Whitman, aber zu Lovecraft nur ein kleiner Schlüsselanhänger. Auf Nachfrage, ob das Athenaeum die NecronomiCon merke, antwortete der Bibliothekar etwas ausweichend, es sei ein „busy summer and will be a busy fall“ …

Und auch im Stadtbild vermisst man Lovecraft. Einer der bekanntesten Söhne der Stadt hat keine Straße, keinen Platz (man fokussiert sich da lieber auf den Begründer von Providence und RI, Roger Williams) – an einer Kreuzung wurde auf private Initiative und Kosten hin eine Plakette angebracht. Es ist fast so, als wollte man diesen größten aller Fans der Stadt bewusst nicht „ehren“. Auch Autor Edward Carmien machte im Zuge der NecronomiCon ebenfalls die Erfahrung, dass Lovecraft-Monumente im öffentlichen Raum Mangelware sind: „404 – Lovecraft not found“.

Dafür gibt es dann freilich den gemeinnützigen Buchladen „Weird Providence“ in der ersten Mall der USA, der „Arcade“. (Leider ohne Barcade-Filiale und auch ohne Klimatisierung.) Der hat allerlei Weirdes in den Regalen und richtet auch die NecronomiCon aus. Ich war erstaunt, wie klein der Laden ist – aber randvoll mit Kuriosa, u.a. auch mit Resten der „berühmten“ Kirche St. John in Federal Hill aus „The Haunter of the Dark“, doch dazu später mehr.

Weitere wichtige Orte

Die folgenden Tage brachten Exkursionen zu den verschiedensten Orten mit sich, ich nenne hier nur die wichtigsten. Wer wirklich alle Orte besuchen will, an denen man einen glimpse von Lovecraft erahnen kann, sollte sich auf Reddit umtun, Chatty fragen oder etwa beim Lovecraft Archive die entsprechenden Karten und Touren herunterladen. Oder noch besser: darauf warten, dass Donovan Loucks, der Betreiber des Archivs, mal wieder eine Walking Tour gibt; ich habe an einer teilgenommen und war sehr angetan, auch wenn ich die meisten Orte vorher schon auf eigene Faust erkundet hatte.

Prospect Terrace

Einer von Lovecrafts Lieblingsorten bietet einen schönen Ausblick auf die Skyline, das Superman Building, das Biltmore Hotel (wo ein Teil der NecronomiCon stattfand) und auch in die Ferne auf Federal Hill und so fort. Außerdem kann man hier ganz schön verweilen.

Swan Point Cemetery

Was zunächst auffällt: Der Friedhof ist per Bus eher schlecht erreichbar, dafür umso besser per Auto. Man kann auf amerikanischen Friedhöfen nämlich offenbar bis an die Gräber heranfahren (aber nur mit 15 mph!) – Fußgänger auf dem Friedhof sind eher eine Ausnahme. (Wobei auch nicht viele Autos fuhren, als wir da waren.) Im Zweifel erreicht man Swan Point aber auch per pedes in einer Dreiviertelstunde vom Zentrum.

Ein hübscher Ort, einige Bäume und Gewässer, viele Krypten und Mausoleen, und natürlich jede Menge Gräber. Lovecrafts Grabstein ist auf Maps verzeichnet und leicht zu finden. (Auf der offiziellen Friedhofskarte fehlt er aber – vielleicht sollen keine Nekromanten die Totenruhe stören …?)

Das Grab kennt man als HPL-Fan sowieso von Fotos – es ist genau so, wie man es kennt; mir war nur nicht klar, dass die Eltern einen Meter weiter ein deutlich größeres Familiengrab haben. Nicht ganz verstanden habe ich, wieso das Grab nicht etwas „gesäuberter“ aussah: Einen Tag vor der NecronomiCon hätte ja mal jemand vorbeikommen und das Gestrüpp lichten können … aber vielleicht liegen dafür zu viele Opfergaben aus aller Herren Länder darauf.

So, nun habe ich also meinen knapp 20 Jahre alten Traum erfüllt, einmal das Grab Lovecrafts zu besuchen. (Und natürlich habe ich etwas da gelassen.)

Home alone

Nach den wichtigsten Mahlzeiten und Erkundungen verließ Freundin Providence, die USA und mich, um sich der Katzen anzunehmen. (Lovecraft hätt’s verstanden, es gibt ja die Anekdote, dass er einmal in einem Stuhl sitzend die Nacht durchwacht hat, weil er eine auf seinem Schoß liegende Katze nicht wecken wollte. Und „The Cats of Ulthar“ spricht auch eine deutliche Sprache.) Das war einerseits schade – Dinge zusammen entdecken macht schon viel Spaß -, aber es erlaubte mir dann auch ein paar Spaziergänge auf eigene Faust.

Federal Hill

Der erste führte mich zu St. John’s Roman Catholic Church – oder besser gesagt dazu, was davon übrig ist: nicht viel. Die Kirche spielt eine wichtige Rolle in „The Haunter of The Dark“, Lovecrafts letzter Story. Darin beobachtet ein Schriftsteller von einem Haus auf College Hill (genauer: von Lovecrafts damaligem Arbeitszimmer aus) eine düstere Kirche auf dem gegenüberliegenden Federal Hill. Er investigiert dort und findet die Spuren einer alten sinistren Kirche, der Church of Starry Wisdom, und einen merkwürdig leuchtenden Trapezoeder … Leider ist von der historischen Kirche quasi nichts mehr da. Das Grundstück ist nun ein Park, und darauf findet sich ein Mahnmal zur italienischen Immigration. Laut Wikipedia wurde das Gebäude 1992 abgerissen, das hätte ich also beim besten Willen nicht mehr schaffen können, da war ich 5 …

Die letzten Trümmer der düsteren Kirche sind nun ein Mahnmal

Ich mag diese Geschichte sehr gerne und finde es ganz cool, dass ich nun alle Entfernungen verstehe, die örtlichen Begebenheiten kenne, mir vorstellen kann, in welchen Häusern die Beteiligten gewohnt haben usw. Schade ist, dass es nicht einmal eine Infotafel o.ä. gibt.

Update: Ein neues, offenbar noch nicht im Web aufzufindendes Foto der ehemaligen Kirche gibt es bei tentacli.

Zyn

Achso, ein Einschub muss noch sein: Ich habe ja schon vor 8 Jahren aufgehört zu rauchen, und nach dem diesjährigen Wien-Urlaub, wo mir französische Schulkinder meine E-Zigarette geklaut haben, auch mit dem Dampfen. In Wien war die beste Alternative dann, sich Nikotin-Pouches zu kaufen (nach einigem Hin und Her). Und das ist eine ganz eigene und nicht ganz unproblematische Welt, weil diese Pouches offenbar bei U.S. Health and Human Services Secretary Robert F. Kennedy Jr. und seinen Alt-Right-Bros super beliebt sind. Da kann ich aber nix für.

Die bekannteste Marke in den USA ist Zyn (hier: Velo, nehme ich an, in Österreich jedenfalls), unter dem Hashtag findet man jede Menge Instagram- und TikTok-Posts. Ich wollte aber noch mehr kennenlernen, und steuerte einen Smokeshop an, der komischerweise neben Pouches und Bongs auch Warhammer und Magic anbietet. Mit dem Verkäufer verquatschte ich mich dann und wies ihn auf die NecronomiCon hin; die sagte ihm nicht viel, die Kirche um die Ecke auch nicht, aber zumindest Lovecraft kannte er gut und hatte sogar eine Porträt-Skulptur im Laden hängen. Die erste und einzige Lovecraft-Ehrendarstellung der ganzen Reise!

Social problems

Achja: Ein Nebensatz des Verkäufers beunruhigte mich dann kurzfristig ein bisschen. Er meinte, ich solle nachts nur auf den großen Straßen laufen – „one block’s good, two streets down it’s very bad“. Ich habe mich dran gehalten, schon aus Gründen der Müdigkeit, aber zusammen mit ein paar Eindrücken aus dem Stadtzentrum (eher aggressiv angebettelt werden; herumbrüllende halbnackte Männer auf Parkbänken; zankende Wohnungslose (?) vor der Kirche in Mathewson Street) hat mir das mehr Nackenschauer gemacht als alle Lovecraft-Stories auf dem Hinflug. Soweit nur als Warnung: Auch wenn Providence walkable und scheinbar ziemlich safe ist, sollte man sich ein bisschen informieren, wo man gerade auf Lovecrafts Spuren herumläuft.

When did I become Providence?

Übrigens kannte ich mich nach insgesamt 4 Tagen in Providence, davon knapp 2 alleine, ausreichend aus, um asiatischen Touristinnen ein paar Wege zu beschreiben – das gibt vielleicht einen Einblick in die Dimensionen der Stadt: Das Zentrum kennt man relativ bald sehr gut.

Die NecronomiCon

Und nun: Cut. Nachdem ich mich tagelang darüber gewundert habe, dass HPL keine große Rolle spielte, spielt er nun die Hauptrolle. Nicht die einzige – das Programm ist sehr viel breiter als nur Call of Cthulhu und H.P. Lovecraft. Aber er ist schon ein Schwerpunkt und Gravitationszentrum – er wurde in jedem Panel erwähnt, er war immer die letzte Referenz, wenn es um literarische Zuordnungen ging usw. Und die NecronomiCon ist keine kleine Veranstaltung; sie belegt die wesentlichen Tagungsräume des größten und des drittgrößten Hotels (laut Providence/Warwick Convention & Visitors Bureau Sales Kit), es kommen insgesamt ca. 2000 Menschen und die Teilnehmenden dominieren das Stadtbild (zumindest in Downtown).

Die Pre-Party

Noch bevor die NecronomiCon losging, gab es eine Pre-Party in der Narragansett Brewery am Hafen (oder jedenfalls am Wasser). Es fuhr ein Bus 3 Minuten vor meinem Appartement bis zu einer Haltestelle 10 Minuten vom Veranstaltungsort entfernt – den nahm ich natürlich, und alles klappte wunderbar.

Die Party selber umfasste, würde ich sagen, ca. 15-20 Leute – mangels eines zentralen Tisches oder einer Orga konnte ich nicht sicher sagen, wer dazugehörte. Ich unterhielt mich dann einfach mit den 4 Leuten am ersten Tisch, der mich aufnahm. Und, siehe da: Eine Frau aus Massachusetts erkannte mein Marblehead-Cap – war selber aber noch nie dort. Will sie aber offenbar seit Jahrzehnten.

Smalltalk, Bigtalk

Die meisten Gespräche drehten sich relativ schnell um meine Herkunft; in fast jeder Gruppe war ich der weitest Gereiste, und die meisten Leute hatten ein sehr positives Deutschlandbild – egal, ob sie schon mal da waren oder nicht. Und dieses Thema wird sich durchziehen: Fast jedes Gespräch drehte sich in den ersten 3 Minuten darum, woher ich komme, ob dieses „Nuremberg“ bei „Munich“ oder bei „Frankfurt“ liege usw. In manchen Fällen kam man davon dann wieder los, in anderen nicht.

Ich fragte die Leute natürlich ebenfalls ein wenig aus, und gewann hier einen Eindruck, der sich ebenfalls durchzog: Sehr viele Leute (die Hälfte?) war zum ersten Mal auf einer NecronomiCon, obwohl das schon die … achte seit 2013 ist. Überwiegend sind die Leute wegen Rollenspielrunden her oder sind zumindest durch Rollenspiel auf Lovecraft und den Mythos aufmerksam geworden (ich ja auch); es gibt aber eine etwas kleinere Gruppe von Literatinnen und Autoren, viele unveröffentlicht, die dort sind, weil sie schreiben und eher eine literarische als eine Gaming-Convention besuchen. Scholars habe ich keine kennengelernt. Übrigens: Meinen Tisch traf ich am nächsten Tag zur Walking Tour wieder; danach verlor ich die Leute völlig aus den Augen. Ganz generell schien mir die Veranstaltung zu groß, um Leute zufällig wiederzutreffen – und ich redete fast jeden Tag mit anderen Personen.

Take the bus, they said

Die Rückfahrt klappte auch wunderbar, war nur sehr unheimlich – erst 10 Minuten Fußweg durch leere Straßen, dann ein leerer Bus in finsterster Nacht, dann wieder 3 Minuten durch Federal Hill, bezüglich dessen mich der Smokeshop-Verkäufer verunsichert hatte … naja, aber ging natürlich alles gut.

Registrierung und Walking Tour

Apropos Fußweg: Pedestrianism fühlt sich deutlich besser an, wenn man nicht allein ist. Am nächsten Tag – nach erfolgreicher Registrierung, bei der ich meine Goodie-Bag mit „Silver Key“-Anstecknadel und T-Shirt bekommen hatte – gab es eine Walking Tour mit dem „Lovecraft Archive“-Betreiber Donovan Loucks.

Die meisten der Orte hatte ich schon besucht, aber viele Details waren mir natürlich durchgerutscht oder einfach nicht aufgefallen – so etwa ein relativ großer „Innenhof-Friedhof“ in einem Häuserblock oberhalb des Roger-Williams-Memorials. Und Loucks erläuterte nicht nur die wesentlichen Lovecraft-Orte, sondern auch viele Details der Stadt- und Staatsgeschichte (die ich, natürlich, schon wieder größtenteils vergessen habe).

Spannend: Anscheinend wurden innerhalb von Providence schon häufiger ganze Häuser umgesetzt. Man lädt also ein altes viktorianisches Haus auf einen Schlepper, fährt ihn ein paar Straßen weiter und setzt ihn wieder ab. Sogar bei Häusern mit Keller – ich habe extra gefragt. So passiert mit Lovecrafts letztem Wohnhaus – man kann es noch ansehen, aber nicht mehr an der Stelle, wo Lovecraft es bewohnte.

