Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite.
Dieser dritte und letzte Artikel ist weder Reiseübersicht (wie Part 1) noch Zusammenstellung (Part 2), sondern hat ein klares Thema: H.P. Lovecraft, sein Providence und die NecronomiCon. Auch, damit ich diesen Artikel an Leute weiterreichen kann, die sich nur bedingt für Lobster Roll, aber umso mehr für Lovecraft interessieren. (Die brauchen trotzdem etwas Geduld.)
Erste Erkundungen
Providence erreichten wir, klar, per Amtrak (mit der einzigen nennenswerten Verspätung der Reise). Allerdings nicht an der „Union Station“, die Lovecraft damals genutzt haben muss, sondern eine Meile weiter Richtung Rhode Island State House. Man kann den alten Bahnhof aber im Zentrum noch ansehen, zumindest von außen. Apropos State House: Providence, obwohl nur etwa 200.000 Einwohner stark, ist Hauptstadt und Parlamentssitz des kleinsten amerikanischen Bundesstaats Rhode Island.
Nach der Uber-Fahrt zum Airbnb (in Federal Hill, dem von Lovecraft eher gemiedenen „italienischen“ Providence) bestaunten wir unser Häuschen. Das hätte Lovecraft auch gefallen! ChatGPT sagt dazu übrigens:
„ein typisches, giebelständiges New-England-Holzhaus des späten 19. Jahrhunderts – schlichte viktorianische Vernacular-Architektur mit horizontaler Clapboard-Fassade“
Traumhaft.

Oyster Bar #1: Gift Horse
Der erste Streifzug führte uns durchs Zentrum, wo wir neben Anti-ICE-Postern (s. Part 1) eine hübsche Oyster Bar fanden, das Gift Horse. Die Happy Hour hatten wir gerade verpasst, aber wir nahmen dennoch ein paar Austern, ein Fisch-Crudo (wobei ich trotz Nachfrage bis jetzt nicht verstanden habe, was da außer Thunfisch drauf war) und ich bestellte das vielleicht beste Essen der Reise: einen Lamm-Burger mit Fries und Pickles. Freundin hatte eine Scallop Roll, ebenfalls eine super Wahl und für mich Inspiration für das Essen am nächsten Tag.
Die restlichen Kulinarika
Und das handeln wir jetzt auch schnell ab – ich hatte ja versprochen, dass sich dieser Artikel v.a. an Lovecraft-Interessierte wendet, und die können das Kulinarische jetzt einfach überspringen. Einfach bis zur nächsten H2 scrollen, dann kommt kein Food-Content mehr, wallah. Aber: Zumindest einen sehr losen Lovecraft-Bezug verpasst du dann!
CAV
Der Name dieses Lokals steht für „Cocktails, Antiques, Victuals“, wobei ich vermute, dass „Victuals“ den gleichen Wortstamm beherbergt wie z.B. der Münchner Viktualienmarkt.
Chatty sagt:
CAV geht auf Sylvia Moubayed (1936–2017) zurück. Sie wurde in Alexandria in Ägypten geboren, wuchs international geprägt auf und sprach mehrere Sprachen. 1963 musste sie mit ihrem damaligen Ehemann, dem Arzt Samir Moubayed, Ägypten als politische Flüchtlinge verlassen. […] Sylvia hatte zunächst überhaupt keine klassische Gastronomiebiografie. Sie studierte Library Science an der University of Rhode Island und wurde später Executive Director des Providence Athenaeum.
Sie war also in Lovecrafts Lieblingsbibliothek Direktorin, die in den 1840ern auch E.A. Poe besucht hatte … und dann gründete sie um 1990 das CAV. Wir waren hier am letzten gemeinsamen Abend essen und haben es nicht bereut: Vor allem meine Vorspeise, „Pistachio Encrusted Jumbo Crab Cake“, war genial. Die Hauptgerichte waren gut, aber nicht so überragend – ich hatte 5 fette Jakobsmuscheln mit Hummer-Risotto; lecker, aber fast ein bisschen zu viel vom Guten.
Weiteres Seafood, u.a. Oyster Bar #2
Sehr empfehlen kann ich die Providence Oyster Bar, die 5 Minuten von meinem Airbnb in Federal Hill entfernt lag. Austern (mjam), Cherrystone Clams (okay) und Littlenecks (bäh, wurde ich nicht warm mit) zu 1 Euro, dazu einige Snacks reduziert; ich nahm dennoch den Chowder – und zwar den Rhode Island-Chowder, der im Gegensatz zum New England-Chowder klar ist und nicht sahnig-sämig. Das schmeckte mir aber zu sehr nach einer fischigen Kartoffelsuppe – ich bevorzuge NE-Style.
