Outsider-Kurzkritik: Mraz und Sohn

Ich war im Mraz & Sohn. Wer das nicht kennt: Es handelt sich um ein 2-Sterne-Lokal in Wien. Anlass war der Geburtstag meiner Lebens- und Genusspartnerin. Dieser kurze Artikel dient dazu, meine Erfahrung festzuhalten und ein paar Leuten schicken zu können, erhebt also keinen Anspruch auf literarische Finesse, Publikationswürdigkeit oder Objektivität.

tl; dr

Das Mraz & Sohn kriegt 6,5/10 völlig subjektive Sternchen. Zum Vergleich: Das Enigma würde ich mit 7, das Nürnberger etz mit 9 Sternchen bewerten.

Disclaimer

Ich sollte vorwegschicken:

  1. Allzu Sterne-erfahren bin ich im Gegensatz zu meiner Begleitung nicht, daher kann ich nur mit dem vergleichen, was ich erlebt habe (insgesamt nun: 6 Sterne). Ergo: Ich fühle mich ein bisschen als Outsider.
  2. Ich bin Fan des Kunst-Kulinarik-Kosmos rund um den Betreiber Lukas Mraz und seine Healthy Boy Band.

Letzteres drückt sich in meiner Wohnungsgestaltung aus. Hier stehen die meisten Ausgaben des artsy Kochmagazins „Healthy Times“ herum, meinen Kücheneingang schmückt ein entsprechendes Poster und die HBB hängt neben dem Klo:

Natürlich musste ich Merch kaufen, und nun habe ich passend zu meiner Kochschürze mit dem “Wood Sitting on a Bed”-Meme (danke, Nic!) auch noch einen Acid-Gurkerl-Bucket-Hat. Uniform completed.

Und auch die Karte macht sich gut am Kühlschrank:

Detailwertung

Ich habe mir vollkommen willkürlich die folgenden Kriterien ausgedacht:

KategorieSternchen (von 10)
Bildung6
Lecker10
Design & Performance8
Anarcho-Faktor5
Pamper-Faktor („I feel special!“)4
Preis/Leistung6

Mittelwert: 6,5.

Preispunkt: 315 Euro (Aperitif, Menü, alkfreie Begleitung, Mokka und Trinkgeld) plus 36 Euro für den Bucket Hat. Damit ein paar Euro günstiger als etz und Enigma.

Bildung & Lecker

Alles war superlecker, eine coole aromatische Reise.

Highlight-Notizen:

  • Spargel Wellington im Tempura-Teig mit Morchel-Duxelles -> man könnte das „Schweinchen Schmitt“ auch mal in Tempura probieren. Sehr geil und inspirierend.
  • Rhabarber in verschiedenen Zubereitungen, auch gepickelt als „Neutralisator“ zwischen Sushi-Bissen. Ebenfalls inspirierend, als nächstes fermentiere ich Rhabarber.
  • Sauerteiglaugencroissant als Brotgang. Hammer.
  • Mapu Tofu, sehr Szechuan-lastig, gewagt. Spannte einen schönen Bogen meiner Wien-Erlebnisse, da ich zwei Tage vorher Angela Merkels chinesisches Lieblingsgericht im Ostwind hatte

Insgesamt hätte ich mir aber mehr „Gewagtes“ gewünscht. In der Menükarte schreibt das Mraz & Sohn, man lasse die Gäste jeden Teil von Tier und Pflanze probieren – „Es gibt keine schlechten Stücke, nur unpassende Zubereitung“. Davon hätte ich aber gerne mehr gesehen! Ich gehe ja in Sternelokale, weil ich dort ungekannt Fermentiertes, neue Fleischteile und exotisches Zeug aus dem Meer kennenlernen kann. Daher war das für meine „kulinarische Bildung“ weitaus weniger Return on Invest als etz oder Enigma (Baby Squid!).