Eröffnung & Party („Black Lodge“ für „Silver Keys“)

Die feierliche Eröffnung ist neben dem Prayer Breakfast einer der Programmpunkte, die man laut mehrerer meiner Gesprächspartner keinesfalls verpassen sollte. Sie findet traditionell in der First Baptist Church statt – und hatte formal und tonal tatsächlich mehr von einem (christlichen) Gottesdienst, als ich gedacht hätte: Gerahmt von einem klassischen Orgelkonzert, mit Predigten und Wortbeiträgen. Dabei changierte das Ganze zwischen Religionsparodie, ernsthaften Speeches (vor allem zu politischen Themen und vor allem von nicht-Lovecraft-Beiträgern wie der Pastorin) und Gag-Einlagen. Und natürlich sind nicht alle Teilnehmenden Vertreter der menschlichen Spezies …

Kurz danach fand dann die zweite Party statt – Open Air in einer kleineren Straße am Rand des Zentrums, mit Live-Performances auf einer Straßenbühne. Als „Silver Key“-Teilnehmer durfte ich in einen etwas ruhigeren, erhöhten Party-Bereich, wo ich mich dann ein paar Stunden mit verschiedenen anderen „Silver Keys“ unterhielt.

Auch hier wieder: Es ging viel um Fragen der Herkunft und Anreise, um die Europaerfahrungen meiner Gesprächspartner und wie man eigentlich zum Mythos kam. Gegen Ende führte ich noch das im ersten Artikel erwähnte Gespräch mit einem Amerikaner, den das deutsche bzw. europäische Stimmungsbild bezüglich der USA interessierte. Und dann schlief ich mich aus für den ersten echten Con-Tag.

Programmauswahl

Das Programmheft der NecronomiCon (das man auch online einsehen kann) ist sehr dick. Es fanden permanent mindestens 5 Haupt- und 3 Neben-Events statt. Zusätzlich konnte man sich fast immer einer RPG-Runde anschließen oder einer Lesung/Aufführung beiwohnen.

Die inhaltlichen Sessions waren – jedenfalls die, die ich besuchte – fast alle als Panels gestaltet, nur wenige als Vorträge. Ich beschränkte mich weitgehend auf den Besuch solcher Panels und erkundete ansonsten das relativ weitläufige Con-Areal in den beiden austragenden Hotels (das „Biltmore“, das heute Graduate heißt, und das „Omni“).

Beide Hotels bringen einen gewissen alten Glanz mit, der perfekt zur NecronomiCon passt, und im Biltmore ist sogar der Aufzug ein kleines Stück Weird Americana. Nicht nur wegen des stark abgenutzten Messing-Bedienfelds und der über Jahrzehnte ausgetauschten Knöpfe, sondern schon wegen seiner Etagenlogik: L(obby) statt 1, dazu ein M(ezzanine), dann die normalen Stockwerke – aber keine 13. Nimmt man dazu, dass es kein Treppenhaus gibt, hat man damit schon fast das Setting für eine Cthulhu-Runde …

Note bene: Wenn man mal dort ist, muss man unbedingt den Blick über die Stadt genießen, den man aus dem 17./18. Stock des Biltmore hat.

Vendor Hall, Kunst und andere Providence-Events

Als Silver Key-Teilnehmer darf man ein bisschen früher in den Handelstempel der NecronomiCon, um dort noch mehr Geld auszugeben. Davon habe ich auch Gebrauch gemacht – aber nicht exorbitant. Vertretene Händler sind neben Chaosium, Weird Providence, der HPLHS (wo ich mir eine der Event-Briefmarken abholte) auch viele freie Autoren, kleine Handwerker usw. Nicht alle mit direktem Mythosbezug. Eine schöne Begegnung: Joe Broers, von dem ich eine Tcho-Tcho-Schamanenstatuette besitze und mit dem ich vor Jahren mal einen kurzen Austausch hatte.

Zusätzlich fand am Rande von Downtown eine kleine, feine Kunstausstellung statt, wo u.a. einige Originale des Manga-Artist Gou Tanabe ausgestellt waren. Ich bin ja kein Manga-Leser und hätte mir selbst vermutlich keinen davon gekauft, aber eine Freundin und ein Freund haben mir dieses Jahr (unabhängig voneinander) Tanabe-Ausgaben geschenkt – und ich war nicht enttäuscht. (Einer der Bände enthält auch Kingsport-Geschichten, die ich in Vorbereitung auf Marblehead nochmal gelesen hatte.)

Und am Samstagabend hatte ich Gelegenheit, einen kurzen Blick auf das jährliche „WaterFire Providence“ zu werfen. Zu diesem Anlass werden dutzende Feuerschalen in den Flüssen und Bassins entzündet und erleuchten den Fluss. Diesmal war es nur ein „kleines“ Lighting, aber dennoch kamen viele hundert Menschen zusammen. Sah aus wie das Ritual zur Beschwörung eines Großen Alten … nur waren alle zu gut drauf.

Prayer Breakfast

Bevor wir zu den Panels kommen: Jede NecronomiCon featured als zentralen Programmpunkt ein Gebetsfrühstück an die Großen Alten im prächtigen Ballroom des Biltmore (17. Stockwerk). Das sind anderthalb Stunden Predigt, Choräle und Videobotschaften. Dazu gibt es American Breakfast mit French Toast, Syrup, Eggs, Bacon usw. Die Veranstaltung war sehr unterhaltsam, aber ähnlich wie bei der Eröffnung in der First Baptist schwankte auch hier der Ton sehr zwischen realer politischer Botschaft und spielerisch-satirischem „Gottesdienst“. Grundaussage: Wir haben als Menschheit ganze Arbeit geleistet, die Großen Alten können erwachen! Diese Kritik war mir etwas zu direkt.

Ich hatte ja vorhin erwähnt, dass es im Biltmore „offiziell“ keine Treppen gibt. Daher drängten sich danach 250 Menschen vor den vier Aufzügen, in die jeweils 8-10 Personen passen (und die gegen 10 freilich auch von anderen Hotelgästen genutzt werden). Und natürlich war allen klar, dass es alleine aus Brandschutzgründen irgendwo Treppen geben musste … auch wenn das Personal dies auf Nachfrage verneinte. Schließlich fand eine Gruppe von ca. 10 Wagemutigen (mich eingeschlossen) auch ein relativ normales Treppenhaus und wir arbeiteten uns 17 Stockwerke nach unten – um dann vor verschlossener Tür zu stehen: „Fire exit only – Alarm will sound“.

Also wieder einige Treppen nach oben – und im 3. Stock landeten wir wieder vor normalen Hotelzimmern und Suiten. Allerdings standen wir dann wieder vor Aufzügen, die natürlich weiterhin völlig überbelegt waren … Ein glücklicher Zufall beim Öffnen einer unbeschrifteten Tür brachte uns dann aber plötzlich in ein normales Treppenhaus und ein Stockwerk weiter unten wieder in die Lobby. Leider gab es dafür keine Erfahrungspunkte.

Die Panels

Ich glaube, es hat keinen großen Sinn, alle Panels nachzuerzählen. Daher nehme ich hier nur die Chronologie auf – wenn ihr Fragen zu einzelnen Veranstaltungen habt, immer her damit, noch ist meine Erinnerung frisch.

Datum Zeit Panel Kurzinhalt Fazit
14.08. 11:00 Religion in Call of Cthulhu (RPG) Mythos-Theologie im Rollenspiel Einige gute Gedanken zur Frage „Warum wirkt ein Kruzifix gegen den Mythos und sollte das so sein?“ – und wie man das am Spieltisch auflöst
14.08. 14:00 Poe and Whitman Poes Verlobung mit Sarah Helen Whitman, endete im Providence Athenaeum Bezug zum Athenaeum-Besuch und eine fällige Würdigung der Dichterin
14.08. 15:30 Willis Conover & HPL at Last Conovers Biografie, Briefwechsel mit Lovecraft, Bezug zum Newport-Jazz-Plakat im Airbnb Ein wenig unstrukturiert und schlecht besucht, daraus hätte sich mehr machen lassen
14.08. ~17:00 Guest of Honor Panel Gou Tanabe (kommt spät), Diskussion „What is weird fiction?“ Die Fragen waren etwas zu generisch – aber das Panel vielleicht auch zu groß.
15.08. 9:30 Science of the Dreamlands Traumwelt-Kosmologie und Lovecrafts materialistische Philosophie Super unterhaltsamer Science-Vortrag mit Dreamlands-Allegorien.
15.08. 11:00 Burroughs „Lovecraft und Burroughs — twins from alternate universes“, Drogen/Träume, Kontrolle/Unterdrückung So stelle ich mir Literaturseminare bei Bowles oder auch Barlowe vor! Und der „Bad boy appeal“ trägt ja z.B. auch bei Poe und Whitman
15.08. 14:00 White Rabbits and Purple Haze Psychedelic Era, Burroughs/Beat/Okkultismus, Tangier-Klammer (Paul Bowles) Eigentlich die Fortsetzung des vorherigen
15.08. 15:30 The Call of Cthulhu at 100 (~200 Leute!) Geschichte der Erzählung, Nachwirkung etwas unstrukturiert, roter Faden fehlt
15.08. 17:00 Dark Folk Music Folk als Genre-Werkzeug für Horror, Referenz vs. Aneignung. Inkl. ein paar Musikstücken! etwas wenig Mythos-Bezug.
15.08. 18:30 Collectible Lovecraft Sammler von Originalen, Erbregelungen, „wird das die Generation überleben?“ nette Anekdoten, aber irgendwie unsympathisch – ein bisschen elitär. Keine Preise genannt -> da bringt einen Chatty weiter, wenn man nach Sammlungsgebieten fragt
16.08. 11:00 Decoding Mythos (Armitage Symposium) Sprache/Comics (Moore), KI-generierte Grimoires, Azathoth als KI, vierten Vortrag vergessen. 3 Vorträge eher schwach, einer genial: Die Unterseekabel des modernen Internet liegen da, wo der leuchtende Trapezoeder ins Meer geworfen wurde. LLMs sind Schoggothen.
16.08. 15:30 David Lynch and the Weird 5 Lynch-Begeisterte diskutieren . Jetzt habe ich Lust, wieder Lynch zu gucken

Wie man sich vorstellen kann, war mein Kopf dann aber auch zu. Ich skippte die letzten Veranstaltungen zugunsten eines weiteren College-Hill-Spaziergangs und der Erkundung des Brown-Geländes.

KI

Ich war anfangs irritiert, dass KI keine große Rolle im Programm spielte – bin ich momentan eigentlich bei jeder Veranstaltung, die das nicht auch zumindest zum Nebenthema macht. Nur ein Panel hatte das Thema eingebaut, und das war eine hübsche Allegorie auf KI als Azathoth und als Schoggothe (eine mächtige Diener-Spezies, die sich irgendwann auflehnt). Ansonsten fand man vor allem Warnungen vor KI und Bekenntnisse, auf sie zu verzichten – etwa schon im Programmheft und in der Vendor Hall.

Bei ein paar Veranstaltungen gab es zumindest Seitenhiebe gegen KI, beim Prayer Breakfast etwa auf KI-Slop, der in einem Atemzug mit Klimaerwärmung als große Bedrohung der Sanity der Menschheit gelobt wurde, oder in der Folk-Session in Form der Bemerkung, dass in Zeiten von KI-Unsicherheit wieder „music without electricity“ gesucht werde.

Vermutlich liegt dieser latente Bekenntniszwang „gegen KI“ an der großen Präsenz unabhängiger Künstler, die sich durch LLMs und Co. (zu Recht?) bedroht fühlen …? Ich weiß es nicht genau, aber es schien mir hier Potenzial verschenkt zu werden. (Die Deutsche Lovecraft Gesellschaft hat momentan aber offenbar auch sehr kontroverse Diskussionen um KI – und mir scheint, dass sich momentan eher eine ablehnende und maschinenstürmerische Fraktion durchsetzt. Ich frage mich, wie lange. Aber vielleicht kauft so etwas ja auch ein bisschen Zeit für die unumgängliche Adaption …?)

Das Fazit: Bin ich HPL nähergekommen?

Am Ende war ich vor allem voll, erschöpft, over-socialized und müde. Providence und die NecronomiCon waren schön, aber sehr anstrengend – gerade auch, so lange mit so vielen verschiedenen Menschen in einer Sprache zu reden, die halt doch nicht meine Muttersprache ist. (Und btw, auch wenn mir Leute das immer nicht glauben: Ich bin eher introvertiert.)

Mein Ziel, Lovecraft „näher“ zu kommen, wurde jedenfalls erfüllt – schon mit Marblehead (wenn auch nicht mit Salem), und erst recht mit Providence. Ich habe das Gefühl, die Topographie sowohl der Geschichten Lovecrafts, seiner Biographie als auch von Rollenspielszenarien jetzt wesentlich besser nachfühlen zu können: Wie sieht Arkham aus, wie bewegt man sich durch Kingsport, wo machte Lovecraft seine Nachtspaziergänge? Welchen Blick hat man auf das Teufelsriff vor Innsmouth, wie fühlt sich das Gilman Hotel an? Ich habe auch durchaus verstanden, wieso man Providence als Heimatort lieben und sich damit identifizieren kann; auch wenn mir der Ort definitiv zu klein wäre.

Zum Schluss: Fragen?

Das hier ist ein relativ strikt chronologischer Reisebericht geworden. Falls ich in den nächsten Wochen Zeit und Muße finde (vulgo: „Lust habe“), schreibe ich vielleicht vertieft zu ein paar Einzelthemen. Daher die Frage ans geschätzte Publikum: Was interessiert euch besonders? 

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Authentizität, Kulissen und Simulakren (2026 travels, Part 2: Boston, NYC, Philadelphia, New Haven) https://dennisschmolk.de/2026/08/20/boston-nyc-philadelphia-new-haven/ https://dennisschmolk.de/2026/08/20/boston-nyc-philadelphia-new-haven/#comments Thu, 20 Aug 2026 17:37:54 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7608 Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite. Btw: Er erscheint an Howard Philipps Lovecrafts 136. Geburtstag. Zum Beitragsbild: Nein, das ist kein KI-Bildgenerierungsfehler, sondern eine Arbeit von Jasper Johns. Der hat oft Zeug mit US-Flaggen gemacht. Ich habe den groben Ablauf ja ... Mehr

Der Beitrag Authentizität, Kulissen und Simulakren (2026 travels, Part 2: Boston, NYC, Philadelphia, New Haven) erschien zuerst auf Dennis Schmolk.

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Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite.

Btw: Er erscheint an Howard Philipps Lovecrafts 136. Geburtstag.

Zum Beitragsbild: Nein, das ist kein KI-Bildgenerierungsfehler, sondern eine Arbeit von Jasper Johns. Der hat oft Zeug mit US-Flaggen gemacht.