Außerdem hatte ich eine weitere Lobster Roll bei Dune Brothers (stolze 42 Dollar …) und dann noch einmal NE-Chowder am Flughafen (wieder Legal Sea Foods wie in Boston). Und ich glaube, das war es dann auch an Seafood. Daher wird es nun noch Zeit fürs …
Food-Ranking
Without further ado:
- Lamm-Burger im Gift Horse (und da war generell alles lecker)
- Crab-Cake im CAV (der Rest war leider nicht on par)
- Die erste Lobster-Roll in Boston, mit Clam Chowder on the side (das prägte meine Liebe zum Chowder!)
- Shukette in NYC: Alles lecker, vor allem die Aubergine
- Old Town Burger in NYC – vor allem, weil es genau das Richtige zur richtigen Zeit war
Außer Konkurrenz läuft das Omakase – das war lecker und ein Erlebnis, aber eben weitaus mehr als ein Essen.
(Back) to Lovecraft! Oder erstmal: Poe
Der Spaziergang führte uns dann weiter auf College Hill östlich des Providence River und zum Athenaeum – einer legendären Bibliothek, die wie schon gesagt bereits E.A. Poe und Lovecraft frequentierten. Zu Poe gibt es hier eine erst schöne, dann tragische Liebesgeschichte mit einem der spektakulärsten literarischen Breakups überhaupt – perfekte Romantik eben.
Poe im Athenaeum
Poe war 1847 verwitwet, und einer NecronomiCon-Session zufolge litt er sehr darunter. Als Schriftsteller war er erfolgreich wie nie, aber privat plagten ihn Suizidgedanken und die alten Dämonen seiner Abhängigkeiten. In Providence eröffnete sich ihm dann eine neue Beziehungsperspektive in Form von Sarah Helen Whitman, einer selbst recht erfolgreichen Dichterin, der er u.a. in ihrem noch heute zu besuchenden Rosengarten den Hof macht. Das schien irgendwann Früchte zu tragen, und die beiden verlobten sich – unter einigen Auflagen, etwa dem Erbverzicht Whitmans (die Mutter hielt Poe, vermutlich zu Recht, für keine gute Partie) und einem Drogen- und Alkoholverzicht Poes.
Nur wenige Tage vor der Hochzeit (die auf einen der Weihnachtstage terminiert war) saßen die beiden in besagtem Athenaeum, Whitman wurde ein Zettel zugesteckt – und der offenbarte, dass Poe die letzten Tage auf einer gewaltigen Zech-Tour gewesen war. Whitman löste die Verlobung, sie sahen sich nie wieder und Poe starb ein halbes Jahr später unter den bekannten mysteriösen Umständen.
Aber wo ist Lovecraft?
Poe, der Providence insgesamt nur eine Handvoll Male gegen Ende seines Lebens besuchte, hat in der Bücherei eine Gips- (oder Marmor-?) Büste. Lovecraft, der sein ganzes Leben dort verbrachte (sieht man von den unseligen New Yorker Jahren ab) und von sich sagt „I AM PROVIDENCE“, nicht. Wie ich auf einer Walking Tour im Rahmen der NecronomiCon erfuhr, besitzt das Athenaeum eine Metallskulptur, und es ist nicht ganz klar, wieso sie nicht ausgestellt wird; vielleicht passt sie nicht hinein.
Aber die Frage „Wo ist Lovecraft?“ stellt sich auch andernorts. Im Gift Shop des Athenaeums etwa finden sich zahllose antikisierende Präsente (klar, das Ganze ist ja ein Athene geweihter Bildungs- und Wissenstempel), einiges zu Poe und Whitman, aber zu Lovecraft nur ein kleiner Schlüsselanhänger. Auf Nachfrage, ob das Athenaeum die NecronomiCon merke, antwortete der Bibliothekar etwas ausweichend, es sei ein „busy summer and will be a busy fall“ …
Und auch im Stadtbild vermisst man Lovecraft. Einer der bekanntesten Söhne der Stadt hat keine Straße, keinen Platz (man fokussiert sich da lieber auf den Begründer von Providence und RI, Roger Williams) – an einer Kreuzung wurde auf private Initiative und Kosten hin eine Plakette angebracht. Es ist fast so, als wollte man diesen größten aller Fans der Stadt bewusst nicht „ehren“. Auch Autor Edward Carmien machte im Zuge der NecronomiCon ebenfalls die Erfahrung, dass Lovecraft-Monumente im öffentlichen Raum Mangelware sind: „404 – Lovecraft not found“.