Andererseits hat meine Begleiterin vielleicht recht, wenn sie sagt, dass ich vor 6 respektive 13 Monaten halt auch noch leichter zu beeindrucken war …

Design, Performance, Anarcho

Das Menü war durchkomponiert, inklusive passender Playlist – eine Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass es zwischen den Tischen durchaus mal 2 Gänge Abstand gab. Am Anfang wurden alle Komponenten im Einkaufswagen präsentiert, zum Schluss kamen Käse- und Mokkawagen. Kleiner Wermutstropfen: Von Anfang bis Ende waren mir alle Erklärungen und Präsentationen deutlich zu schnell – man kam kaum mit, und die relativ laute Musik verhinderte allzuviele Rückfragen.

Das Lokal ist ebenfalls sehr atmosphärisch: bisschen industrial, bisschen Kunst, schöne offene Küche, überall witzige Details (siehe Beitragsbild). Wir hatten den besten Platz mit vollem Überblick – danke dafür.

Allerdings kam mir der Anarcho-Charakter des Healthy-Boy-Band-Mraz insgesamt zu kurz – das war aber vielleicht auch meine falsche Einschätzung. Ich hatte zumindest 2 Teller erwartet, die mir entzückenden Blödsinn wie das Pinocchio-Eis präsentieren.

Und generell muss man zum Thema „Anarcho“ und „Inklusivität“ sagen: Auch wenn das Menü, das man am Ende des Abends ausgehändigt kriegt, sagt, „everybody is welcome“, ist die ganze Veranstaltung natürlich alles andere als inklusiv. Sondern ziemlich exklusiv, wenn man den price point bedenkt. Auch wenn niemand in Abendgarderobe kommt und das Team Acid-Gurkerl auf der Stirn hat. Ich habe kein Problem mit Exklusivität, ich kaufe auch Kunst; aber es ist ein bisschen eine Dissonanz.

(Rechts zu sehen übrigens die „Bambini Rabarbi“, die wir noch auf den Weg geschenkt bekamen.)

Pamper-Faktor (plus: Gemini-KI-Tipps!)

Hierfür muss ich ein bisschen ausholen. Vor einem Dreivierteljahr hatte Sophie Passmann ihren Freund Max Strohe als Podcast-Gast. (Danke für die Empfehlung damals, K.!)

Ich wusste noch, dass er darin über ausgefallene Gästewünsche berichtet, und wie sich Sternelokale alle Mühe geben, diese zu erfüllen. Also bat ich eine KI (perplexity mit Gemini), diese Stellen im Transkript zu finden. Perplexity weigerte sich; mit Gemini direkt (also einfach im Browser) ging es. Offenbar blockt Youtube Zugriffe über API, selbst wenn man über ein Gemini-Modell kommt. Jedenfalls:

Max Strohe erklärt ab [23:42], dass viele Services in der gehobenen Gastronomie zum Standard („Bare Minimum“) gehören:

  • Social Media Recherche: Gäste werden im Vorfeld auf Facebook oder Instagram gesucht, um zu wissen, wer sie sind und ob sie z. B. einen Jahrestag feiern [23:23].
  • Personalisierte Begrüßung [23:42].

Ich glaube, das stimmt nicht, jedenfalls nicht für ganz normale Gäste wie uns. (Ich bin gespannt, ob es stimmen wird, wenn ich mal im Tulus Lotrek bin.) Ich hatte im Vorfeld per Mail gefragt, ob man zum Geburtstag meiner Begleiterin einen amüsanten Zwischengang haben könne (bezogen auf ein Rezept aus der Healthy Times), d.h., niemand hätte uns stalken müssen, um den Anlass zu erfahren – den hatte ich mitgeteilt. Aber darauf eingegangen ist niemand.

Vermutlich ist es vollkommen vermessen, als einer von ca. 40 Gästen „gepampert“ werden zu wollen, aber ein bisschen Individualisierung hätte ja nichts gekostet (zumindest eine Gratulation vom anwesenden Lukas Mraz). Mein Empfinden sagt jedenfalls, dass ich mich für über 300 Euro ein klein bisschen special fühlen möchte. Auch wenn ich nur einer von 40 bin.

Fazit

Es war superlecker, es war ein Erlebnis, ich bereue nichts – aber ich denke, es wäre mir nicht nochmal über 300 Euro wert.


Featured Image: „Boys“ im Toilettenbereich. Dort lief übrigens ein Standup-Programm im Hintergrund.

1 Kommentar zu „Outsider-Kurzkritik: Mraz und Sohn“

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