Ich habe den groben Ablauf ja schon im ersten Post skizziert, aber nochmal der Klarheit halber: Wir reisten Ende Juli über Amsterdam nach Boston (Logan International) ein, verbrachten dort 4 Nächte, fuhren per Amtrak weiter nach NYC (ebenfalls vier Nächte), Philadelphia (2 Nächte), New Haven (2 Nächte) und endeten schließlich in Providence. Freundin fuhr dann nach 2 Nächten heim, ich blieb insgesamt 7 Nächte. Dann ging es per Amtrak nach Boston und über Amsterdam auch für mich nach Hause.

Boston (4 Nächte)

Nach der im ersten Post geschilderten Einreise ging es im wunderschönsten New-England-Wetter ins Airbnb: regnerisch, kühl und düster. Unsere noch nicht ganz so schweren Koffer mussten ins vierte Stockwerk geschleppt werden – also nach deutscher Zählung ins dritte, zum Glück. Und die Abendversorgung erledigte der relativ nahe gelegene 7-Eleven, das Unterhaltungsprogramm die Fernsehwerbung.

Die nächsten Tage waren dann vor allem von Jetlag gezeichnet: Wir gingen früh ins Bett oder spät, schliefen unruhig und waren vor allem tagsüber öfter müde. (Ich neige aber offenbar auch dazu, überdreht zu werden – vor allem jetzt beim Jetlag nach der Rückreise.)

Aquarium und Lobster

Am ersten richtigen Tag in Boston erkundeten wir Downtown. Das ist ja ein bisschen anders als bei uns: Neben dem historischen Kern ragen sofort zahlreiche Wolkenkratzer in den Himmel; so, als hätte man den Nürnberger Frauentorgraben mit Business-Tower-Gebäuden vollgepflanzt. Und wir besuchten das New England Aquarium. Sehenswert, unterhaltsam, und vor allem architektonisch recht interessant. Ich hätte es mir vorher allerdings etwas größer vorgestellt. Unbedingt mitnehmen: die Riesenschildkröte im großen Wasserzylinder; so etwas habe ich noch nie gesehen.

Wenn man dann jede Menge sea animals gesehen hat, kann man auch welche essen: Danach gab es den berühmten New England Clam Chowder und dazu eine Lobster Roll. Ich hatte noch nie Hummer gegessen; und leider muss ich sagen, dass ich ihn mag. Das wird meinen künftigen Speiseplan also teurer machen – wobei man den hier bei uns ja quasi nicht bekommt, also eher das zukünftige Reisebudget vergrößern. Clam Chowder übrigens: beste Suppe.

Gardner-Museum

Nach einer relativ langwierigen U-Bahn-Anreise besuchten wir dann am kostenlosen Donnerstag das Isabella-Gardner-Haus. Das hätte super spannend werden können (und war es anfangs auch): Eine reiche Dame des frühen 20. Jahrhunderts, die einfach alles Mögliche sammelt und dafür sogar ein Haus kauft? Count me in, das ist eine echte Seelenverwandte. Leider war ich ab irgendeinem Zeitpunkt dann so groggy und müde, dass ich mich nicht mehr traute, an die hochgelegenen Balustraden zu treten – aus Angst, abzustürzen. Danke, Jetlag.

Spaziergänge

Am nächsten Tag stattete ich dem Boston PD-HQ einen Besuch ab. In einer CoC-Rollenspielrunde vor wenigen Jahren hatten wir mal Polizeikräfte der Stadt gespielt, und deren Bürogebäude wollte ich mal besichtigen. Danach ging es für einen Freund und großen Boston-Legal-Fan zu 500 Boylston Street, dem Gebäude der Außenaufnahmen von Boston Legal. Sehr cool – aber auch zum ersten Mal der Eindruck, dass a) Boston kleiner und weniger großstädtisch ist als in meiner Vorstellung und b) dass in den USA auch vieles „Kulisse“ ist. Denn Boston Legal ist ziemlich vollständig in L.A. gedreht. Das wird uns in NYC und anderswo noch öfter begegnen: Man kennt alles Mögliche aus dem Fernsehen, aber irgendwie ist dort „mehr dahinter“. Die Kulisse alleine erzählt eben noch keine Geschichte. (Abends waren wir dann noch neben dem Boston Legal-Gebäude bei Legal Seafoods, aber ich schweife ab.)

Ebenfalls ein Spaziergang: Wir machten eine „Free Walking Tour“, in der sehr viele Infos aus der Revolutionszeit, dem Bürgerkrieg und der restlichen Geschichte New Englands gedroppt wurden. Ich habe, offen gestanden, nicht allzu viel behalten. Interessant war die Zusammensetzung: 5 Personen, davon 3 aus Deutschland und zwei, die gerade in Zürich wohnen (einer davon Schweizer). Freundin sagte, dass solche Tours generell sehr beliebt sind bei Deutschsprachigen.

Salem (Arkham) …

Ebenfalls viel Kulisse erwartete uns in Salem. Denn dort fand eine Parade zum 400. Jahrestag der Stadt statt – alle lokalen Vereine, aber auch Broomstick-Witch-Choreographien plus mittelständische Unternehmen wie das lokale Bestattungshaus paradierten durch die Straße hinterm Fähranleger. (Die Fähre ist den Aufpreis gegenüber einer Zugfahrt von Boston aus übrigens wert!) Freundin fand das sehr authentisch für eine amerikanische Kleinstadt; ich war mir da unsicher: Ist das die Präsentation von etwas Realem oder von einer Vorstellung? Haben wir einen Einblick bekommen in eine vom Tourismus gezeichnete Stadt, die sich selbst zelebriert und Touris halt nur zufällig dabei sind – oder war das auch eine weitere Inszenierung für die Auswärtigen? Vermutlich beides ein bisschen.

Der Rest des Spektakels jedenfalls, und da waren wir uns einig, ist reine Kulisse: Salem ist die Kommerzialisierung der Tragödien der Hexenverfolgung; teils für ein esoterisch aufgeschlossenes Publikum (ich brauche nichts sagen – ich habe ein Tarot-Deck gekauft), teils als Vergnügungspark für jedermann. Das kann man mal gesehen haben, aber man muss nicht. Und ich bräuchte schon einen guten Grund, um wiederzukommen. Irgendwie fast alles ziemlich fake.

Eine Parallele zu Lovecrafts fiktiver Stadt Arkham kam mir ebenfalls nicht in den Sinn, zumal Arkham nicht von Touristen überlaufen ist. HPL schrieb damals:

My mental picture of Arkham is of a town something like Salem in atmosphere & style of houses, but more hilly … & with a college (which Salem hasn’t).

Ehrlich gesagt schien mir Providence (das wir ja erst später besuchten) dann viel mehr wie das Arkham der Geschichten:

  • deutlich hügelig
  • mit einem die Stadt teilenden Fluss (in Arkham fließt der Miskatonic Ost/West, in Providence fließen die verschiedenen Flüsse dann als „Providence River“ in die Narragansett Bay von Norden her)
  • mit einem College (Brown).

… und Marblehead (Kingsport)

Deutlich „echter“ fühlte sich der Küstenort Marblehead an, der Lovecraft als Vorlage für sein träumerisches Kingsport diente. Das ist vielleicht ironisch, denn der Ort lebt vor allem von seinem Jachthafen, wie mir schien. Ich hatte auf dem Flug nochmal „The Festival“ gelesen und konnte die Stimmung ein Stück weit nachfühlen, zumal wir auch das Haus des Erzählers an der Bushaltestelle fanden. (Nebenbei: Von Salem aus kommt man eigentlich nur per Auto sinnvoll nach Marblehead, daher nahmen wir ein Uber.)

Das Highlight war aber der Old Burial Hill, ein kleiner Friedhof, dessen Grabsteine Lovecraft in einem Brief mit „decaying teeth“ verglichen haben soll. (Ich finde die Stelle leider nicht.) Mit Blick auf Grabsteine, Meer am Horizont und die koloniale Architektur ist man ganz beim Besucher des „Festival“. Und mit Blick aufs Meer kann man sich (wenn man die Jachten ausblendet) auch den Blick auf Devil’s Reef vor Innsmouth vorstellen.

Mein Marblehead-Ausflug wäre trotzdem fast ein Reinfall gewesen, denn ich hatte den festen Vorsatz mitgebracht gehabt, mir ein Kleidungsstück mit entsprechendem Aufdruck zu kaufen – und zu gucken, ob das jemandem auf der Necronomicon auffallen würde. (Schon Kingsport sagt vermutlich nicht jedem Besucher etwas, und dass diese Stadt auf Marblehead beruht, dürften nur wenige wissen – ich war da auch eher durch Zufall drauf gestoßen.) Das schien mir das coolere Souvenir als a) irgendwelcher Strand-Tand oder b) ein allzu offensichtliches Cthulhu-Kleidungsstück.

Leider gibt es in Marblehead zwar schöne Kolonial- und Bürgerkriegs-Museen, aber weder dort noch sonstwo so richtigen Merch. Durch Zufall fand ich dann doch noch einen Laden: F.L. Woods, eigentlich eher Segler-Ausstattung. Und dort eine entsprechende Cap. Puh, Glück gehabt!

NYC (4 Nächte)

Nach einem letzten Abendessen in Boston – ich glaube, Roastbeef-Roll aus dem Trader Joe’s – ging es am nächsten Tag in die wohl bekannteste Großstadt der Welt: New York City.

Der erste Eindruck ab Penn Station auf dem ca. 15-minütigen Fußweg zum Hotel: Alter, ist das abgeranzt! Freundin hatte mich aber schon gewarnt, dass dieser Teil von Midtown etwas … besonders ist. (Ich erspare dem Publikum die Dinge, die ich auf dem kurzen Marsch gesehen habe – ich will sie auch nicht mehr aufwärmen.)

Das Gefühl, die 8th Avenue runterzulaufen und mitten in den aus zahllosen Filmen und Serien bekannten Hochhäusern zu stehen, war jedenfalls sehr eindrucksvoll. (Am Vorabend, bevor ich das schreibe, haben wir „Devil wears Prada 2“ gesehen, und ich finde, es ist schon was anderes, wenn man in Filmen Orte sieht, an denen man selber schon war.) Damit ich den Eindruck nicht dauernd wiederholen muss: Ich fand NYC eine konstante Überforderung – sensorisch, vor allem akustisch und olfaktorisch, aber auch kognitiv; dauernd erkannte ich etwas wieder oder war irgendwie erstaunt. Das legte sich auch am fünften Tag nicht vollständig. Das Gefühl war aber nicht unangenehm – ich habe eigentlich keine FoMo, und noch weniger in einer Stadt, wo jede Entscheidung auch die Entscheidung gegen 150 Alternativen ist.

Spaziergänge …

Die ersten Tage erkundeten wir alles per pedes. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, hier alles haarklein zu berichten; daher mache ich daraus nur eine Stichwortliste, auch, um mich selber später genauer zu erinnern:

  • Mehrere „echte“ Filmkulissen: Das Haus aus „Friends“ und das Apartment von Carrie Bradshaw, die Ghostbusters-Feuerwache (die tatsächlich als solche in Gebrauch ist). Und ein Gebäude, in dem Taylor Swift zeitweise lebte.
  • Die High Line: Eine erhöhte Plattformkonstruktion mit botanischem Garten. Ich weiß nicht, ob hier schon etwas gedreht wurde, aber falls nicht, wartet der Ort ganz offenkundig nur darauf. Das ist eine Kulisse, die noch keine ist.
  • Die Fährfahrt von Manhattan nach Brooklyn lohnt sich, die kostet auch nur ein Zehntel der Boston-Salem-Route, weil öffentlicher Nahverkehr. Wir hatten dann Tacos bei El Chato – ich fand Zunge texturell überzeugend, aber etwas zu mild.
  • Super-authentisch wird es dann bei Barcade, einer Bar und Arcade, wie der Name schon sagt – da kann man alte Flipper und Automatenspiele zocken und dabei trinken. Wir waren in Greenpoint (oder Williamsburg?), es scheint aber im ganzen land Filialen zu geben – offenbar ist das sehr beliebt. (Dollarnoten mitbringen, ein Token kostet 25 Cent!)
  • Central Park: Muss man natürlich gesehen haben, auch wenn insbesondere Bethesda Terrace fast schon ein Simulakrum ist – der Nachbau eines Tempelgarten-Stadtpalasts, den es nie gab.
  • Eine besondere Szene: Freundin kaufte einen Becher Mango mit Tajin von einer Straßenhändlerin – offenbar ohne Lizenz, denn über ihr kleines Walkie-Talkie kamen immer wieder Meldungen auf Spanisch rein, wo sich die Polizei gerade befinde. Eine halbe Stunde später rannte diese Frau dann zusammen mit einigen Begleitern, ihrem Wagen und einer Kühlbox an unserer Parkbank vorbei, offenbar eiligst flüchtend … Ich frage mich nun: Ist das ein neues Phänomen durch ICE-Verfolgungen, oder ist das eine schon lange bekannte Central-Park-Szene?

… und Attraktionen

  • Das Whitney-Museum – sehr abwechslungsreich. (Und ein gutes Beispiel für „gegen 150 andere Optionen entschieden“: Man hätte auch in Galerien, ins MoMa, ins Guggenheim gehen können, aber das hat so schon gepasst.)
  • Das Rockefeller-Center (von unten und oben). Hier fiel mir auf, dass ich Manhattan „von unten“ viel beeindruckender fand als von oben. Vielleicht, weil man den Blick von oben kennt, den Blick „mittendrin“ aber immer nur ausschnittsweise?
  • (One) World Trade Center und Ground Zero: Vielleicht das beeindruckendste der ganzen Reise. Das Mahnmal, das Wasser einfach in einen Abgrund abfließen lässt, dimensioniert wie einer der ehemaligen Türme, drückt unübersehbar die Tragweite dieses Ereignisses aus. Für die USA das vermutlich schwerwiegendste seit Pearl Harbor, für die Welt zumindest das prägendste seit dem Fall des Eisernen Vorhangs.
  • St. Paul’s Chapel: Bekannt dafür, trotz Nähe zum WTC quasi unbeschadet den 11. September überstanden zu haben. Und wie mir später auffiel, auch eine Lovecraft-Stätte – hier heiratete er im März 1924 Sonia Haft Greene.
  • The Morgan: Eine hübsche Bibliothek, inzwischen aber eher ein Museum. Die aktuellen Sonderausstellungen befassten sich mit Tarot (deshalb ging ich hin) und dem Fotografen Peter Hujar – der u.a. John Cage und Merce Cunningham porträtierte, denen wir in Philadelphia wieder begegnen werden. Außerdem sah ich hier einen Wiegendruck der Declaration of Independence, nahm also das Geschichtsspektakel vorweg, das uns dann ebenfalls in Philadelphia einholt.
  • Am letzten Abend in The Big Apple besuchten wir dann, das gehört dazu, auch noch ein sehr experimentelles Jazz-Konzert (die Jazz/Soundexperiment-Künstlerin Matana Roberts in „The Stone“), bevor es dann in Philly mit Avantgarde-Musik weiterging.