Dafür gibt es dann freilich den gemeinnützigen Buchladen „Weird Providence“ in der ersten Mall der USA, der „Arcade“. (Leider ohne Barcade-Filiale und auch ohne Klimatisierung.) Der hat allerlei Weirdes in den Regalen und richtet auch die NecronomiCon aus. Ich war erstaunt, wie klein der Laden ist – aber randvoll mit Kuriosa, u.a. auch mit Resten der „berühmten“ Kirche St. John in Federal Hill aus „The Haunter of the Dark“, doch dazu später mehr.
Weitere wichtige Orte
Die folgenden Tage brachten Exkursionen zu den verschiedensten Orten mit sich, ich nenne hier nur die wichtigsten. Wer wirklich alle Orte besuchen will, an denen man einen glimpse von Lovecraft erahnen kann, sollte sich auf Reddit umtun, Chatty fragen oder etwa beim Lovecraft Archive die entsprechenden Karten und Touren herunterladen. Oder noch besser: darauf warten, dass Donovan Loucks, der Betreiber des Archivs, mal wieder eine Walking Tour gibt; ich habe an einer teilgenommen und war sehr angetan, auch wenn ich die meisten Orte vorher schon auf eigene Faust erkundet hatte.
Prospect Terrace
Einer von Lovecrafts Lieblingsorten bietet einen schönen Ausblick auf die Skyline, das Superman Building, das Biltmore Hotel (wo ein Teil der NecronomiCon stattfand) und auch in die Ferne auf Federal Hill und so fort. Außerdem kann man hier ganz schön verweilen.
Swan Point Cemetery
Was zunächst auffällt: Der Friedhof ist per Bus eher schlecht erreichbar, dafür umso besser per Auto. Man kann auf amerikanischen Friedhöfen nämlich offenbar bis an die Gräber heranfahren (aber nur mit 15 mph!) – Fußgänger auf dem Friedhof sind eher eine Ausnahme. (Wobei auch nicht viele Autos fuhren, als wir da waren.) Im Zweifel erreicht man Swan Point aber auch per pedes in einer Dreiviertelstunde vom Zentrum.
Ein hübscher Ort, einige Bäume und Gewässer, viele Krypten und Mausoleen, und natürlich jede Menge Gräber. Lovecrafts Grabstein ist auf Maps verzeichnet und leicht zu finden. (Auf der offiziellen Friedhofskarte fehlt er aber – vielleicht sollen keine Nekromanten die Totenruhe stören …?)
Das Grab kennt man als HPL-Fan sowieso von Fotos – es ist genau so, wie man es kennt; mir war nur nicht klar, dass die Eltern einen Meter weiter ein deutlich größeres Familiengrab haben. Nicht ganz verstanden habe ich, wieso das Grab nicht etwas „gesäuberter“ aussah: Einen Tag vor der NecronomiCon hätte ja mal jemand vorbeikommen und das Gestrüpp lichten können … aber vielleicht liegen dafür zu viele Opfergaben aus aller Herren Länder darauf.
So, nun habe ich also meinen knapp 20 Jahre alten Traum erfüllt, einmal das Grab Lovecrafts zu besuchen. (Und natürlich habe ich etwas da gelassen.)
Home alone
Nach den wichtigsten Mahlzeiten und Erkundungen verließ Freundin Providence, die USA und mich, um sich der Katzen anzunehmen. (Lovecraft hätt’s verstanden, es gibt ja die Anekdote, dass er einmal in einem Stuhl sitzend die Nacht durchwacht hat, weil er eine auf seinem Schoß liegende Katze nicht wecken wollte. Und „The Cats of Ulthar“ spricht auch eine deutliche Sprache.) Das war einerseits schade – Dinge zusammen entdecken macht schon viel Spaß -, aber es erlaubte mir dann auch ein paar Spaziergänge auf eigene Faust.
