In dieser vierteiligen Serie geht es um eine Reise im September 2025. Part 1: Casablanca; Part 2: Fes; Part 3: Tangier; Part 4: Barcelona.
You don’t look at the city; you look out of it. – ‘Worlds of Tangier’, 1958, Paul Bowles
Schon Fes fühlte sich deutlich anders an als Casablanca. „Casa“ war eine Hafenstadt mit ein paar touristischen Hotspots und eine überbordende Metropole; Fes wirkte auf mich eher wie eine „Alltags-Stadt“ plus Touri-Medina. Und Tangier hatte nun wiederum einen ganz anderen „Vibe“: Eher Strand- und Urlaubs-Stadt mit stellenweise sehr euopäischem Flair, wenn auch teilweise gebrochen. Zwar waren auch hier viele Strände mit Plastikflaschen übersäht, aber die meisten sahen ganz ordentlich aus (wenn auch vermutlich kein Bade-Urlausbziel für Westeuropäer). Man hörte hier etwas mehr Spanisch, während ich Casablanca als eher frankophon und Fes relativ arabisch wahrgenommen habe. Vielleicht liegt das aber jeweils auch einfach an den Ecken und Orten, die man besucht hat.
Es ist schwer einzuschätzen, wie es der Stadt geht – einerseits entstehen diverse neue Hotels, andere verfallen. Alles im Wandel. Straßenjungen, die einen aggressiv anbetteln – hoffentlich nur in der Nähe des Strands.

Unser Airbnb lag in Nähe des Bahnhofs und damit in zweiter Reihe hinter der Küste. Unser Gastgeber (genauer: dessen Sohn) hatte uns beim gegenüberliegenden KFC abgeholt – und sich als gebürtiger Deutscher marokkanischer Abstammung herausgestellt, aufgewachsen in Köln und sehr zuvorkommend.
Die Dachterrasse bot einen hervorragenden Blick, aber das Appartment liegt in einem Gebäudekomplex, der dem Leveldesign von Resident Evil entsprungen sein könnte:
Irgendwie recht passend, dieser French Chic.
Contents
Beat it?
There is no greater danger to the State than a so-called intellectual. It would have been better if you were all illiterate. (King Hassan II., 1965. Quelle.)
Tangier hatte ja eine recht spannende (pop-) intellektuelle Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Poets der Beat Generation waren hier – Burroughs floh in die Tangier International Zone, nachdem er seine Frau in Mexiko erschossen hatte, siehe „Naked Lunch“; Ginsberg und Kerouac waren hier; die Stones und die Beatles verkehrten zumindest im Cafe Hafa. Paul Bowles lebte über 50 Jahre bis zu seinem Tod 1999 in Tangier, genauso seine Frau Jane (née Auer); Paul war vermutlich auch verantwortlich dafür, dass die anderen alle nach Tangier kamen, nachdem ihn Getrude Stein bereits 1931 dorthin eingeladen hatte.
Leider macht die Stadt daraus … nichts. Es gibt kein „Beat-Museum“. Vermutlich, weil die non-conformist counterculture auch gar nicht in das Bild passt, das man heute von diesem Ort bekommen soll – Marokko ist immer noch eine muslimische Monarchie, auch wenn ein Kollege von mir meinte, es sei „natürlich ein korrupter Polizeistaat“. Well, well. Vielleicht fasst es diese Überlegung gut zusammen:
Apparently Tangier remained pretty disreputable through the 1990s. King Mohammad VI has called for the illegal activity to be cleaned up.
Und dabei ging das Beat-Erbe gleich mit drauf. Perfekt hätte man diesem natürlich nachspüren können, hätte man wie dieser Blogger 2019 einfach im Hotel el-Muniria übernachtet. Leider ist das Hotel „permanently closed“; ob das auch für die angeschlossene Bar TangerInn gilt, haben wir nicht herausgefunden. Wir haben uns dann aber einfach eine eigene kleine Cafe-Rundtour gebastelt, siehe unten.
Migration und Flucht
Am Abend, mit Blick über die Dächer der Strandpromenade, versuche ich, ein bisschen was über Migration und Flucht von Marokko nach Europa zu lesen. Über „reguläre“ Migration gibt es ein paar Zahlen. Ich finde aber kaum etwas Aktuelles zu Flucht und Mittelmeerrouten, und kaum etwas in westlichen Medien.