Essen: Burger, Omakase und Shukette

Drei Highlights:

  • Der Burger in der „Old Town Tavern“ bei der Ankunft – einfach ein sehr, sehr guter Burger. Leider war das pfundschwere „Soft“-Eis, das wir danach beim „Papa d’Amour“ des Hipster-Trend-Patissiers Dominique Ansel holten, sowohl Überforderung als auch Enttäuschung. Viel zu viel, viel zu wenig Kontraste und viel zu schwer. (Die andere Kreation Ansels, den „Cronut“, probierte ich dann zwei Tage später – und die überzeugte.)
  • Ein 90-Minuten-Omakase-Abend bei „Sekai“ – mein erster. Ich war begeistert von geflämmtem Barracuda und „Orange Clam“ (lebendig … und sie heißt auf japanisch wörtlich „idiot clam“) und ordentlichen Portionen Uni. Insgesamt ist das eine sehr coole Erfahrung, verschiedenste Fische direkt vor einem zubereitet zu bekommen. Meine Begleiterin war nicht ganz so angetan, hat aber auch mehr Vergleich.
  • Das trendige Shukette liefert sehr leckere Share-Portionen verschiedenster levantinischer Gerichte; da ist für jeden was dabei. (Im Nachhinein hätte ich doch die Jakobsmuscheln noch bestellen sollen, die sagten mir sowohl beim Omakase als auch später in Providence sehr zu.)

Falls euch nach diesen Ausführungen noch etwas besonders interessieren sollte, fragt gerne nach. Aber wie gesagt: Es war einfach zu viel, und es fällt mir schwer, etwas Besonderes rauszusuchen. Und daher wurde NYC nun zur „Listen-Stadt“.

Philadelphia (2 Nächte)

Wir nahmen in NYC noch ein kurzes Diner-Frühstück ein und machten uns dann wiederum auf den Weg zu Penn Station. In Philadelphia machten wir dann einen Fehler zum letzten Mal: Wir schleppten unsre Koffer durch den öffentlichen Nahverkehr mit. Nach mehreren kaputten Aufzügen, fehlenden Rolltreppen und labyrinthischen Trolley-Bahnhöfen entschieden wir, für solche Strecken fortan ein Uber zu teilen.

John Cage: „How to get started“ im Public Trust

Die erste Strecke, noch mit Gepäck, führte uns aber eh erstmal in den Südwesten der Stadt, zu einer Kultureinrichtung namens „Public Trust“.

Freundin hatte bei den Recherchen zu unseren Stationen einen John-Cage-Bezug gefunden, der mir irgendwie entgangen war. Diese öffentliche Galerie „betreibt“ nämlich seit vielen Jahren eine Art Installation in Erinnerung an einen Impromptu-Vortrag von Cage mit dem Titel „How to get started“ Also zum Mitschreiben: Cage hat einen Vortrag gehalten (nach bestimmten Regeln, aus dem Stegreif), woraus eine Art Sound-Collage entstand. „Public Trust“ hat diese einmalige Aufführung dann als Partitur oder Anweisung interpretiert und dasselbe Verfahren seitdem mit hunderten Teilnehmern durchlaufen, von reinen Fans bis zu mindestens landesbekannten Dichterinnen.

Diese Idee – eine Vorlage von Cage aufzugreifen und darauf ein eigenes Projekt aufzusetzen – kennen wir schon aus Halberstadt.
Da gab es zwar eine Partitur, aber die eigentliche Arbeit war ja, das auf einen viele hunderte Jahre dauernden Zeitraum auszuweiten und zu realisieren.

Leider kann man momentan wegen Umbauten keine eigene Einspielung machen, aber der Leiter des Projekts „How to get started“ hatte mir per Mail angeboten, uns in den Räumlichkeiten herumzuführen. Wir plauderten eine Weile und am Ende gaben er und seine Kollegin uns noch zahllose Tipps für die Stadt. Das war eine der lohnenswertesten und überraschendsten Begegnungen der ganzen Reise.

Museen: Mütter und Musen

Eine der Empfehlungen war das „Mütter Museum“, das vor allem für seine Sammlung an Schädeln und Präparaten bekannt ist – von Föten und Tumoren über Syphilis-Gehirnkaries (wäh!) bis hin zu einer Sammlung von kleinen und größeren Gegenständen, die aus dem Verdauungstrakt von Menschen entfernt worden waren. Offenbar birgt das aber auch ein gewisses Streitpotenzial, und zwar in verschiedene Richtungen. Einerseits ist die Darstellung von Körpern in den USA immer schwierig – Vaginalflora-Supplements im Walmart (s.u.) heißen verschämt „happy hoo-ha“, versprechen aber gleichzeitig „for women uninterested in […] sex. Here’s hope.“ Andererseits gab es zu den Zeiten, als diese Sammlung aufgebaut wurde, noch keine consent forms, und man darf sicherlich bezweifeln, dass alle ehemaligen Träger dieser präparierten Organe zugestimmt hätten; und das wirft offenbar museums- und medizinethische Fragen auf.

Das war ganz unterhaltsam und ein bisschen schaurig, lebte aber viel von der historischen Holzregal-Ästhetik. Es gab parallel eine Sonderausstellung zu Pharma-Marketing, die zwar in Ansätzen kritisch war, aber fast alles Relevante unterschlug. Oxycodon/Purdue kam nicht vor, Themen wie „Selbstoptimierung“ wurden nur angerissen. Insgesamt war das arg dünn. Eine Ausstellung über Legionellen war deutlich besser gemacht.

Und natürlich waren wir auch auf den berühmten „Rocky Stairs“ und im Museum of Art. Dort gibt es donnerstags Pay-what-you-want-Eintritt und an diesem Abend spielte ein Jazz-Trio im großen Treppenhaus – sehr cool.

Essen und Geschichte

Natürlich gab es ein Philly Cheese Steak, eine Soft Pretzel und einmal versorgten wir uns bei Aldi (der mich eher an ein Kaufland erinnerte). Und natürlich habe ich die Liberty Bell (von außen) angeguckt. Ich stand auch in George Washingtons Wohnhaus; dass die dortige Sklaverei-Aktion momentan auf politischen Druck hin abgestellt ist, hatte ich im vorherigen Post ja schon erwähnt.

Insgesamt war Philadelphia die klarste „Inszenierung von Geschichte“ auf diesem Trip, sieht man von den Boston-Tea-Partybooten (Grammatik Absicht) ab. Hier merkte man auch noch besonders viel von den 250-Jahre-USA-Feierlichkeiten. Im momentanen politischen Klima (und z.B. vor dem Hintergrund der Washington-House-Geschichte) hinterlässt das aber freilich einen etwas schalen Geschmack.

New Haven (2 Nächte)

Das City-Hopping ging weiter mit einer relativ langen Fahrt über NYC nach New Haven, also zurück in den Norden unsres Urlaubsstreifens Ostküste. Die Skylines von Manhattan und Brooklyn (und Hobo-ken) kannte ich nun schon deutlich besser – es macht mehr Spaß, eine Stadt vom Zug aus zu betrachten, die man ein bisschen kennt (ist aber dann weniger eindrucksvoll).

Der Fußweg zum Hotel war kurz und relativ easy (zwei Tage später nahmen wir ein Uber zum Bahnhof, aber da war das Gepäck auch schwerer). Und die Stadt ist einerseits einfach, andererseits schwer zu verstehen: Das Zentrum ist aufgebaut wie eine Telefontastatur, in 9 Quadraten. Das Quadrat in der Mitte ist ein Park. Das macht die Orientierung einerseits leicht, andererseits sieht halt alles gleich aus … Ganz auf Maps verzichten konnten wir jedenfalls nicht.

Festival und Walmart

In NH begrüßte uns (neben dem obligatorischen Clam Chowder) ein Puerto-Rico-Straßenfest. Sehr viele junge Männer und ein paar wenige junge Frauen ließen vor lauter Freude die Motoren ihrer Roller und Mopeds durch die Straßen kreischen und knallen. Kulinarisches Highlight: Dosenananassaft auf Eis als 10-Dollar-Virgin-Colada. Mir wurde auch jetzt erst klar, dass Puertoricaner amerikanische Staatsbürger sind und es insbesondere in New England sehr große communities gibt. Mea culpa, davon hatte ich noch nie gehört. (Ich vermute, die Anti-ICE-Shirts zeugten dann von Latino-Solidarität, denn soweit ich das verstehe können Puertoricanischstämmige als US citizens ja nicht einfach ausgewiesen werden.)

Im „lokalen“ Walmart – 25 Minuten Bus(!)fahrt vom Zentrum – verbrachten wir fast zwei Stunden auf der Suche nach Exotischem und Mitbringwürdigem. Und wir wurden fündig. (Damit löst sich auch auf, warum der Koffer nach NH schwerer wog als davor.)

Yale

Eigentlicher Grund für den Besuch: Freundins Begeisterung für „Gilmore Girls“. Uns war zwar vorher schon klar gewesen, dass die Yale-Szenen nicht dort gedreht wurden (sondern, wie bei Boston Legal auch, in L.A.) – aber wir hatten zumindest erwartet, dass Yale bzw. NH irgendwas mit dieser ja doch immer noch populären Serie machen würde: Merch im Yale-Store, Anspielungen in Cafes und Buchläden, ein paar Foto-Optionen. Aber nein – Fehlanzeige. Es schien fast so, als wollte die Stadt bzw. die Uni jeden Bezug zu Gilmore Girls vermeiden. O-Ton Freundin:

Die Gilmore Girls scheinen in New Haven in etwa so willkommen zu sein wie Handys in Luke’s Diner. Bei der Parade in Salem (Dog Mayor! Nathanial Hawthorne Lookalike! Witchy Dance Group!) war mehr Stars Hollow. Oy with the poodles already!

Die Yale Art Gallery – Eintritt frei! – ist einen Besuch sehr wert. Wir haben das allermeiste geskipped und uns nur der modernen und zeitgenössischen Kunst gewidmet – beeindruckende Sammlung, da steckt Geld dahinter. Und nun habe ich mal einen musealen Josef Albers gesehen.

Die ersten Städte

Bevor wir uns zum Hauptschauplatz dieser Reise, also nach Providence und zur Necronomicon, begeben, eine kurze Rückschau auf die ersten 2/3 des Urlaubs. In Boston habe ich mich sehr wohl gefühlt – eine angenehm unaufgeregte, sehr europäisch wirkende Stadt. NYC gefiel mir auch – ist aber halt auch sehr schwer mit irgendwas vergleichbar. Ich würde in beide Städte jedenfalls zurückkehren.

Philadelphia gefiel mir insgesamt irgendwie am wenigsten, und ich kann nicht mal sagen, warum – der Empfang war wahnsinnig nett, wir haben viel Cooles gesehen und Philly Cheesesteak würde ich wieder essen. Aber ich kam der Stadt nicht besonders nahe (was aber auch an meinem Sättigungsgrad an Eindrücken liegen könnte). Falls es einen guten Grund gibt, würde ich der Stadt eine zweite Chance geben, mich zu berühren; eigeninitiativ würde ich aber nicht nochmal hin. Und dass sie auf dem letzten Platz meines Rankings landete, liegt natürlich an der starken Konkurrenz.

New Haven fand ich schnuckelig, das erinnerte mich ein bisschen an Jena: hübsches, kleines Zentrum, kulturell ein bisschen was los, cool zum Studieren, aber auf Dauer zu klein. Als wir zum Walmart fuhren, dachte ich mehrmals an das Kaufland, hinter dem ich im Jenaer Norden damals wohnte … Dafür hatte ich hier das Gefühl, eine authentische Stadt direkt zu erfahren; keine Kulisse, sieht man von Yale und den Gilmore Girls ab (die, wie Boston Legal, in Kalifornien gedreht wurden).

PS: Auslassungen

Eigentlich hatte ich noch einen Erzählfaden geplant, der Tangier (2025) über New York mit der Necronomicon verbindet: In Tangier war ich ja auf der Suche nach Spuren der Beatniks, allerdings mit sehr beschränktem Erfolg. Wir standen halt vor dem el-Muniria.

In NYC hätte ich da sicherlich viel mehr Glück haben können, und auch ohne große Anstrengung stieß ich in einem Buchladen auf einen Gedichtband von Kerouac, stolperte über Peter Hujars Fotos von Burroughs, wir liefen im Washington Square Park herum usw.

Und auf der Necronomicon gab es dann ein Panel über das Weirde bei Burroughs … naja, aber das habe ich nicht mehr untergebracht.

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20 Tage USA (2026 travels, Part 1: Der Überblick) https://dennisschmolk.de/2026/08/19/20-tage-usa-2026-travels-part-1-der-ueberblick/ https://dennisschmolk.de/2026/08/19/20-tage-usa-2026-travels-part-1-der-ueberblick/#comments Wed, 19 Aug 2026 12:39:35 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7589 Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite. Das Jahr 2026 war ein intensives Reisejahr. Magedeburg, Amsterdam, Wien – und nun eine Fernreise: Boston, NYC, Philadelphia, New Haven und Providence. Über die Hintergründe der Reise habe ich ja schon gebloggt. Hier nun also ... Mehr

Der Beitrag 20 Tage USA (2026 travels, Part 1: Der Überblick) erschien zuerst auf Dennis Schmolk.

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Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite.

Das Jahr 2026 war ein intensives Reisejahr. Magedeburg, Amsterdam, Wien – und nun eine Fernreise: Boston, NYC, Philadelphia, New Haven und Providence. Über die Hintergründe der Reise habe ich ja schon gebloggt. Hier nun also der erste Part als allgemeiner Reiserückblick. Vermutlich teile ich die konkreten Reiseeindrücke auf zwei Posts auf:

  • Boston, NYC, Philadelphia, New Haven kommen in einen Post.
  • Providence und das Thema „Meeting HPL in the US“ bekommt einen zweiten.