Federal Hill
Der erste führte mich zu St. John’s Roman Catholic Church – oder besser gesagt dazu, was davon übrig ist: nicht viel. Die Kirche spielt eine wichtige Rolle in „The Haunter of The Dark“, Lovecrafts letzter Story. Darin beobachtet ein Schriftsteller von einem Haus auf College Hill (genauer: von Lovecrafts damaligem Arbeitszimmer aus) eine düstere Kirche auf dem gegenüberliegenden Federal Hill. Er investigiert dort und findet die Spuren einer alten sinistren Kirche, der Church of Starry Wisdom, und einen merkwürdig leuchtenden Trapezoeder … Leider ist von der historischen Kirche quasi nichts mehr da. Das Grundstück ist nun ein Park, und darauf findet sich ein Mahnmal zur italienischen Immigration. Laut Wikipedia wurde das Gebäude 1992 abgerissen, das hätte ich also beim besten Willen nicht mehr schaffen können, da war ich 5 …

Ich mag diese Geschichte sehr gerne und finde es ganz cool, dass ich nun alle Entfernungen verstehe, die örtlichen Begebenheiten kenne, mir vorstellen kann, in welchen Häusern die Beteiligten gewohnt haben usw. Schade ist, dass es nicht einmal eine Infotafel o.ä. gibt.
Update: Ein neues, offenbar noch nicht im Web aufzufindendes Foto der ehemaligen Kirche gibt es bei tentacli.
Zyn
Achso, ein Einschub muss noch sein: Ich habe ja schon vor 8 Jahren aufgehört zu rauchen, und nach dem diesjährigen Wien-Urlaub, wo mir französische Schulkinder meine E-Zigarette geklaut haben, auch mit dem Dampfen. In Wien war die beste Alternative dann, sich Nikotin-Pouches zu kaufen (nach einigem Hin und Her). Und das ist eine ganz eigene und nicht ganz unproblematische Welt, weil diese Pouches offenbar bei U.S. Health and Human Services Secretary Robert F. Kennedy Jr. und seinen Alt-Right-Bros super beliebt sind. Da kann ich aber nix für.
Die bekannteste Marke in den USA ist Zyn (hier: Velo, nehme ich an, in Österreich jedenfalls), unter dem Hashtag findet man jede Menge Instagram- und TikTok-Posts. Ich wollte aber noch mehr kennenlernen, und steuerte einen Smokeshop an, der komischerweise neben Pouches und Bongs auch Warhammer und Magic anbietet. Mit dem Verkäufer verquatschte ich mich dann und wies ihn auf die NecronomiCon hin; die sagte ihm nicht viel, die Kirche um die Ecke auch nicht, aber zumindest Lovecraft kannte er gut und hatte sogar eine Porträt-Skulptur im Laden hängen. Die erste und einzige Lovecraft-Ehrendarstellung der ganzen Reise!
Social problems
Achja: Ein Nebensatz des Verkäufers beunruhigte mich dann kurzfristig ein bisschen. Er meinte, ich solle nachts nur auf den großen Straßen laufen – „one block’s good, two streets down it’s very bad“. Ich habe mich dran gehalten, schon aus Gründen der Müdigkeit, aber zusammen mit ein paar Eindrücken aus dem Stadtzentrum (eher aggressiv angebettelt werden; herumbrüllende halbnackte Männer auf Parkbänken; zankende Wohnungslose (?) vor der Kirche in Mathewson Street) hat mir das mehr Nackenschauer gemacht als alle Lovecraft-Stories auf dem Hinflug. Soweit nur als Warnung: Auch wenn Providence walkable und scheinbar ziemlich safe ist, sollte man sich ein bisschen informieren, wo man gerade auf Lovecrafts Spuren herumläuft.
When did I become Providence?
Übrigens kannte ich mich nach insgesamt 4 Tagen in Providence, davon knapp 2 alleine, ausreichend aus, um asiatischen Touristinnen ein paar Wege zu beschreiben – das gibt vielleicht einen Einblick in die Dimensionen der Stadt: Das Zentrum kennt man relativ bald sehr gut.
Die NecronomiCon
Und nun: Cut. Nachdem ich mich tagelang darüber gewundert habe, dass HPL keine große Rolle spielte, spielt er nun die Hauptrolle. Nicht die einzige – das Programm ist sehr viel breiter als nur Call of Cthulhu und H.P. Lovecraft. Aber er ist schon ein Schwerpunkt und Gravitationszentrum – er wurde in jedem Panel erwähnt, er war immer die letzte Referenz, wenn es um literarische Zuordnungen ging usw. Und die NecronomiCon ist keine kleine Veranstaltung; sie belegt die wesentlichen Tagungsräume des größten und des drittgrößten Hotels (laut Providence/Warwick Convention & Visitors Bureau Sales Kit), es kommen insgesamt ca. 2000 Menschen und die Teilnehmenden dominieren das Stadtbild (zumindest in Downtown).
Die Pre-Party
Noch bevor die NecronomiCon losging, gab es eine Pre-Party in der Narragansett Brewery am Hafen (oder jedenfalls am Wasser). Es fuhr ein Bus 3 Minuten vor meinem Appartement bis zu einer Haltestelle 10 Minuten vom Veranstaltungsort entfernt – den nahm ich natürlich, und alles klappte wunderbar.
