In dieser vierteiligen Serie geht es um eine Reise im September 2025. Part 1: Casablanca; Part 2: Fes; Part 3: Tangier; Part 4: Barcelona.
Er hielt sich nämlich nicht für einen Touristen, sondern für einen Reisenden. Der Unterschied liege in der Zeit, pflegte er zu sagen. (Paul Bowles, „Himmel über der Wüste“)
Ich halte mich keineswegs für einen Reisenden, aber trotzdem unternahm ich dieses Jahr (in reiseerfahrener und angenehm reiseleitender Begleitung) eine Reise. Die führte uns zunächst nach Nordafrika und zum Schluss zwei Tage nach Barcelona.
Warum Marokko? Ich wollte eine Reise, bei der ich meinen neuen (und ersten!) Reisepass ausprobieren konnte und die mich an einen Ort führen würde, der „anders“ ist als mein gewohntes Umfeld. Ich denke nach wie vor, dass die religiöse Prägung einen großen Einfluss auf die Kultur hat, daher wollte ich in kein christliches Land. Und dann kommt, der Entfernung wegen, fast nur ein islamisches Land in Frage …
Ursprünglich schielte ich Richtung Algerien, um das Land Frantz Fanons, Jacques Derridas, Albert Camus zu erleben. Aber das scheint momentan keine so gute Idee, zumal man der (offenbar) angespannte Lage wegen persönlich ein Visum in einem Konsulat in Frankfurt holen müsste. Also wichen wir auf das visumsfreie und tourismuserprobte maghrebinische Nachbarland aus.
Contents
Part 1: Casablanca
Der erste Teil der Reise führte in die Stadt, die man vor allem aus einem Film kennt, der in LA gedreht wurde.
Flugreisen
Ich bin schon ein paar Mal in meinem Leben geflogen, halt innerhalb der EU. Das letzte mal liegt nun aber schon ca. 10 Jahre zurück, und ich habe es nicht vermisst. Das Fliegen selber finde ich großartig: das Körpergefühl beim Abheben, die Sicht aus 10km Höhe, der „Landkartenblick“ auf die Welt. Aber die teils willkürlich wirkenden Prozeduren vorher finde ich furchtbar.
Das beginnt bei der Buchung. Die erinnert mich an eine Mischung aus Versicherungsabschluss und Küchenkauf: Man blickt nicht durch und fühlt sich am Ende sowohl von den Anbietern als auch von den Vergleichsportalen irgendwie übervorteilt. Danach kommt das merkwürdige Ritual des vorherigen digitalen Eincheckens, dann des Eincheckens mit Gepäck – wozu macht man das mehrstufig …? Es folgt die „Sicherheitsprozedur“, die wahlweise dem racial profiling dient (yes! da gewinne ich immer!) oder reines Schauspiel ist.
Besonders willkürlich finde ich das mit den Flüssigkeiten, zumal ich unbeanstandet ein unbeschriftetes 20ml-Fläschchen mit Nikotin-Liquid durch die Kontrolle brachte. Das hätte ja sonst was sein können. Naja, offenbar wird das ja langsam wieder abgeschafft. Zugfahren ist jedenfalls ziemlich einfach, transparent und komfortabel im Vergleich, aber da kommt man halt nicht so weit und es macht als Fortbewegung auch nicht ganz so viel Spaß.
Auf nach Casa!
Der erste Teilflug nach Amsterdam hatte dann Turbulenzen und wir bekamen kein Getränk. Schade. Danach hieß es: Warten am Flughafen auf den Anschluss. Reisen ist schon wirklich vor allem Warten.
Auf dem zweiten Flug konnte ich dann einige Leute beobachten, die beim Abheben beteten. Ich frage mich, ob das auch ein christliches Ding ist oder eher in der islamischen Welt passiert. Leider hatte ich hier keinen Fensterplatz, daher bestellte ich irgendwann aus Langeweile das Butter Chicken. War sogar ganz genießbar (nur der Reis war furchtbar).

Ankunft
Große Spannung: Wird meine eSIM in Marokko funktionieren oder bin ich 10 Tage ohne Internet? Nach der Landung die Erleichterung: Geht. Irgendwie hatte eine eSIM des gleichen Anbieters vor 2 Wochen in der Schweiz einfach nicht funktioniert, sodass ich dann zusätzlich das Paket meines Providers kaufen musste. In Marokko wäre das aber inakzeptabel teuer geworden. Und ohne Roaming-Paket oder lokale SIM kann einen das theoretisch in die Privatinsolvenz bringen: 99 Cent je Mega(!)byte. In Marokko werde ich ca 2 Gigabyte verbrauchen, das wären also schlanke 2000 Euro. Deutlich mehr als der Urlaub.
Die Passkontrolle bei betreten des Landes war simpel, aber mit strengem Blick über strengem Schnaubart garniert. Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt auch einen fransigen Schnurres, daher fiel es mir nicht schwer, dem standzuhalten.
Auf Google Maps kann man übrigens nur sehr eingeschränkt public transport in Marokko suchen. Schade. Also Orientierung vor Ort, Einchecken in der Unterkunft mit Blick auf die größte Moschee des Landes:

Zeit und Geschwindigkeit
Was sofort auffällt: Der Verkehr hier in Casablanca ist verrückt und potenziell ziemlich tödlich (sagen wohl auch die Statistiken). Rote Ampeln werden meistens respektiert, nur leider gibt es für Fußgänger selten ein Grünlicht. Man muss einfach gehen und vorher ein kurzes Stoßgebet absenden, dann kommt man auch an. (Alle unsere Stichproben, um diese Hypothese zu testen, waren erfolgreich, sonst könnte ich das hier auch nicht schreiben.)
Die Geschwindigkeit, mit der sich die Autos durch den Verkehr bewegen, um überhaupt voran zu kommen – also immer zu schnell – steht im Kontrast zur allgemeinen Geschwindigkeit. Die meisten Leute haben (mindestens scheinbar) sehr viel Zeit. Ohne das romantisieren zu wollen, schien mir hier niemand Angst zu haben, etwas zu verpassen; außer beim Autofahren.
Was war sonst noch anders?
Unsere Unterkunft lag an der Strandpromenade an der großen, Hassan II. gewidmeten Moschee. Hier war es weitgehend sauber, ordentlich, grün (also: bewässert) und touristisch. Schon eine Häuserfront „dahinter“, also Richtung Standzentrum, gab es aber teilweise keine intakten Fußwege, ungesicherte Schächte mit 1-2m Tiefe, oder halt offen liegende Kabel:

Was die Alltagssprache angeht, war ich mir bis zur Abreise noch nicht sicher, wer weshalb französisch spricht und wer Hoch-Arabisch/lokales Arabisch/Berbersprachen. Rudimentäres Englisch jedenfalls ist verbreitet genug, um bei einfachen Alltäglichkeiten zurechtzukommen – auch unter Kioskbetreibern und Taxifahrern. (Bei beidem ist kein Gendern nötig, ich habe nur Männer erlebt.) Und wenn das scheitert, kommt man mit Google Maps oder allgemeinen Begriffen schon recht weit.
Apropos Taxis: Ohne kommt man in Marokko nicht aus. Es gibt zwar ganz gute Busse, aber die fahren wo und wann sie wollen und bedienen nur bestimmte Bereiche. Die in Casablanca und Fes roten, in Tangier blauen kleinen Taxis bringen einen für Spottpreise überall hin (sofern man nach Taxameter fährt). Mehr als 2,50 haben wir nie bezahlt, außer für einen Transfer vom Bahnhof, und da haben wir uns definitiv übers Ohr hauen lassen (auch wenn die 10 Euro sehr viel billiger waren als jede Taxifahrt in einem europäischen Land).
Ganz anders sieht das aus, wenn man komplexere Dinge möchte – hier wären Französischkenntnisse sehr sinnvoll, und vermutlich auch ein paar Brocken Arabisch.
Straßenkatzen und Taschentuchverkäuferinnen
Außerdem allüberall: Straßenkatzen, die leider teils auch sehr zerfleddert wirkten. In Youtube-Videos werden diese Katzen romantisiert (hier ein Beispiel aus Fes), aber die Realität ist: Man wird an ein paar toten Katzen vorbeilaufen oder sich zu Recht nicht trauen, eine niedliche Katze zu streicheln oder zu füttern – Reiseimpfungen hin oder her.
Apropos füttern: Anscheinend sind die Katzen im hiesigen Islam sehr beliebte Tiere. Irgendwo habe ich gelesen, dass das ihrer Reinlichkeit zugeschrieben wird – und dass der Prophet eine Vorliebe für sie hatte. Das kann ich mangels Koran-Kenntnissen nicht bestätigen. Aber die Praxis, den Katzen ein paar Brocken hinzuwerfen, ist tatsächlich recht verbreitet; vergleichbar mit dem Taubenfüttern bei uns (oder in Barcelona, wo das mit Tauben und Papageien als Touri-Attraktion vorgeführt wird).
According to my guide, Reduan, cats are considered pure and clean in Islamic culture. […] But Morocco’s Indigenous Amazigh (Berber) people add their own mystical twist. Some believe black cats could be spirits, either mischievous or protective. If one crosses your path in the morning, saying besmellāh wards off bad luck. (Quelle)
Preise und Geld
Die Preise für Waren schwanken erheblich, für eine Tasse Tee zahlt man im einen Cafe 7 Dirham (etwa 70 Cent), im anderen 22dh (also 2,20 – im Folgenden werde ich vorrangig Europreise verwenden, aber die Umrechnung ist ja reichlich simpel). Insgesamt sind die meisten Güter aber merklich günstiger als hier. Und da es (fast) nirgends Alkohol gibt, sparen viele Urlauber vermutlich nochmal extra … Auf einem Fischmarkt hatten wir jedenfalls ein sehr reichhaltiges Mittagessen für ca. 7 Euro. Bei allem, wo keine Preise dranstehen, müsste man handeln, und das ist nicht unbedingt meine Stärke …
Eine der vermutlich billigsten Waren, die ich sehr häufig brauche, aber dank eigenem üppigem Vorrat nicht gekauft habe: Taschentücher. An vielen Cafe-Tischen oder einfach auf der Straße wird man quasi „angebettelt“, ein Päckchen zu kaufen. Ich würde das mit unseren Obdachlosenmagazinen vergleichen; es dient als Begründung, um zu spenden.
Was kann man hier alles machen?
Neben dem erwähnten Fischmarkt kann man in Casablanca noch
- die Medina ansehen (von der touristischen, hübschen Ecke bis zu verqualmten Straßenflohmärkten voller Roller, Droschken, Autos, Krims und Krams)
- an jeder Ecke leckere Tajine essen
- die mehrfach erwähnte große Moschee besichtigen (wobei die „Tour“ eher dünn ist; es scheint eher darum zu gehen, dass sich keine Touris alleine in dem beeindruckenden Gebäude verlaufen)
- sich mit alkoholfreiem Bier in den „Arab League“-Park setzen
- die mit der marokkanischen Unabhängigkeit 1956 aufgegebene, vollkommen leere Kirche Sacré-Cœur de Casablanca ansehen (es gibt hier wirklich keine Einrichtung, keinen Altar und keine Bänke!)
- in der großen Mall das Aquarium bestaunen
- nach Fes oder Marrakesch fahren.
Casablanca-Fazit
Am vierten und letzten Abend hatten wir in der eher touristisch geprägten Restauration „La Sqala“ ein leckeres Essen mit verschiedenen Saft-Drinks und einigen marokkanischen Saucen und Snacks, unter anderem kalte gewürzte Leber. Die Casablanca-Experience als Ganze würde ich mit dieser Leber vergleichen: Die ersten Bissen sind faszinierend, ungewohnt und lecker, aber der ganze Teller ist irgendwie zu viel und zu gleichförmig. Die anfangs faszinierenden Kontraste, Beschwerlichkeiten, die günstigen Softdrinks (mein armer Blutzucker …), die einzigartige Architektur, das Palmen-Flair bleiben; aber man kommt nicht mehr näher dran, man kann sie nur weiter anschauen, ohne sie tiefer zu verstehen.
Und irgendwie fehlt, was man sonst in Städten macht: So etwas wie Museen, Theater, Konzerte. (Leuten, die Alkohol trinken, fehlt zudem der Programmpunkt „trinken“, was ich gut verstehen kann, auch wenn ich es selber als Nicht-Mehr-Trinkender mal ganz spannend fand, in einem „alkoholfreien“ Land zu sein.)
Auf nach Fes!
Wir waren etwas nervös vor der Weiterreise … Kriegt man ein Taxi zum Bahnhof? Wie kommt man sonst rechtzeitig da hin? Findet man sein Gleis? Und wie beeinflusst der Feiertag das alles, denn meiner Reisebegleiterin war aufgefallen, dass verschiedene Apps und Websites von „Mawlid“ sprachen. An diesem Tag feiern Sunniten und Schiiten – nicht aber Salafisten und Deobandisten! – den Geburtstag Mohammeds.
Das war dem öffentlichen Treiben auch deutlich anzumerken: Auf der achtspurigen Straße vor unserer Unterkunft fuhren sonst ca. 10 Autos pro Sekunde, an diesem Tag nur ein Auto alle 10 Sekunden. Trotzdem bekamen wir einen Kaffee, ein abenteuerliches Taxi zum Bahnhof sowie eine pünktliche Zugabfahrt. Tickets, jedenfalls für die erste Klasse, sind günstig (15 Euro pro Person nach Fes), sollten aber auf jeden Fall vorher gebucht werden. Sitzplatz inklusive – nimm das, Deutsche Bahn!
Da es mir am Bahnhof Casablancas zum ersten Mal auffiel, hier noch eine Alltagsbeobachtung: Pissoirs sind rar, und wenn dann für Menschen über 1,80 gebaut … oder halt gleich gesperrt:

Weiter geht’s im Spinnennetz der Medina von Fes (Part 2).

Da hast du eine sicher bleibende Erfahrung gemacht!
For better or worse 😀