Aus Lust und Laune schreibe ich das hier nun auf Deutsch; browser translation sollte aber eigentlich gut genug sein, damit man das auch auf Englisch lesen kann.

5 von 50 Staaten: Unsere Route

Mit den genannten Städten habe ich nun also 10% der USA bereist – jedenfalls im Sinne von „in 10% der US-Bundesstaaten einen Fuß gesetzt“. (New Jersey habe ich nur durchreist.) In Sachen Fläche habe ich natürlich quasi nichts erkundet, und ich habe auch ausschließlich Einblick in die genannten Städte. Wir – meine Reisebegleiterin und Reiseleiterin für 2/3 des Trips, i.F.a. „Freundin“, und ich – waren per Amtrak-Zügen unterwegs, also konnten wir nicht mal an irgendwelchen Motels oder in Kleinstädten anhalten, sodass ich wirklich nur einen urbanen Eindruck der USA gewonnen habe.

Die Chronologie

Die Städte haben wir in der genannten Reihenfolge besucht, Providence kam also – des fixen Termins der Necronomicon wegen – am Ende. Die einzelnen Stationen bespreche ich noch, hier geht es erstmal nur um das große Ganze.

Rahmendaten

Die Reise erstreckte sich vom 29. Juli – 18. August 2026, also über etwa 20 Tage (je nachdem, wie man An- und Abreisetag wertet); ab dem 12.8. war ich alleine in den Staaten – Freundin musste wegen Katzen-Carearbeit zurück.

Das Gefühl, alleine über 6000 Kilometer von zu Hause entfernt zu sein, war weniger befremdlich als gedacht. Eigentlich hatte ich mich in den USA bis dahin hinreichend eingegroovet, um mir nicht zu viele Gedanken zu machen.

Zeitgefühl

Dinge, die einen vollkommen aus dem Alltag lösen und etwas „ganz anderes“ sind, schaffen ja auch oft ein anderes Zeitgefühl. Das hatte ich beim Sabbatical-Studium ja schon mehrfach angemerkt und das war diesmal genauso; plus: In den USA gibt es keinen „Ruhetag“ wie unsern Sonntag, und die Zeitverschiebung tat ihr Übriges. Ich war (und bin) ziemlich desorientiert in Zeit und Raum. Der Hinflug hat uns ja quasi Zeit gewonnen (wir kamen um 18 Uhr Ortszeit an, was aber 0 Uhr „Herkunftszeit“ war), der Rückflug kostet mich nun Zeit, und ein paar Tage lang geht die Uhr dann wegen Jetlag eh anders. (Hätte ich mir aber schlimmer vorgestellt, jedenfalls auf der Hinreise.) Zum Glück habe ich nach der Reise nun noch eine Woche frei.

Kosten

Ich versuche, sowas ja immer sehr transparent zu halten, wie schon beim Sabbatical.

Daher hier die Aufschlüsselung:

  • Die ganze Reise kostete ungefähr 4900 Euro und ist damit mit Abstand meine teuerste. Laut meinem GnuCash-Haushaltsbuch habe ich in keinem Jahr jemals so viel Geld für Reisen ausgegeben, geschweige denn für eine einzelne.
  • Pro Tag sind das also ca. 250 Euro, im Schnitt über alle Ausgabekategorien.
  • Der Löwenanteil waren Flug und Übernachtungen (ca. 3100 Euro) und Necronomicon-Ticket (300 Euro). Die 20 Tage haben vor Ort also im Schnitt „nur“ knapp 100 Euro gekostet (das sind aktuell, btw, 115 Dollar).
  • Hierbei sei angemerkt, dass ich es verrückt finde, dass man so einen Flug für 770 Euro (hin und zurück) bekommt. Irgendwas stimmt da nicht.
  • Von meiner ursprünglichen Prognose bin ich allerdings weit entfernt: Von den verplanten 7500 Euro habe ich nur 2/3 ausgegeben und bin damit ganz zufrieden.
  • Die Hälfte der Vor-Ort-Ausgaben waren Gastronomie, gefolgt von Eintritten, Souvenirs, Lebensmitteln usw. Ich habe das aber alles einfach auf eine Kreditkarte gebucht und werde das auch im Nachhinein nicht zu genau aufdröseln – die Kosten gehören für mich alle in den Bereich „Reise“, was natürlich unterschlägt, dass ich zu Hause auch Geld ausgegeben hätte.

Beobachtungen zum Geld

Getränke sind ausgesprochen teuer, vor allem alkoholische oder „alkoholfreie alkoholische“ Getränke. Ein kleines Bier für 10 Dollar ist in der Gastronomie nicht ungewöhnlich, egal, ob Alkohol drin ist oder nicht. Wenn man einfach beim complimentary water bleibt, spart man also potenziell ziemlich viel – Freundin meinte auch, diesen Trick vor allem bei Locals oft zu beobachten.

Sehr günstig sind dafür ÖPNV-Tickets: Busfahrten für 2,40 in Boston, lange Strecken für etwas über 3 Euro. Zumindest, wenn das mit dem Ticket klappt – denn in New Haven und Providence kann man nur mit einer für Außenstehende unverständlichen App oder halt bar bezahlen; mehr als einmal wurden wir entnervt kostenlos mitgenommen, weil kein (passendes) Bargeld zur Verfügung stand. (Busfahrer hassen diesen Trick.)

Dass alle Preise in Menüs und auch im Einzelhandel stets „excluding tax“ angegeben werden, macht die Sache enorm intransparent – so ähnlich wie das nichtmetrische System bei Temperatur und Maßen. Man hat – jedenfalls als Touri – höchstens eine trainierbare Intuition, wie viel eine Sache kosten wird – und das variiert von State zu State, sodass ich auch jetzt noch nicht sagen kann, wie teuer mich ein Energy-Drink für 3 Dollar am Ende kommt.

In der Gastro kommt dann noch das Thema Trinkgeld dazu, denn offenbar sind 20% dort ein Muss – ohne wird man vermutlich auf die Straße verfolgt und ausgepeitscht, das wollte ich aber nie experimentell bestätigen und habe stets brav 20% gegeben. (Außer an To-Go-Theken, da habe ich immer 0% gewählt.)

Sparpotenzial

Man kann aber sicherlich auch weniger ausgeben. Wir haben einen Omakase-Abend in NYC gemacht, der bei 200 Dollar pro Person lag, und Lobster Rolls sind relativ teuer (35-45 Dollar), sodass sich hier sicherlich 200-300 Dollar hätten sparen lassen.

Auch „Touri-Stuff“ ist ziemlich teuer: Museen kosten 25-35 Dollar Eintritt (wobei wir z.B. in Philadelphia am Pay-What-You-Want-Tag im Kunstmuseum waren), eine Fährfahrt Boston-Salem 40 Dollar, der Blick vom Rockefeller-Center auf NYC sogar noch mehr. Aber im Vergleich zu den Gesamtkosten dachte ich mir meistens, dass ich daran jetzt auch nicht sparen muss …

Seafood!

Diese Überlegung galt vor allem für Lobster Roll, Clam Chowder und Austern. Kurzes Bekenntnis: Ich liebe Clam Chowder (und musste auch am Flughafen noch eine Tasse als Abschiedsmahlzeit haben), und auch die verschiedenen Lobster-Variationen haben mir sehr zugesagt.

Austern kann man besonders gut in happy hours genießen – für 1 oder 2 Dollar pro Stück, fangfrisch aus der Region. (Wobei ich mir mehrfach habe sagen lassen, dass das alles kein Vergleich mit Kanada sei, wo es wohl die besten besonders günstig gebe – eventuell muss ich da mal hin.)

Das ist schon ein gewaltiger Kontrast gegenüber meinem Ich vor zwei Jahren – damals habe ich, wie Lovecraft, übrigens – alles aus dem Wasser verabscheut. Die Erweckung kam dann übrigens in einem kleinen Hipster-Fischsuppenladen in der Nürnberger Südstadt, aber das ist eine andere Geschichte … Ohne ein bisschen Liebe für Seafood entgeht einem in dieser Region jedenfalls einiges.

Die feinen Unterschiede

Generell kamen mir die USA nicht besonders exotisch vor – jedenfalls nicht so exotisch wie Marokko 2025. Das lag vielleicht auch am schon erwähnten urbanen Fokus, und vermutlich auch an der Ostküste. Boston empfand ich als sehr europäisch; NYC fand ich mit nichts anderem vergleichbar, was ich bislang betreten habe, aber nicht auf „exotische“ Weise, sondern eher was die Größenordnung betrifft – in die Höhe genauso wie in die Breite.

Safety

New Haven, Philadelphia und Providence empfand ich schon weniger wie eine westdeutsche Großstadt mit anderer Sprache, etwas anderem Aufbau und anderer Architektur: In allen drei Städten hatte ich das eine oder andere Mal ein gewisses Unbehagen. New Haven begrüßte uns im Zentrum direkt mit einigen ziemlich weggetretenen Gestalten – Meth, Opioid-Krise oder Crack, das war mir nicht ganz klar. (Und bei abgemagerten Passanten kann man inzwischen ja auch nicht mehr sagen, ob es an Crack oder Ozempic liegt; ich wage aber zu behaupten, dass es da kaum Schnittmenge in den Zielgruppen gibt.)

New Haven fand ich vor allem im sowieso furchtbaren Public Transport etwas bedrohlich; Providence hatte dann vor allem viele Menschen zu bieten, die in den zahlreichen öffentlichen Parks campten (und teils schwer berauscht herumbrüllten oder einen anbettelten oder sich fluchend und streitend die Straße hinab verfolgten). Und das war nicht immer auf einen kleinen Ausschnitt der Stadt beschränkt.

Fortbewegung

Apropos Public Transport: Wie gesagt, ist der ziemlich günstig. Außer in NYC hatte ich aber überall den Eindruck, dass trotzdem kaum Menschen der Mittelschicht diesen benutzen (zumindest keine Busse). Ich vermute: Wer den Bus benutzt, tut das, weil er sich kein Auto leisten kann. Und fertig. Das merkt man dann teils an Bezahlweisen, s.o., oder auch am Publikum vor Ort.

Als Fußgänger ist man je nach Stadt auch eher der Exot: Zwar gibt es überall breite Bürgersteige, aber die benutzt oft keiner. (Die Ausnahme natürlich Manhattan, wo auch die Fußwege oft ziemlich voll sind, genau wie die U-Bahn.) Trotzdem liefen wir die meisten Strecken innerhalb der Städte. Ich komme an den „Lauf-Tagen“ auf durchschnittlich 8 Miles, wie viel auch immer das in Kilometern ist. Über Providence sagte mir jemand, das sei eine „walking city“ – im Kontrast zu Boston, was „neither a walking nor a driving city“ sei. Fand ich nicht – ich habe bei einer Walking (!) Tour Boston sehr für die Walkability gelobt.

Übrigens: Wer ungerne oder aus Prinzip nicht über rote Ampeln geht, hat in den USA vermutlich ein Problem. Von meiner Unterkunft in Providence ins Zentrum waren es ca. 8 Minuten; wäre ich dabei aber nicht stur über rote Ampeln gegangen, wären daraus vermutlich 20 geworden. Die Fußgängerampeln sind fast alle „Drück-Ampeln“, und die schalten nur auf grau (= grün), wenn gerade auch die Phase passt. Im schlimmsten Fall haben die Autos noch 20 Sekunden grün, man bekommt aber kein „Walk!“-Signal mehr – und wartet 3 Minuten.

Die großen Strecken legten wir mit dem Zug, also Amtrak, zurück. Das verlief ziemlich smooth. Man hat immer einen Sitzplatz mitreserviert, aber keinen festen – im vollen Zug muss man also ggf. etwas suchen. Für Gepäck gibt es genug Stauraum, aber eher overhead – schwere Koffer werden also ggf. zur Kraftprobe. Wir hatten eine Stunde Verspätung auf einer Fahrt, aber das war relativ egal – insgesamt war ich also durchaus angetan von diesem Fortbewegungsmittel.

Einreise

Ein paar Worte noch zur Einreise: Vor 5 oder 10 Jahren hätte ich mir niemals vorstellen können, nervös zu sein, ob ich in die USA einreisen kann und darf. Das schien mir so selbstverständlich wie innerhalb der EU. Hätte man mich gefragt, ob ich glaube, eher an der Grenze von Marokko oder der der USA zurückgewiesen zu werden, hätte ich ohne zu zögern Marokko gesagt. 2026 allerdings habe ich mir schon ein paar Sorgen gemacht – man hörte ja viel, und die (teils halbironischen) Kommentare von Freunden halfen da auch nicht. War dann aber alles ziemlich easy. Daher eine kurze Schilderung:

Im Vorfeld muss man ja ein „ESTA“ beantragen; das geht schnell und unkompliziert via App. (Caveat: Man muss natürlich seinen Reisepass scannen etc., also in Sachen Schutz personenbezogener Daten ist das ein Alptraum. Ich gehe aber davon aus, dass die USA meine Daten sowieso haben – NSA, CIA und Co.) Man muss seine Social-Media-Accounts auch nicht unbedingt angeben, das ist optional – ich habe das ESTA auch ohne Angabe meiner subversiven Instagram- und Twitterkanäle bekommen. Kostet etwa 40 Dollar.

Die eigentliche Einreise gestaltete sich dann als vergleichsweise easy: 25 Minuten in einer Schlange am Flughafen in Boston anstehen, zu einem Grenzbeamten (Homeland Security?) gehen, ein paar Routinefragen beantworten (Why are you here, where do you stay, ..) und dann – Fingerabdrücke abgeben. Leider sagte der Mann dann nicht „Welcome to the US“ sondern nur so etwas wie „You’re all set“. Schade.