Die Party selber umfasste, würde ich sagen, ca. 15-20 Leute – mangels eines zentralen Tisches oder einer Orga konnte ich nicht sicher sagen, wer dazugehörte. Ich unterhielt mich dann einfach mit den 4 Leuten am ersten Tisch, der mich aufnahm. Und, siehe da: Eine Frau aus Massachusetts erkannte mein Marblehead-Cap – war selber aber noch nie dort. Will sie aber offenbar seit Jahrzehnten.
Smalltalk, Bigtalk
Die meisten Gespräche drehten sich relativ schnell um meine Herkunft; in fast jeder Gruppe war ich der weitest Gereiste, und die meisten Leute hatten ein sehr positives Deutschlandbild – egal, ob sie schon mal da waren oder nicht. Und dieses Thema wird sich durchziehen: Fast jedes Gespräch drehte sich in den ersten 3 Minuten darum, woher ich komme, ob dieses „Nuremberg“ bei „Munich“ oder bei „Frankfurt“ liege usw. In manchen Fällen kam man davon dann wieder los, in anderen nicht.
Ich fragte die Leute natürlich ebenfalls ein wenig aus, und gewann hier einen Eindruck, der sich ebenfalls durchzog: Sehr viele Leute (die Hälfte?) war zum ersten Mal auf einer NecronomiCon, obwohl das schon die … achte seit 2013 ist. Überwiegend sind die Leute wegen Rollenspielrunden her oder sind zumindest durch Rollenspiel auf Lovecraft und den Mythos aufmerksam geworden (ich ja auch); es gibt aber eine etwas kleinere Gruppe von Literatinnen und Autoren, viele unveröffentlicht, die dort sind, weil sie schreiben und eher eine literarische als eine Gaming-Convention besuchen. Scholars habe ich keine kennengelernt. Übrigens: Meinen Tisch traf ich am nächsten Tag zur Walking Tour wieder; danach verlor ich die Leute völlig aus den Augen. Ganz generell schien mir die Veranstaltung zu groß, um Leute zufällig wiederzutreffen – und ich redete fast jeden Tag mit anderen Personen.
Take the bus, they said
Die Rückfahrt klappte auch wunderbar, war nur sehr unheimlich – erst 10 Minuten Fußweg durch leere Straßen, dann ein leerer Bus in finsterster Nacht, dann wieder 3 Minuten durch Federal Hill, bezüglich dessen mich der Smokeshop-Verkäufer verunsichert hatte … naja, aber ging natürlich alles gut.
Registrierung und Walking Tour
Apropos Fußweg: Pedestrianism fühlt sich deutlich besser an, wenn man nicht allein ist. Am nächsten Tag – nach erfolgreicher Registrierung, bei der ich meine Goodie-Bag mit „Silver Key“-Anstecknadel und T-Shirt bekommen hatte – gab es eine Walking Tour mit dem „Lovecraft Archive“-Betreiber Donovan Loucks.
Die meisten der Orte hatte ich schon besucht, aber viele Details waren mir natürlich durchgerutscht oder einfach nicht aufgefallen – so etwa ein relativ großer „Innenhof-Friedhof“ in einem Häuserblock oberhalb des Roger-Williams-Memorials. Und Loucks erläuterte nicht nur die wesentlichen Lovecraft-Orte, sondern auch viele Details der Stadt- und Staatsgeschichte (die ich, natürlich, schon wieder größtenteils vergessen habe).
Spannend: Anscheinend wurden innerhalb von Providence schon häufiger ganze Häuser umgesetzt. Man lädt also ein altes viktorianisches Haus auf einen Schlepper, fährt ihn ein paar Straßen weiter und setzt ihn wieder ab. Sogar bei Häusern mit Keller – ich habe extra gefragt. So passiert mit Lovecrafts letztem Wohnhaus – man kann es noch ansehen, aber nicht mehr an der Stelle, wo Lovecraft es bewohnte.