Offenbar war die „Strait of Gibraltar Route“ um 2018 sehr beliebt. Kein Wunder: Von unserer Dachterrasse sieht man die spanische Küste tagsüber sehr gut; sie ist knappe 30 Kilometer entfernt. Inzwischen scheint sie aber zugunsten anderer Routen aufgegeben worden zu sein, wie eine andere Quelle schreibt:
Militarisation in the region shifted migrant communities towards other, more dangerous routes and limited traffic on this route
Wie dem auch sei, nur ein paar Kilometer hier den Stand runter starteten Flüchtlingsboote … So eine Überfahrt kostet(e) ein Vielfaches meines Billigflug-Tickets, und endet mit millionenfach höherer Wahrscheinlichkeit mit dem Tod. Diese Erkenntnis kommt mir natürlich nicht erst hier. Aber sie fühlt sich nochmal näher und greifbarer an. Ziemlich schwieriges Gefühl, weil mich schließlich nur ein dünnes Heftchen (wenn auch mit tollem Papier der Bundesdruckerei!) berechtigt, einfach ein und aus zu gehen.
Letzter Tag in Afrika: Beatnik-Cafe-Tour
Der letzte afrikanische Tag bestand aus Café-Hopping durch Tangier. Es begann im Cafe Hafa, wo von Bowles und Burroughs bis zu Stones und Beatles vor 80 bis 50 Jahren der Bär steppte. Das tut er immer noch – ein sehr hübsches und belebtes Klippen-Cafe. Nur auf den Tee wartet man wirklich lange.
Danach ging es ins Herz der Medina – im Gegensatz zu Fes ist das hier eine überschaubare Struktur – zum Grand Café Central. Auch hier verkehrten einst die Beat-Autoren, als noch Haschisch, Heroin und später LSD durch diese Straßen flossen. Leider spürt man vom ehemaligen interzone-Charme nicht mehr so viel. Es ist ein Ort, der seine wilden Tage hinter sich hat. Vieles hat ein Flair von in die Jahre gekommenem Freizeitpark. Meiner Begleiterin war übrigens wichtiger, dass Anthony Bourdain im daneben liegenden Cafe Tingis gegessen hat. Tangier hat eben für jeden was in petto! Bourdain war auch im schon erwähnten Hotel elMuniria, wo er wohl fancy Haschkekse serviert bekam.
Danach: Café de Paris. Wir wurden an einen Tisch gesetzt, indem ein marokkanischer Gast an einem anderen Platz nehmen musste… und genossen einen weiteren Kaffee. Viel mehr kann man ja nicht tun.
More culture …?
Wobei es in Tangier immerhin noch ein bisschen Kultur gab, u.a. Street Art von „punksy“:

Außerdem hätte man sich das Contemporary Art Museum in der Casbah angucken können; darauf stieß ich aber erst später, und man findet auch keine Website oder weitere Infos online, was wir verpasst haben.
Und dann gäbe es noch das Museum der US-Delegation sowie den legendären Buchladen Librairie des Colonnes, der leider geschlossen hatte. In der Auslage fand sich allerdings auch ein merkwürdiges 9/11-Verschwörungsbuch:

Übrigens haben wir mit den Cafes 2 der 3 „Literary Landmarks“ in Marokko besucht, die „The Culture Trip“ listet. Und der dritte ist in Marrakesch … (Naja, wenn man Ibn Chaldun mitzählt, gibt es auch noch die Medina von Fes, aber daran wollen wir uns jetzt nicht erinnern.)
Wer weiterlesen will, auch zu Fragen der postkolonialen Interpretation der Beziehung, die die Literaten und speziell Bowles zu Marokkanern wie Mohamed Mrabet hatten:
- Frederic Tuten über seine Zusammentreffen mit Paul Bowles (Paris Review)
- Beat and dust: Tangier’s tang of history (Sam Jordison im Guardian)
- THE MOROCCAN PAUL BOWLES von Brian Edwards (Michigan Quarterly Review)
- „Rediscovered in the alleys of Tangier, Morocco’s last link to the Beat Generation feels broken“ (Washington Post)
Abflug!
Da unser Flug Tangier um 7:15 verlassen sollte, hatte sich meine begleitende Reiseleiterin schon seit Anreise darum gekümmert, dass wir einen Shuttle-Service bekommen. Der stellte sich dann kurz vor 5 Uhr morgens als unser Gastgeber selbst heraus (also der Vater) und erzählte auf der Fahrt ein bisschen was über seinen Werdegang: Nach einem Jurastudium in Marokko nach Deutschland, dort geheiratet und Kinder großgezogen, dann wieder nach Marokko, um das Gebäude zu sanieren und zusammen mit seinem Schwager zu vermieten. Dabei sieht er keinesfalls älter aus als wir. Warum zurück nach Marokko? Es ist lockerer da, auch wenn das gewisse Probleme mit sich bringe, und das Wetter ist besser.
Die Unterkunft war … gewöhnungsbedürftig bis latent bedrohlich. (Meine Begleiterin merkte an, dass sie da als alleinreisende Frau sehr ungerne absteigen würde.) Die Vermieter aber waren sehr nett. Wie bewertet man das nun auf Airbnb?
Fazit zum Reiseziel Marokko
Kann ich Marokko als Reiseziel empfehlen? Das fällt mir schwer. Ich bereue das Ziel nicht, es hat mir insgesamt gefallen, war unterhaltsam und lecker und hat mich vor allem an einen Ort geführt, der tatsächlich deutlich anders funktioniert als Europa – aber auf teils sehr westliche Weise. Ich glaube, das war kein schlechtes erstes Ziel, für das man einen Reisepass braucht.
Gleichzeitig fehlen mir hier einige Dinge, die ich am Urlaub schätze. Allem voran: Kunst, die nicht merkantiles Kunsthandwerk ist. Die maghrebinischen Reize nutzen sich schnell ab: Die fünfte Tajine ist nicht mehr wie die erste, auch wenn was anderes drin ist. Für einen Strandurlaub kann man zumindest Tangier und Casablanca auch nicht empfehlen, dazu fehlt doch eine Größenordnung Pflege. Und das Internet ist noch schlechter als in Deutschland.

Weiter geht’s in Barcelona.

Als Fazit könnte man sagen, ihr hattet zu wenig Kultur für euren Geschmack.
Jupp.