Politik

Wenn wir schon bei der Einreise sind: Insgesamt habe ich von Politik nicht soooooooo viel mitbekommen. Einige Gespräche im Umfeld der Necronomicon eröffneten mit Smalltalk, und der begann oft mit „This is my first trip to the US“ – „Where are you from?“ – „Germany, Nuremberg“ – „Oh, great! Do you like the US?“ – „Yeah!“. Einige gingen dann aber auch weiter, und einer endete in der Frage meines Gesprächspartners (irgendwo aus dem Mittleren Westen): „So, how do you Europeans see us Americans?“

Das war dann gar nicht so einfach. Die klassischen „Bowling for Columbine“-Themen und Kulturunterschiede bzgl. etwa Waffen konnte er direkt nachvollziehen. Aber mir war es wichtig, auch noch irgendwie zu artikulieren, was sich durch die Änderungen der internationalen Beziehungen durch die Trump Administration geändert hat … Ich habe dann sinngemäß erklärt, dass wir bis vor einigen Jahren unvorstellbar fanden, die USA als „Schutzschirm“ unserer pazifistischen Weltordnung zu verlieren. Aber ich habe dabei selber gemerkt, wie hohl das klingt – nicht nur im Nachhinein. Irgendwie ist es schon anmaßend, sich für Verteidigung auf ein ziemlich weit entferntes Land zu verlassen und in dessen Schatten auszuruhen. Aber so bin ich aufgewachsen: Im Zweifel wird der Ami schon eingreifen, wenn es allzuschlimm wird.

In Philadelphia gab es den vielleicht eindrücklichsten Dialog zu Politik, in einer Kulturinstitution. Mein Gesprächspartner war merklich in großer Sorge, was die Zukunft des Landes und der freien Demokratie, der Kulturförderung der Freiheit der Kunst anging. Er berichtete u.a. auch von republikanischer Zensur eines Slavery-Mahnmals im Wohnhaus George Washingtons:

Trump administration replaces Philly President’s House slavery exhibit ‘under the cover of darkness’ after monthslong legal battle (Quelle)

Paradoxerweise habe ich also den Eindruck gewonnen, dass die Amerikaner das Thema Politik genauso sehen wie ich. Meine Gesprächspartner waren halt alle liberal, democrat, left-wing. Wie auc die Anti-ICE-Poster oben beweisen: Ich war vor allem an Orten, die mit dem gegenwärtigen Kurs der US-Regierung fremdeln. (Btw: Einigen meiner Gesprächspartner sagte sogar die AfD etwas.)

In Sachen Race fiel mir an vielen Stellen eine auffällige soziale Sortierung auf: Das „eigentliche“ Publikum war überwiegend non-Hispanic White, die Servicekräfte häufig Latino und die Security auffallend oft Black. Natürlich gab es Ausnahmen in alle Richtungen, aber das Muster war erstaunlich konstant – von Museen bis zur NecronomiCon. Das ist nicht nur ein Reiseeindruck: US-Statistiken zeigen sowohl bei kultureller Teilhabe als auch in Service- und Security-Berufen erhebliche Unterschiede nach Race und Ethnicity. Von einer annähernd proportionalen Teilhabe der verschiedenen Bevölkerungsgruppen kann jedenfalls keine Rede sein.

Fernsehen

Die Hotel- bzw. Airbnb-Abende verbrachten wir mehrheitlich damit, eine der amerikanischsten Serien zu gucken, die man sich vorstellen kann: Family Guy. Das spielt ja sogar in Rhode Island; Peters Arbeitgeber „Pawtucket“ Brewery ist nach einer Stadt knapp nördlich von Providence benannt.

Genauso spannend wie die Serie war aber die Werbung dazwischen – vor allem die für Pharmazeutika. Neben vermutlich problematischen Versprechen („It cured my depression!“) stehen dann die Nebenwirkungen: „nausea“, „diarrhea“, „can be fatal“, „death“.

Problemfeld Mobil-Konnektivität

Eine kurze Randbemerkung: Ich hatte in einem Großteil der USA Probleme, mit meinem HMD Fusion eine Verbindung in das dortige Netz aufzubauen. 5G ging gar nicht, LTE ging nur

  • in Boston,
  • auf dem Gelände der Brown University (aber eine Straße weiter Richtung Downtown Providence nicht mehr) und
  • an großen Amtrak-Stationen.

Ansonsten war ich in Sachen Mobilfunk „offline“. Das war an sich nicht schlimm – meine Reisegefährtin (deren Pixel keine Probleme machte) hat mich halt per Hotspot versorgt. Als ich dann alleine war, war ich zwischen zwei WLANs immer offline, was aber nur ein wenig lästig war.

Diagnose mit Chatty führte mich auf die Spur, dass das US-Netz offenbar auf anderen Frequenzbändern läuft als Europa. (Wobei ich die gleichen Probleme schon mal in der Schweiz hatte; es scheint also granularer als „Kontinent“.) Möglicherweise krankt mein Gerät daran, aber wie soll man das im Voraus erahnen …?

Naja – bis zum nächsten Auslandsaufenthalt habe ich vermutlich eh ein neues Gerät. Vielleicht hat Freundin aber einfach Recht: „Die Welt ist auf Samsung, Pixel und iPhone eingestellt – kauf dir halt ein richtiges Handy.“

Reisen alleine und zu zweit

Ich habe bislang nur wenige Reisen alleine unternommen. Magdeburg und ähnliche Kurztrips ja, aber längere Aufenthalte? Nope. Außer, man rechnet das Sabbatical rein, dann war ich ja doch manchmal 2 Wochen „alleine“ in Jena.

Wie fand ich das nun? Eigentlich ganz gut. Ich würde vermutlich keinen sehr großen Urlaub alleine buchen, wenn ich eine Alternative hätte, aber es hat schon was für sich: Man kann das Tempo und das Programm frei bestimmen, essen und schlafen wenn man hungrig bzw. müde ist usw. Gerade Fortbewegung in bekanntem Terrain fällt mir alleine am leichtesten (s. „rote Ampeln“).

Andererseits fehlt ein bisschen der Austausch bzw. muss fernmedial nachgeholt oder mitgezogen werden (was ja sehr gut geht – auch, wenn man auf WLANs angewiesen ist, s.o.). Und neues Terrai alleine erkunden macht mir zu zweit mehr Spaß. Aber insgesamt fand ich es keine schlechte Erfahrung; auch der Rückflug alleine war okay.

Und ganz wichtig: Man kommt alleine deutlich mehr ins Gespräch mit Locals, so ging es jedenfalls mir. Zu zweit hat man dann ja doch immer einander zum Reden und schreckt andere vielleicht auch ab. Kurz nach Freundins Abreise hatte ich jedenfalls direkt eines meiner längsten Gespräche mit einem Einheimischen.

KI als Reisebegleiter

Unverzichtbar auf dieser Reise: AI-Assistenz (und nicht erst als Gesprächspartner, als ich dann alleine war). Ich habe hunderte Anfragen an ChatGPT geschickt, Bilder mit Lens analysiert usw. Schon die Reisevorbereitung lief mittels GPT-Projekt: Ich habe alle Tickets (Flüge, Amtrak, Con) sowie Screenshots der Hotelbuchungen reingeworfen – und mir einen kompakten PDF-Reiseplan erstellen lassen. Ich hatte gelesen, sowas hilft bei eventuellen Einreiseproblemen, wenn man Route und Unterkünfte klar darstellen kann. Brauchte ich dann ja nicht, aber ich fand das als Übersicht dennoch ganz gut. Auch die Packliste hatte ich mit GPT erstellt (Freundin ebenso).

Claude half mir dann (mehr oder weniger) bei der Verwaltung der Erinnerungen: Tagsüber grobe Notizen, was man macht und was einem auffällt; abends in Claude, der daraus ein paar Erinnerungsdateien nach Themen erstellt und weiterpflegt. Mit der Aktualisierung lokaler Dateien per Cowork (die ich dann per Nextcloud synchronisiere) hat es allerdings gehapert. Das läuft bei meinem Finanz-Projekt irgendwie smoother. Einige Sachen vergaß Claude auch wieder oder speicherte es einfach nicht persistent ab, trotz Aufforderung.

Generell scheint mir Claude momentan noch „dümmer“ als Chatty, eher auf einem Level mit meinem Staubsaugerroboter: Der dreht manchmal 2h Runden durch meine Wohnung, und am Ende liegt dennoch eine Wollmaus auf dem Teppich. Claude rödelt 25 Minuten (Cowork, Opus), verbrennt Token, aber am Ende kommt Murks raus, den ich nie angefordert hatte. ChatGPT scheint mir da präziser zu arbeiten.

„Schreiben“ würde ich Claude so einen Text hier aber weiterhin nicht. Auch wenn ich ihm hunderte meiner Blogartikel füttere, kommt am Ende kein Text heraus, der für mich nach mir klingt. Fast immer ist die KI dann doch zu kreativ, zieht gut klingende, aber schwachsinnige Schlüsse usw. Das zu korrigieren dauert länger, als einfach selber zu schreiben – und mir macht das ja auch Spaß, sonst täte ich es nicht. Für Gebrauchstexte gerne, aber für persönliche auf keinen Fall.

Was werde ich (nicht) vermissen?

Nachdem ich nun zurück bin, werde ich das Folgende vermissen:

  • Läden haben rund um die Uhr und auch am Sonntag offen, jedenfalls hinreichend viele
  • Fast überall kann man mit der Karte zahlen (Ausnahme: Busse in kleinen Städten)
  • Fernsehwerbung, vor allem für Anwälte („You got hurt!?“) und Medikamente
  • Seafood
  • Klimaanlagen – obwohl man deretwegen immer etwas „Langwärmliches“ (Zitat) dabei haben sollte, auch an heißen Tagen.

Was eher nicht:

  • Das Tax-and-Tips-System, das zu unfassbarer Intransparenz führt
  • Hohe Preise
  • ÖPNV

Ich werde neben Seafood auch Diner-Essen vermissen; beides ist aber okay: So bleibt Seafood was Besonderes und meine Kardiologin hat länger etwas von mir.

Rangliste der Städte

  1. Boston: europäisch, sicher, fußgangbar.
  2. NYC: krass.
  3. Providence: Nicht umsonst Lovecrafts Lieblingsstadt.
  4. New Haven: Ganz nett, aber schon arg klein.
  5. Philadelphia: Trotz coolem Museum und Cheesesteak landet Philly auf dem letzten Platz – ich weiß gar nicht genau, warum, aber die Stadt blieb mir am fremdesten.

Und nun?

Nach der Heimkehr habe ich nun erstmal groggy jetlag. Außerdem habe ich schon am Tag vor der Abreise bemerkt, dass es mir quasi unmöglich ist, neue Eindrücke aufzunehmen – ich habe abends ein Necronomicon-Panel geskippt und bin Brown University abgelaufen. Und auf dem Rückflug habe ich statt neuer Filme einfach „Good Fellas“ und „No country for Old Men“ geguckt; das war sehr amerikanisch und gleichzeitig altbekannt.

Ich vermisse gerade noch sehr, unterwegs zu sein und bin noch nicht so ganz angekommen. Vielleicht hilft es, hier in den kommenden Tagen noch meine ganzen Eindrücke in Blogposts zu gießen.

Fazit

Ich würde den Urlaub wieder genau so machen, aber nicht sofort nochmal. Eine Preis-Leistungs-Abwägung finde ich schwierig – es hat gekostet, was es nunmal gekostet hat, und das kostet es halt. Da macht die Abwägung keinen Sinn. Wie bei einer Lobster Roll.

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Outsider-Kurzkritik: Mraz und Sohn https://dennisschmolk.de/2026/04/29/kurzkritik-mraz-und-sohn/ https://dennisschmolk.de/2026/04/29/kurzkritik-mraz-und-sohn/#comments Wed, 29 Apr 2026 17:59:33 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7526 Ich war im Mraz & Sohn. Wer das nicht kennt: Es handelt sich um ein 2-Sterne-Lokal in Wien. Anlass war der Geburtstag meiner Lebens- und Genusspartnerin. Dieser kurze Artikel dient dazu, meine Erfahrung festzuhalten und ein paar Leuten schicken zu können, erhebt also keinen Anspruch auf literarische Finesse, Publikationswürdigkeit oder Objektivität. tl; dr Das Mraz & Sohn kriegt 6,5/10 völlig subjektive Sternchen. Zum Vergleich: Das Enigma würde ich mit 7, ... Mehr

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Ich war im Mraz & Sohn. Wer das nicht kennt: Es handelt sich um ein 2-Sterne-Lokal in Wien. Anlass war der Geburtstag meiner Lebens- und Genusspartnerin. Dieser kurze Artikel dient dazu, meine Erfahrung festzuhalten und ein paar Leuten schicken zu können, erhebt also keinen Anspruch auf literarische Finesse, Publikationswürdigkeit oder Objektivität.

tl; dr

Das Mraz & Sohn kriegt 6,5/10 völlig subjektive Sternchen. Zum Vergleich: Das Enigma würde ich mit 7, das Nürnberger etz mit 9 Sternchen bewerten.

Disclaimer

Ich sollte vorwegschicken:

  1. Allzu Sterne-erfahren bin ich im Gegensatz zu meiner Begleitung nicht, daher kann ich nur mit dem vergleichen, was ich erlebt habe (insgesamt nun: 6 Sterne). Ergo: Ich fühle mich ein bisschen als Outsider.
  2. Ich bin Fan des Kunst-Kulinarik-Kosmos rund um den Betreiber Lukas Mraz und seine Healthy Boy Band.

Letzteres drückt sich in meiner Wohnungsgestaltung aus. Hier stehen die meisten Ausgaben des artsy Kochmagazins „Healthy Times“ herum, meinen Kücheneingang schmückt ein entsprechendes Poster und die HBB hängt neben dem Klo:

Natürlich musste ich Merch kaufen, und nun habe ich passend zu meiner Kochschürze mit dem “Wood Sitting on a Bed”-Meme (danke, Nic!) auch noch einen Acid-Gurkerl-Bucket-Hat. Uniform completed.

Und auch die Karte macht sich gut am Kühlschrank:

Detailwertung

Ich habe mir vollkommen willkürlich die folgenden Kriterien ausgedacht:

Kategorie Sternchen (von 10)
Bildung 6
Lecker 10
Design & Performance 8
Anarcho-Faktor 5
Pamper-Faktor („I feel special!“) 4
Preis/Leistung 6

Mittelwert: 6,5.

Preispunkt: 315 Euro (Aperitif, Menü, alkfreie Begleitung, Mokka und Trinkgeld) plus 36 Euro für den Bucket Hat. Damit ein paar Euro günstiger als etz und Enigma.

Bildung & Lecker

Alles war superlecker, eine coole aromatische Reise.