Eröffnung & Party („Black Lodge“ für „Silver Keys“)
Die feierliche Eröffnung ist neben dem Prayer Breakfast einer der Programmpunkte, die man laut mehrerer meiner Gesprächspartner keinesfalls verpassen sollte. Sie findet traditionell in der First Baptist Church statt – und hatte formal und tonal tatsächlich mehr von einem (christlichen) Gottesdienst, als ich gedacht hätte: Gerahmt von einem klassischen Orgelkonzert, mit Predigten und Wortbeiträgen. Dabei changierte das Ganze zwischen Religionsparodie, ernsthaften Speeches (vor allem zu politischen Themen und vor allem von nicht-Lovecraft-Beiträgern wie der Pastorin) und Gag-Einlagen. Und natürlich sind nicht alle Teilnehmenden Vertreter der menschlichen Spezies …
Kurz danach fand dann die zweite Party statt – Open Air in einer kleineren Straße am Rand des Zentrums, mit Live-Performances auf einer Straßenbühne. Als „Silver Key“-Teilnehmer durfte ich in einen etwas ruhigeren, erhöhten Party-Bereich, wo ich mich dann ein paar Stunden mit verschiedenen anderen „Silver Keys“ unterhielt.
Auch hier wieder: Es ging viel um Fragen der Herkunft und Anreise, um die Europaerfahrungen meiner Gesprächspartner und wie man eigentlich zum Mythos kam. Gegen Ende führte ich noch das im ersten Artikel erwähnte Gespräch mit einem Amerikaner, den das deutsche bzw. europäische Stimmungsbild bezüglich der USA interessierte. Und dann schlief ich mich aus für den ersten echten Con-Tag.
Programmauswahl
Das Programmheft der NecronomiCon (das man auch online einsehen kann) ist sehr dick. Es fanden permanent mindestens 5 Haupt- und 3 Neben-Events statt. Zusätzlich konnte man sich fast immer einer RPG-Runde anschließen oder einer Lesung/Aufführung beiwohnen.
Die inhaltlichen Sessions waren – jedenfalls die, die ich besuchte – fast alle als Panels gestaltet, nur wenige als Vorträge. Ich beschränkte mich weitgehend auf den Besuch solcher Panels und erkundete ansonsten das relativ weitläufige Con-Areal in den beiden austragenden Hotels (das „Biltmore“, das heute Graduate heißt, und das „Omni“).
Beide Hotels bringen einen gewissen alten Glanz mit, der perfekt zur NecronomiCon passt, und im Biltmore ist sogar der Aufzug ein kleines Stück Weird Americana. Nicht nur wegen des stark abgenutzten Messing-Bedienfelds und der über Jahrzehnte ausgetauschten Knöpfe, sondern schon wegen seiner Etagenlogik: L(obby) statt 1, dazu ein M(ezzanine), dann die normalen Stockwerke – aber keine 13. Nimmt man dazu, dass es kein Treppenhaus gibt, hat man damit schon fast das Setting für eine Cthulhu-Runde …
Note bene: Wenn man mal dort ist, muss man unbedingt den Blick über die Stadt genießen, den man aus dem 17./18. Stock des Biltmore hat.
Vendor Hall, Kunst und andere Providence-Events
Als Silver Key-Teilnehmer darf man ein bisschen früher in den Handelstempel der NecronomiCon, um dort noch mehr Geld auszugeben. Davon habe ich auch Gebrauch gemacht – aber nicht exorbitant. Vertretene Händler sind neben Chaosium, Weird Providence, der HPLHS (wo ich mir eine der Event-Briefmarken abholte) auch viele freie Autoren, kleine Handwerker usw. Nicht alle mit direktem Mythosbezug. Eine schöne Begegnung: Joe Broers, von dem ich eine Tcho-Tcho-Schamanenstatuette besitze und mit dem ich vor Jahren mal einen kurzen Austausch hatte.
Zusätzlich fand am Rande von Downtown eine kleine, feine Kunstausstellung statt, wo u.a. einige Originale des Manga-Artist Gou Tanabe ausgestellt waren. Ich bin ja kein Manga-Leser und hätte mir selbst vermutlich keinen davon gekauft, aber eine Freundin und ein Freund haben mir dieses Jahr (unabhängig voneinander) Tanabe-Ausgaben geschenkt – und ich war nicht enttäuscht. (Einer der Bände enthält auch Kingsport-Geschichten, die ich in Vorbereitung auf Marblehead nochmal gelesen hatte.)
Und am Samstagabend hatte ich Gelegenheit, einen kurzen Blick auf das jährliche „WaterFire Providence“ zu werfen. Zu diesem Anlass werden dutzende Feuerschalen in den Flüssen und Bassins entzündet und erleuchten den Fluss. Diesmal war es nur ein „kleines“ Lighting, aber dennoch kamen viele hundert Menschen zusammen. Sah aus wie das Ritual zur Beschwörung eines Großen Alten … nur waren alle zu gut drauf.
Prayer Breakfast
Bevor wir zu den Panels kommen: Jede NecronomiCon featured als zentralen Programmpunkt ein Gebetsfrühstück an die Großen Alten im prächtigen Ballroom des Biltmore (17. Stockwerk). Das sind anderthalb Stunden Predigt, Choräle und Videobotschaften. Dazu gibt es American Breakfast mit French Toast, Syrup, Eggs, Bacon usw. Die Veranstaltung war sehr unterhaltsam, aber ähnlich wie bei der Eröffnung in der First Baptist schwankte auch hier der Ton sehr zwischen realer politischer Botschaft und spielerisch-satirischem „Gottesdienst“. Grundaussage: Wir haben als Menschheit ganze Arbeit geleistet, die Großen Alten können erwachen! Diese Kritik war mir etwas zu direkt.
Ich hatte ja vorhin erwähnt, dass es im Biltmore „offiziell“ keine Treppen gibt. Daher drängten sich danach 250 Menschen vor den vier Aufzügen, in die jeweils 8-10 Personen passen (und die gegen 10 freilich auch von anderen Hotelgästen genutzt werden). Und natürlich war allen klar, dass es alleine aus Brandschutzgründen irgendwo Treppen geben musste … auch wenn das Personal dies auf Nachfrage verneinte. Schließlich fand eine Gruppe von ca. 10 Wagemutigen (mich eingeschlossen) auch ein relativ normales Treppenhaus und wir arbeiteten uns 17 Stockwerke nach unten – um dann vor verschlossener Tür zu stehen: „Fire exit only – Alarm will sound“.
Also wieder einige Treppen nach oben – und im 3. Stock landeten wir wieder vor normalen Hotelzimmern und Suiten. Allerdings standen wir dann wieder vor Aufzügen, die natürlich weiterhin völlig überbelegt waren … Ein glücklicher Zufall beim Öffnen einer unbeschrifteten Tür brachte uns dann aber plötzlich in ein normales Treppenhaus und ein Stockwerk weiter unten wieder in die Lobby. Leider gab es dafür keine Erfahrungspunkte.
Die Panels
Ich glaube, es hat keinen großen Sinn, alle Panels nachzuerzählen. Daher nehme ich hier nur die Chronologie auf – wenn ihr Fragen zu einzelnen Veranstaltungen habt, immer her damit, noch ist meine Erinnerung frisch.
| Datum | Zeit | Panel | Kurzinhalt | Fazit |
|---|---|---|---|---|
| 14.08. | 11:00 | Religion in Call of Cthulhu (RPG) | Mythos-Theologie im Rollenspiel | Einige gute Gedanken zur Frage „Warum wirkt ein Kruzifix gegen den Mythos und sollte das so sein?“ – und wie man das am Spieltisch auflöst |
| 14.08. | 14:00 | Poe and Whitman | Poes Verlobung mit Sarah Helen Whitman, endete im Providence Athenaeum | Bezug zum Athenaeum-Besuch und eine fällige Würdigung der Dichterin |
| 14.08. | 15:30 | Willis Conover & HPL at Last | Conovers Biografie, Briefwechsel mit Lovecraft, Bezug zum Newport-Jazz-Plakat im Airbnb | Ein wenig unstrukturiert und schlecht besucht, daraus hätte sich mehr machen lassen |
| 14.08. | ~17:00 | Guest of Honor Panel | Gou Tanabe (kommt spät), Diskussion „What is weird fiction?“ | Die Fragen waren etwas zu generisch – aber das Panel vielleicht auch zu groß. |
| 15.08. | 9:30 | Science of the Dreamlands | Traumwelt-Kosmologie und Lovecrafts materialistische Philosophie | Super unterhaltsamer Science-Vortrag mit Dreamlands-Allegorien. |
| 15.08. | 11:00 | Burroughs | „Lovecraft und Burroughs — twins from alternate universes“, Drogen/Träume, Kontrolle/Unterdrückung | So stelle ich mir Literaturseminare bei Bowles oder auch Barlowe vor! Und der „Bad boy appeal“ trägt ja z.B. auch bei Poe und Whitman |
| 15.08. | 14:00 | White Rabbits and Purple Haze | Psychedelic Era, Burroughs/Beat/Okkultismus, Tangier-Klammer (Paul Bowles) | Eigentlich die Fortsetzung des vorherigen |
| 15.08. | 15:30 | The Call of Cthulhu at 100 (~200 Leute!) | Geschichte der Erzählung, Nachwirkung | etwas unstrukturiert, roter Faden fehlt |
| 15.08. | 17:00 | Dark Folk Music | Folk als Genre-Werkzeug für Horror, Referenz vs. Aneignung. Inkl. ein paar Musikstücken! | etwas wenig Mythos-Bezug. |
| 15.08. | 18:30 | Collectible Lovecraft | Sammler von Originalen, Erbregelungen, „wird das die Generation überleben?“ | nette Anekdoten, aber irgendwie unsympathisch – ein bisschen elitär. Keine Preise genannt -> da bringt einen Chatty weiter, wenn man nach Sammlungsgebieten fragt |
| 16.08. | 11:00 | Decoding Mythos (Armitage Symposium) | Sprache/Comics (Moore), KI-generierte Grimoires, Azathoth als KI, vierten Vortrag vergessen. | 3 Vorträge eher schwach, einer genial: Die Unterseekabel des modernen Internet liegen da, wo der leuchtende Trapezoeder ins Meer geworfen wurde. LLMs sind Schoggothen. |
| 16.08. | 15:30 | David Lynch and the Weird | 5 Lynch-Begeisterte diskutieren | . Jetzt habe ich Lust, wieder Lynch zu gucken |
Wie man sich vorstellen kann, war mein Kopf dann aber auch zu. Ich skippte die letzten Veranstaltungen zugunsten eines weiteren College-Hill-Spaziergangs und der Erkundung des Brown-Geländes.