Highlight-Notizen:

  • Spargel Wellington im Tempura-Teig mit Morchel-Duxelles -> man könnte das „Schweinchen Schmitt“ auch mal in Tempura probieren. Sehr geil und inspirierend.
  • Rhabarber in verschiedenen Zubereitungen, auch gepickelt als „Neutralisator“ zwischen Sushi-Bissen. Ebenfalls inspirierend, als nächstes fermentiere ich Rhabarber.
  • Sauerteiglaugencroissant als Brotgang. Hammer.
  • Mapu Tofu, sehr Szechuan-lastig, gewagt. Spannte einen schönen Bogen meiner Wien-Erlebnisse, da ich zwei Tage vorher Angela Merkels chinesisches Lieblingsgericht im Ostwind hatte

Insgesamt hätte ich mir aber mehr „Gewagtes“ gewünscht. In der Menükarte schreibt das Mraz & Sohn, man lasse die Gäste jeden Teil von Tier und Pflanze probieren – „Es gibt keine schlechten Stücke, nur unpassende Zubereitung“. Davon hätte ich aber gerne mehr gesehen! Ich gehe ja in Sternelokale, weil ich dort ungekannt Fermentiertes, neue Fleischteile und exotisches Zeug aus dem Meer kennenlernen kann. Daher war das für meine „kulinarische Bildung“ weitaus weniger Return on Invest als etz oder Enigma (Baby Squid!).

Andererseits hat meine Begleiterin vielleicht recht, wenn sie sagt, dass ich vor 6 respektive 13 Monaten halt auch noch leichter zu beeindrucken war …

Design, Performance, Anarcho

Das Menü war durchkomponiert, inklusive passender Playlist – eine Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass es zwischen den Tischen durchaus mal 2 Gänge Abstand gab. Am Anfang wurden alle Komponenten im Einkaufswagen präsentiert, zum Schluss kamen Käse- und Mokkawagen. Kleiner Wermutstropfen: Von Anfang bis Ende waren mir alle Erklärungen und Präsentationen deutlich zu schnell – man kam kaum mit, und die relativ laute Musik verhinderte allzuviele Rückfragen.

Das Lokal ist ebenfalls sehr atmosphärisch: bisschen industrial, bisschen Kunst, schöne offene Küche, überall witzige Details (siehe Beitragsbild). Wir hatten den besten Platz mit vollem Überblick – danke dafür.

Allerdings kam mir der Anarcho-Charakter des Healthy-Boy-Band-Mraz insgesamt zu kurz – das war aber vielleicht auch meine falsche Einschätzung. Ich hatte zumindest 2 Teller erwartet, die mir entzückenden Blödsinn wie das Pinocchio-Eis präsentieren.

Und generell muss man zum Thema „Anarcho“ und „Inklusivität“ sagen: Auch wenn das Menü, das man am Ende des Abends ausgehändigt kriegt, sagt, „everybody is welcome“, ist die ganze Veranstaltung natürlich alles andere als inklusiv. Sondern ziemlich exklusiv, wenn man den price point bedenkt. Auch wenn niemand in Abendgarderobe kommt und das Team Acid-Gurkerl auf der Stirn hat. Ich habe kein Problem mit Exklusivität, ich kaufe auch Kunst; aber es ist ein bisschen eine Dissonanz.

(Rechts zu sehen übrigens die „Bambini Rabarbi“, die wir noch auf den Weg geschenkt bekamen.)

Pamper-Faktor (plus: Gemini-KI-Tipps!)

Hierfür muss ich ein bisschen ausholen. Vor einem Dreivierteljahr hatte Sophie Passmann ihren Freund Max Strohe als Podcast-Gast. (Danke für die Empfehlung damals, K.!)

Ich wusste noch, dass er darin über ausgefallene Gästewünsche berichtet, und wie sich Sternelokale alle Mühe geben, diese zu erfüllen. Also bat ich eine KI (perplexity mit Gemini), diese Stellen im Transkript zu finden. Perplexity weigerte sich; mit Gemini direkt (also einfach im Browser) ging es. Offenbar blockt Youtube Zugriffe über API, selbst wenn man über ein Gemini-Modell kommt. Jedenfalls:

Max Strohe erklärt ab [23:42], dass viele Services in der gehobenen Gastronomie zum Standard („Bare Minimum“) gehören:

  • Social Media Recherche: Gäste werden im Vorfeld auf Facebook oder Instagram gesucht, um zu wissen, wer sie sind und ob sie z. B. einen Jahrestag feiern [23:23].
  • Personalisierte Begrüßung [23:42].

Ich glaube, das stimmt nicht, jedenfalls nicht für ganz normale Gäste wie uns. (Ich bin gespannt, ob es stimmen wird, wenn ich mal im Tulus Lotrek bin.) Ich hatte im Vorfeld per Mail gefragt, ob man zum Geburtstag meiner Begleiterin einen amüsanten Zwischengang haben könne (bezogen auf ein Rezept aus der Healthy Times), d.h., niemand hätte uns stalken müssen, um den Anlass zu erfahren – den hatte ich mitgeteilt. Aber darauf eingegangen ist niemand.

Vermutlich ist es vollkommen vermessen, als einer von ca. 40 Gästen „gepampert“ werden zu wollen, aber ein bisschen Individualisierung hätte ja nichts gekostet (zumindest eine Gratulation vom anwesenden Lukas Mraz). Mein Empfinden sagt jedenfalls, dass ich mich für über 300 Euro ein klein bisschen special fühlen möchte. Auch wenn ich nur einer von 40 bin.

Fazit

Es war superlecker, es war ein Erlebnis, ich bereue nichts – aber ich denke, es wäre mir nicht nochmal über 300 Euro wert.


Featured Image: „Boys“ im Toilettenbereich. Dort lief übrigens ein Standup-Programm im Hintergrund.

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Lovecraft-Links #02 https://dennisschmolk.de/2026/02/26/lovecraft-links-02/ https://dennisschmolk.de/2026/02/26/lovecraft-links-02/#respond Thu, 26 Feb 2026 16:41:31 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7495 Since I’m gonna go to Providence, I thought I might as well collect some misc links to Lovecraftian stuff from the interwebs. Kind of like tentaclii. I won’t promise any regularity or schedule. Games, Film & Media There’s a new dark Point-and-Click-Adventure called „The Dark Rites of Arkham“ (Steam). Since I’m always interested in the representation of towns and cities in the Mythos (see below), I might give it a ... Mehr

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Since I’m gonna go to Providence, I thought I might as well collect some misc links to Lovecraftian stuff from the interwebs. Kind of like tentaclii. I won’t promise any regularity or schedule.

Games, Film & Media

  • There’s a new dark Point-and-Click-Adventure called „The Dark Rites of Arkham“ (Steam). Since I’m always interested in the representation of towns and cities in the Mythos (see below), I might give it a try some of these days. Here’s a playthrough on Youtube. [Update: Finished it in 5.6 hours. Worth playing, with little plays on genre conventions, but overall a few too many plotlines and some puzzles that didn’t feel quite (un)natural.]
  • The new „MINIONS & MONSTERS“ film features … little cthulhu. (Trailer)
  • There’s a free Open Access publication from Transcript Verlag: „Tierwerden und Pflanzendenken in der Literatur – Ökologische Entgrenzungen von Franz Kafka und H.P. Lovecraft bis heute“. It’s in German, so it might be of interest of some readers here.
  • There’s gonna be a crowdfunding for a new tabletop game called „The Void Unveiled: Echoes of Arkham“ on Gamefound, kind of like a kickstarter for games. I think I’ll skip this one since I have enough Lovecraft themed board games …

Misc

  • The HPLHS launches a new raffle: „From time to time, the HPLHS conducts a raffle to raise funds for a great cause. It came to our attention that the home of Robert E. Howard in Cross Plains, Texas is in serious need of restoration and needs funds to do it. So we’ve reached out to some friends in the community and assembled our biggest prize package yet.“ Tickets can be bought here.
  • And finally, there’s another entry for the „city depictions in Mythos media“ category: „The Planner’s Guide to Arkham: H.P. Lovecraft’s Fictional City Through the Lens of Urban Development“ is free on substack (although you’ll have to register to read the full thing). I love topographical interpretations of Mythos places (e.g. Erich Zann’s Paris).
    Teaser:

This essay approaches Arkham from a professional urban planning perspective, analyzing Lovecraft’s fictional city as if it were a real New England municipality. What emerges is not only a richer understanding of Lovecraft’s worldbuilding but also insight into how urban form itself becomes a narrative device in cosmic horror.

 

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Informationssicherheitsrisikosoziologie https://dennisschmolk.de/2026/02/17/informationssicherheitsrisikosoziologie/ https://dennisschmolk.de/2026/02/17/informationssicherheitsrisikosoziologie/#respond Tue, 17 Feb 2026 16:55:57 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7479 (Zuerst erschienen auf LinkedIn.) Ich bin ja passionierter Systemtheoretiker Luhmann’scher Prägung. Und da fragt man zuallererst immer und überall: „Welche Unterscheidung wird hier gemacht?“ In der Theorie deckt das (unvermeidbare) blinde Flecken auf und hilft, den Gegenstand einzuschränken. In der Praxis deckt es die (immer noch unvermeidbaren) blinden Flecken auf und hilft, den Gegenstand zu erweitern. So weit, so abstrakt. Informationssicherheit vs. Regulatorik Die häufigste Unterscheidung ist die zwischen „Informationssicherheit“ ... Mehr

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(Zuerst erschienen auf LinkedIn.)

Ich bin ja passionierter Systemtheoretiker Luhmann’scher Prägung. Und da fragt man zuallererst immer und überall: „Welche Unterscheidung wird hier gemacht?“ In der Theorie deckt das (unvermeidbare) blinde Flecken auf und hilft, den Gegenstand einzuschränken. In der Praxis deckt es die (immer noch unvermeidbaren) blinden Flecken auf und hilft, den Gegenstand zu erweitern. So weit, so abstrakt.

Informationssicherheit vs. Regulatorik

Die häufigste Unterscheidung ist die zwischen „Informationssicherheit“ und „Informationssicherheitsmanagement“. Also: Zwischen „technischer Absicherung“ und „Regulatorik“. Das ist eine „Weltverdoppelung“: Neben die reale Welt der Cybergefährdungen und Angriffsvektoren tritt eine zweite, scheinbar irrealere Welt, die die erste abbildet und dokumentarische Etiketten draufpappt.

Das kann man beklagen, aber ich glaube, es ist unvermeidbar. Nicht nur, weil „Informationssicherheit qua Bauchgefühl“ in der Praxis meist unvollständig bleibt und Checklisten dann am Ende doch helfen. Sie ist auch theoretisch unvermeidbar, weil die bloße Existenz dieser Checklisten dazu führt, dass man sich zu ihnen verhalten muss. Das führt uns zu …

Gefahr vs. Risiko

Luhmann war der Ansicht, dass man „Risiko“ und „Sicherheit“ unterscheidet, obwohl man viel besser „Risiko“ und „Gefahr“ unterscheiden sollte. Warum? Weil dann klar wird, worum es geht:

❗Entscheidungen überführen Gefahren in Risiken.

Und das heißt: Es gibt gar keine Gefahren mehr! Sogar die Gefahr von Naturkatastrophen wird beobachtet und damit zwangsläufig zum „Risiko“, denn der Möglichkeit von Naturkatastrophen sind wir uns bewusst und müssen uns dazu mittels Entscheidung verhalten. Es gibt auch keine „Gefahren“ im Internet: Es gibt nur das Risiko, sich zu entscheiden, ins Internet zu gehen und dabei bestimmte gefährdende oder schützende Software zu benutzen.

Accountability vs. Responsibility

Und damit sind wir bei „Verantwortung“. Für die Naturkatastrophe kann niemand die Verantwortung übernehmen; für die Entscheidung, keine Ressourcen in Abwehr oder Notfallpläne zu investieren, sehr wohl. Denn wir erinnern uns: Alle Gefahren werden qua Entscheidung zu Risiken. Und für diese Entscheidung und/oder die „entstehenden“ Risiken trägt jemand eine „Verantwortung“. Nur: Was heißt das?

Irgendjemand – und die ISO sagt: die Geschäftsführung – trägt die Gesamtverantwortung. Das ist eine Ergebnisverantwortung, also eine „Accountability“. Auch für einen „unvorhersehbaren“ Vorfall trägt sie eine Verantwortung. Ein bisschen davon kann sie delegieren, etwa an einen ISB – der ist ebenfalls ergebnisverantwortlich, aber nur für den Betrieb und die Entwicklung des ISMS. Andere Accountability kann an die IT-Leiterin oder das IT-Security-Management abgegeben werden; und die wiederum können Responsibility an Durchführende abgeben. Aber die Verantwortung für das „Alles“ bleibt.

▮ tl;dr: Regulatorik hilft, unvermeidbarer Verantwortung zu begegnen. Nicht mehr und nicht weniger.

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Verborgene Domschätze und endlose Orgeltöne https://dennisschmolk.de/2026/02/10/verborgene-domschaetze-und-endlose-orgeltoene/ https://dennisschmolk.de/2026/02/10/verborgene-domschaetze-und-endlose-orgeltoene/#comments Tue, 10 Feb 2026 06:30:15 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7437 “Get out of whatever cage you find yourself in.” (John Cage) Ich habe am Wochenende einen (für meine Verhältnisse) spontanen Trip in die Region(en) Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg gemacht. Freitag nach Magdeburg (mit kuzem erstem ‚a‘) angereist, am Samstag Halberstadt und Quedlinburg (mit langem ‚e‘) besucht, am Sonntag Magdeburg erkundet. Montag über Halle zurück. Damit führte mich die Kurzreise fast schon wieder in die aus dem Masterstudium bekannten Gefilde … Hier ... Mehr

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“Get out of whatever cage you find yourself in.” (John Cage)

Ich habe am Wochenende einen (für meine Verhältnisse) spontanen Trip in die Region(en) Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg gemacht. Freitag nach Magdeburg (mit kuzem erstem ‚a‘) angereist, am Samstag Halberstadt und Quedlinburg (mit langem ‚e‘) besucht, am Sonntag Magdeburg erkundet. Montag über Halle zurück. Damit führte mich die Kurzreise fast schon wieder in die aus dem Masterstudium bekannten Gefilde … Hier ein paar Kurznotizen.