KI
Ich war anfangs irritiert, dass KI keine große Rolle im Programm spielte – bin ich momentan eigentlich bei jeder Veranstaltung, die das nicht auch zumindest zum Nebenthema macht. Nur ein Panel hatte das Thema eingebaut, und das war eine hübsche Allegorie auf KI als Azathoth und als Schoggothe (eine mächtige Diener-Spezies, die sich irgendwann auflehnt). Ansonsten fand man vor allem Warnungen vor KI und Bekenntnisse, auf sie zu verzichten – etwa schon im Programmheft und in der Vendor Hall.

Vermutlich liegt dieser latente Bekenntniszwang „gegen KI“ an der großen Präsenz unabhängiger Künstler, die sich durch LLMs und Co. (zu Recht?) bedroht fühlen …? Ich weiß es nicht genau, aber es schien mir hier Potenzial verschenkt zu werden. (Die Deutsche Lovecraft Gesellschaft hat momentan aber offenbar auch sehr kontroverse Diskussionen um KI – und mir scheint, dass sich momentan eher eine ablehnende und maschinenstürmerische Fraktion durchsetzt. Ich frage mich, wie lange. Aber vielleicht kauft so etwas ja auch ein bisschen Zeit für die unumgängliche Adaption …?)
Das Fazit: Bin ich HPL nähergekommen?
Am Ende war ich vor allem voll, erschöpft, over-socialized und müde. Providence und die NecronomiCon waren schön, aber sehr anstrengend – gerade auch, so lange mit so vielen verschiedenen Menschen in einer Sprache zu reden, die halt doch nicht meine Muttersprache ist. (Und btw, auch wenn mir Leute das immer nicht glauben: Ich bin eher introvertiert.)
Mein Ziel, Lovecraft „näher“ zu kommen, wurde jedenfalls erfüllt – schon mit Marblehead (wenn auch nicht mit Salem), und erst recht mit Providence. Ich habe das Gefühl, die Topographie sowohl der Geschichten Lovecrafts, seiner Biographie als auch von Rollenspielszenarien jetzt wesentlich besser nachfühlen zu können: Wie sieht Arkham aus, wie bewegt man sich durch Kingsport, wo machte Lovecraft seine Nachtspaziergänge? Welchen Blick hat man auf das Teufelsriff vor Innsmouth, wie fühlt sich das Gilman Hotel an? Ich habe auch durchaus verstanden, wieso man Providence als Heimatort lieben und sich damit identifizieren kann; auch wenn mir der Ort definitiv zu klein wäre.
Zum Schluss: Fragen?
Das hier ist ein relativ strikt chronologischer Reisebericht geworden. Falls ich in den nächsten Wochen Zeit und Muße finde (vulgo: „Lust habe“), schreibe ich vielleicht vertieft zu ein paar Einzelthemen. Daher die Frage ans geschätzte Publikum: Was interessiert euch besonders?











Das klingt für mich nach sehr vielen verschiedenen Erlebnissen in sehr kurzer Zeit. Sehr spannend, und danke fürs Teilen!
Schön, dass sich einige deiner Wünsche erfüllt haben!
Aber insgesamt sind es sehr viele Infos und Eindrücke in sehr kurzer Zeit, da wirst du wahrscheinlich noch mit verdauen beschäftigt sein.