Quedlinburg

Von Magdeburg fährt man etwas über eine Stunde mit dem Regio, wobei man auch den zweiten Ort meines Samstagsprogramms – Halberstadt – durchquert. Der Bahnhof liegt angenehm nah am historischen Zentrum, in dem es (wie überall) einige wuchtige Kirchen und vor allem sehr viel Fachwerk gibt. Dem schnoddrigen Ton zum Trotz muss ich zugeben, dass dieses Städtchen wirklich unfassbar hübsch ist. Es lag jede Menge matschiger Schnee, aber das tat dem ästhetischen Empfinden keinen Abbruch. Quedlinburg sagte mir vorher nur durch das Brettspiel „Die Quacksalber von Q.“ etwas, aber jetzt ist es auf meiner mentalen Karte schmucker Städtchen fest verankert.

Leider war das Feininger-Museum wegen Umbau gerade geschlossen, und auch der Domschatz konnte nur in kleinsten Ausschnitten besichtigt werden (wofür ich 6 Euro Eintritt eher frech fand, aber es dient ja auch der teuren restauratorischen Arbeit, also sei’s drum).

Was man sich nicht entgehen lassen sollte: den Dom (zumindest das Außenareal) und das Käsekuchen-Haus. Nur welches? Offenbar gibt es da einen Kleinkrieg. Ich war jedenfalls im (medial wohl präsenteren) Vincent.

Halberstadt und John Cage

15 Minuten in Richtung Magdeburg zurück liegt dann Halberstadt. Hier gibt es nicht nur multipel insolvente Würstchen, die nun vom bayerischen Käfer-Feinkostkonglomerat gerettet werden. Nein, hier befindet sich auch der eigentliche Grund, mir diese Region als Kurztripziel auszusuchen: das John-Cage-Musikprojekt ORGAN²/ASLSP.

Cage hatte in den 80ern ein Stück mit der Tempoanweisung „as slow as possible“ für Klavier geschrieben, es später für Orgel arrangiert und ist dann 1992 gestorben. Knapp 10 Jahre später kamen einige Musikwissenschaftler und Cage-Enthusiasten auf die Idee, das Stück als Jahrhunderte überspannendes Konzert aufzuführen.

„ORGAN²/ASLSP“

Schon bei Städten wie Gera fiel mir immer wieder auf, dass ostdeutsche Städte oft sehr weitläufig und mit vielen freien Flächen durchsetzt sind. So auch hier. Aber in Halberstadt gibt es sogar eine Tram, die mich in die Nähe des Klosters St. Burchardi brachte, wo seit 2002 und noch bis ins Jahr 2640 die Orgel spielt. Ich verlief mich erst zwischen Kirchhof und Schuppen, wurde dann aber von einer freundlichen Ehrenamtlichen zum Dauerbrummton geführt. Eine sehr schlichte Kirche, die neben der Orgel und gegenüberliegend im Kirchenkreuz dem Windwerk vor allem 639 Plaketten an den Wänden zeigt – eine gestiftete Tafel pro Jahr der Aufführung. Irgendwo las ich, dass eine Plakette einst 1250 Euro kostete, also kommt hier schon ein Sümmchen zusammen …

Mit besagter Vereinshelferin unterhielt ich mich dann noch eine Weile – etwa darüber, dass ich noch eine Chance haben könnte, den Beginn des zweiten Teils im Jahr 2072 zu erleben, da wäre ich 85. Taktvollerweise sparten wir die Erkenntnis aus, dass ihre Lebenserwartung das wohl nicht mehr hergeben dürfte …

Letzte Dinge

So ein Experiment wirft natürlich viele Fragen auf, die fast alle an etwas Numinoses, Eschatologisches, Spirituelles, mindestens Spekulatives rühren. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Orgel in über 600 Jahren noch etwas spielt? Wer wird sich das anhören? Ist das Kunst? Hat die Kunst damit etwas Religiöses ersetzt? Wenn wir Gott denken, gefällt ihr das Stück dann (oder ist es ihr zu schnell)? Und ist irgendwas davon wichtig?

Wer stiftet hier Plaketten und spendet – und aus welchem Grund: der Kunst wegen? Für Status und Sozialprestige, wie bei den Domschätzen (s.u.)? Weil man den Gag gut findet? Fragen über Fragen.

Links zum Projekt und zu John Cage

  • Das Projekt hat eine Website, wo der aktuelle und die vergangenen Klänge nachgehört werden können.
  • Eine Einspielung der Klavierfassung findet sich hier
  • Ein Video, das Cages Kompositionsprozess exemplifiziert (anhand einer Passage aus „Finnegan’s Wake“)
  • Eine sehr gute Doku über Cage in den 80er Jahren – hier wird Cage nicht nur als Künstler, sondern auch als „anarchistischer Zen-Mystiker“ und sehr sympathischer, glücklicher Mensch vorgestellt; aber auch als unerschütterlicher Techno-Optimist, der durch seinen Tod 1992 von den nachfolgenden technologischen Entwicklungen nichts mehr mitbekam. Was er wohl zu AI generated music gesagt hätte, die Plattformen wie Spotify fluten?
  • Aufsatz über den Gegensatz von „Intention“ und „Nicht-Intention“ bei Cage
  • Interview mit seinem Lebens- und künstlerischen Partner Merce Cunningham

Viel mehr habe ich in Halberstadt auch nicht gemacht. Leider schließt so gut wie alles im Winterhalbjahr um 16 Uhr, sodass ich nach Quedlinburg und über einer Stunde Orgelprojekt keine Zeit mehr für den Domschatz hatte.

Magdeburg

Auch in Magdeburg sind überall wuchtige Kirchen und offene Plätze zu finden. So richtig hübsch fand ich die Stadt nicht, wobei das auch daran gelegen haben mag, dass hinter jeder Ecke noch kitschige Weihnachtsdeko das Stadtbild bereicherte. Außerdem lag mein Besuchswochenende nicht gerade in der Saison – entsprechend leer war es allüberall.

„Sehenswertes“

Hundertwasser ist nicht so mein Fall; trotzdem ist die „Grüne Zitadelle“ schon beeindruckend und einen kurzen Besuch wert. Anscheinend kann man da auch Führungen buchen, aber irgendwie glaube ich nicht, dass kostenpflichtige WCs im Sinne des Künstlers gewesen wären:

Das kultur- und naturhistorische Museum ist eher etwas für Kinder. Alles ist relativ neu, aber irgendwie nicht „modern“ und nicht sonderlich didaktisch aufbereitet. Es ist nicht sehr groß, aber ich habe mich ein paar Mal verlaufen, aka den Anschluss an den linearen Fluss der Chronologie verloren. Die Zerstörung der Stadt 1631 wird nur auf ein paar Tafeln thematisiert, und bei vielem (Mystikerin Mechthild?) hätte ich mir mehr Infos statt nur einer Erwähnung gewünscht. Highlight (im naturhistorischen Teil des Museums):

Kunstmuseum „Unser lieben Frauen“

Überraschend spannend war das lokale Kunstmuseum. Keine ganz großen Namen, aber Einzelnes von Nan Goldin, Brian Eno, Hito Steyerl, zwei Arbeiten von David Lynch. Man braucht ca. 1,5-2h mit allem. Was mich verblüffte: Es gab im gesamten Museum nichts Unzüchtiges, Erotisches oder gar Sexuelles. Sogar die wenigen skulpturalen Akte waren eher andeutend – offenbar hat der Protestantismus hier weidlich durchgeschlagen.

Entdeckung: Horst Bartnig, konkrete Kunst aus Ost-Berlin!

Highlight hier: Ein 9 Meter hohes rosa-weißes Aufblas-Nashorn im alten Kirchenbau. Love it. Dafür sind Kirchen da!

Abschluss in Halle

Am Abreisetag (danke, freier Montag!) fuhr ich dann schon morgens nach Halle, um dem Museum Moritzburg noch einen Besuch abzustatten. Eigentlich war ich ja sattgesehen … aber das ist wirklich ein imposantes Museum. Hier gab es dann noch Namen: Feininger, Klee, El Lisitzky, Franz Marc, Emil Nolde, Otto Dix und auch was von Gustav Klimt. (Letzterer ist auch nicht so mein Fall.) Und im historischeren Teil Feuerbach, Lenbach usw. Entdeckung: Der Grafiker und Maler Wilhelm Heise.

Übrigens scheint mir Sachsen-Anhalt ein misstrauisches Örtchen: Zwei Mal wurde ich von Museumsmitarbeiterinnen etwas panisch gefragt, wo denn mein Aufkleber sei (ein gelber Tupfen, der die Eintrittskarte ergänzend auf der Kleidung zu tragen ist). Eine Körperdrehung gab meinerseits gab die Sicht auf das Schildchen dann frei und alles war gut. Aber auch in den Öffis wird man hier misstrauisch kontrolliert – Von Busfahreren, aber auch Bahnschaffnerinnen, die auch tatsächlich den Ausweis zum Deutschlandticket sehen wollen. Das kenne ich aus der Region Nürnberg nicht – ich wurde dort in 6 Jahren genau ein Mal kontrolliert, obwohl ich fast jeden Tag mit etwas fahre.

PS: Domschätze „an sich“

Vermutlich könnte man sagen: Domschätze sind Tourismusmagnete, und basta. Da wird edles Geschmeide ausgestellt und nebenan Kaffee und Kuchen verkauft, wie im Cafe Domschatz in Magdeburg. Dann schlappen Eltern mit ihren Kindern durch und erzählen, in der hübschen Truhe habe die Königin ihren Schmuck aufbewahrt.

In Wirklichkeit waren das natürlich Reliquiare, also Gebinde, in denen Hände von Aposteln, Wimpern Jesu oder die Vorhaut von Heiligen aufbewahrt wurden. Aber was bedeutet das? Zum ersten Mal auf Domschätze stieß ich vor vielen Jahren in Beiträgen in Burks‘ Blog  – und mich interessierten die marxistischen Überlegungen zu Produktionsweisen mehr als der religiöse Tand.

Verdinglichte Macht, magische „Sozialtheorie“

Aber nachdem es mich nun wegen John Cage schon mal hierhin verschlug, dachte ich mir, ich lese das mal nach. Und lustigerweise handeln ja sogar ganze 5 Blogposts vom Quedlinburger Domschatz! Was lesen wir da?

Wir haben hier eine orale Gesellschaft vor uns mit der Sippe „als mentaler Realität“. „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

In Reliquien und damit in Domschätzen liegt also eine jeweilige, rituelle „Sozialtheorie“. Die ist aus ihrer inneren Logik schwer zu kritisieren; man muss die Reliquien entweihen, wenn man sich gegen die feudale Ordnung auflehnen will. Die Schätze bieten Herrschaftslegitimation und magische Wirkung in einem (Burks formuliert das so: „Dass der Krug von der biblischen Hochzeit zu Kana stammen soll, macht ihn im feudalen Sinn wieder zu einer Reliquie mit magischer Macht“). Wer die Reliquie hat, hat die Macht; es ist wie der Stab des Zauberers oder der Blick der Hexe, vor dem alle Respekt oder Angst haben und deshalb folgen, ohne, dass es einer demonstration der Wirksamkeit bedarf.

Domschätze als Nuklei neuer Wirtschafts- und Machtzentren?

Diese Legitimation ist keine historische, wie man sie heute vielleicht anwenden würde („wir haben schon immer hier gesiedelt, diese Höhlenmalerei beweist es, daher gehört das Land uns“). Für die historische Legitimation ist Präsentationsform und „narrative Stimmigkeit“ egal – das auf der Höhlenmalerei Dargestellte muss nicht „stimmen“, es muss nur gemäß der Kohlenstoffdatierung authentisch sein, nicht „wahr“. Eine Reliquie dagegen musste „geglaubt“ werden.

Wie ich mir das nun weiter denke: Durch diese Funktion von Herrschaftsstütze und magischem Objekt konnte ein aus Reliquien gebauter Domschatz dann auch zum Nukleus von Wirtschafts- und Machzentren werden: Ein neues Kloster, ein neuer Dom als „Wirtschaftsunternehmen“ wurde durch Schenkung gestiftet und bestätigte dann damit vermutlich gleichzeitig die Macht der Stiftenden wie auch der Stiftung. Dadurch kam dann eine klösterliche Ökonomie in Gang: Pilger kamen zu den Reliquien und ließen Geld da, Bauern und Ackerbauen zahlten ihren Zehnt usw.

Die Stiftung eines geistlichen Bundes mittels Reliquien ist also ein bisschen wie die Förderung eines Startups bei „Die Höhle der Löwen“ – Finanz- und Prestige-Spritze in einem.

PPS: Das alles habe ich jetzt nur geschrieben, um mal etwas ausführlicher zu erklären, wieso ich mich für Religion und Magie interessiere: Das Zeug ist überall, for better or worse, und wenn man die Welt und ihre materielle Funktionsweise verstehen will, kommt man nicht drumrum. Auch nicht, wenn man so ein ungetaufter Atheist ist wie ich.

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Lovecraft-Links #01 https://dennisschmolk.de/2026/01/24/lovecraft-links-01/ https://dennisschmolk.de/2026/01/24/lovecraft-links-01/#respond Sat, 24 Jan 2026 06:41:08 +0000 https://dennisschmolk.de/?p=7425 Since I’m gonna go to Providence, I thought I might as well collect some misc links to Lovecraftian stuff from the interwebs. Kind of like tentaclii (here’s their most recent link collection). I won’t promise any regularity or schedule Events Necronomicon tickets are now available at Eventbrite. I opted for the 350$ Silver tickets; but I think there’s a strong case for the 185$ level. The event takes place Aug ... Mehr

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Events

  • Necronomicon tickets are now available at Eventbrite. I opted for the 350$ Silver tickets; but I think there’s a strong case for the 185$ level. The event takes place Aug 13th-16th.
  • Dates for the German „Deutsche Lovecraft Gesellschaft“ convention „AnRUFung“ ticket sale have been published: members of the club will be able to register on March 22nd, members of a more general public will have to wait for another week. I’ve never been to AnRUFung (#ruf26) since it always seemed too much of a hassle. This year I have a more convincing excuse: I’ll be in Providence, since Anrufung and Necronomicon share the exact same date.
  • There’s gonna be a a large Steam sale in April (9th-16th), just as there war in the past couple years: „Fulqrum Publishing Announces Lovecraftian Days 2026“. Alas, their Discord is not that active — yet.

Misc

 

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