Authentizität, Kulissen und Simulakren (2026 travels, Part 2: Boston, NYC, Philadelphia, New Haven)

Dieser Artikel gehört zu meiner bzw. unserer USA-Reise 2026. Viel Bildmaterial habe ich meinem Instagram-Story-Highlight USA zugefügt. Ansonsten sind das hier vor allem die direkten Erinnerungen und Eindrücke meines Trips. Das Inhaltsverzeichnis liegt auf der Tag-Unterseite.

Btw: Er erscheint an Howard Philipps Lovecrafts 136. Geburtstag.

Zum Beitragsbild: Nein, das ist kein KI-Bildgenerierungsfehler, sondern eine Arbeit von Jasper Johns. Der hat oft Zeug mit US-Flaggen gemacht.

Ich habe den groben Ablauf ja schon im ersten Post skizziert, aber nochmal der Klarheit halber: Wir reisten Ende Juli über Amsterdam nach Boston (Logan International) ein, verbrachten dort 4 Nächte, fuhren per Amtrak weiter nach NYC (ebenfalls vier Nächte), Philadelphia (2 Nächte), New Haven (2 Nächte) und endeten schließlich in Providence. Freundin fuhr dann nach 2 Nächten heim, ich blieb insgesamt 7 Nächte. Dann ging es per Amtrak nach Boston und über Amsterdam auch für mich nach Hause.

Boston (4 Nächte)

Nach der im ersten Post geschilderten Einreise ging es im wunderschönsten New-England-Wetter ins Airbnb: regnerisch, kühl und düster. Unsere noch nicht ganz so schweren Koffer mussten ins vierte Stockwerk geschleppt werden – also nach deutscher Zählung ins dritte, zum Glück. Und die Abendversorgung erledigte der relativ nahe gelegene 7-Eleven, das Unterhaltungsprogramm die Fernsehwerbung.

Die nächsten Tage waren dann vor allem von Jetlag gezeichnet: Wir gingen früh ins Bett oder spät, schliefen unruhig und waren vor allem tagsüber öfter müde. (Ich neige aber offenbar auch dazu, überdreht zu werden – vor allem jetzt beim Jetlag nach der Rückreise.)

Aquarium und Lobster

Am ersten richtigen Tag in Boston erkundeten wir Downtown. Das ist ja ein bisschen anders als bei uns: Neben dem historischen Kern ragen sofort zahlreiche Wolkenkratzer in den Himmel; so, als hätte man den Nürnberger Frauentorgraben mit Business-Tower-Gebäuden vollgepflanzt. Und wir besuchten das New England Aquarium. Sehenswert, unterhaltsam, und vor allem architektonisch recht interessant. Ich hätte es mir vorher allerdings etwas größer vorgestellt. Unbedingt mitnehmen: die Riesenschildkröte im großen Wasserzylinder; so etwas habe ich noch nie gesehen.

Wenn man dann jede Menge sea animals gesehen hat, kann man auch welche essen: Danach gab es den berühmten New England Clam Chowder und dazu eine Lobster Roll. Ich hatte noch nie Hummer gegessen; und leider muss ich sagen, dass ich ihn mag. Das wird meinen künftigen Speiseplan also teurer machen – wobei man den hier bei uns ja quasi nicht bekommt, also eher das zukünftige Reisebudget vergrößern. Clam Chowder übrigens: beste Suppe.

Gardner-Museum

Nach einer relativ langwierigen U-Bahn-Anreise besuchten wir dann am kostenlosen Donnerstag das Isabella-Gardner-Haus. Das hätte super spannend werden können (und war es anfangs auch): Eine reiche Dame des frühen 20. Jahrhunderts, die einfach alles Mögliche sammelt und dafür sogar ein Haus kauft? Count me in, das ist eine echte Seelenverwandte. Leider war ich ab irgendeinem Zeitpunkt dann so groggy und müde, dass ich mich nicht mehr traute, an die hochgelegenen Balustraden zu treten – aus Angst, abzustürzen. Danke, Jetlag.

Spaziergänge

Am nächsten Tag stattete ich dem Boston PD-HQ einen Besuch ab. In einer CoC-Rollenspielrunde vor wenigen Jahren hatten wir mal Polizeikräfte der Stadt gespielt, und deren Bürogebäude wollte ich mal besichtigen. Danach ging es für einen Freund und großen Boston-Legal-Fan zu 500 Boylston Street, dem Gebäude der Außenaufnahmen von Boston Legal. Sehr cool – aber auch zum ersten Mal der Eindruck, dass a) Boston kleiner und weniger großstädtisch ist als in meiner Vorstellung und b) dass in den USA auch vieles „Kulisse“ ist. Denn Boston Legal ist ziemlich vollständig in L.A. gedreht. Das wird uns in NYC und anderswo noch öfter begegnen: Man kennt alles Mögliche aus dem Fernsehen, aber irgendwie ist dort „mehr dahinter“. Die Kulisse alleine erzählt eben noch keine Geschichte. (Abends waren wir dann noch neben dem Boston Legal-Gebäude bei Legal Seafoods, aber ich schweife ab.)

Ebenfalls ein Spaziergang: Wir machten eine „Free Walking Tour“, in der sehr viele Infos aus der Revolutionszeit, dem Bürgerkrieg und der restlichen Geschichte New Englands gedroppt wurden. Ich habe, offen gestanden, nicht allzu viel behalten. Interessant war die Zusammensetzung: 5 Personen, davon 3 aus Deutschland und zwei, die gerade in Zürich wohnen (einer davon Schweizer). Freundin sagte, dass solche Tours generell sehr beliebt sind bei Deutschsprachigen.

Salem (Arkham) …

Ebenfalls viel Kulisse erwartete uns in Salem. Denn dort fand eine Parade zum 400. Jahrestag der Stadt statt – alle lokalen Vereine, aber auch Broomstick-Witch-Choreographien plus mittelständische Unternehmen wie das lokale Bestattungshaus paradierten durch die Straße hinterm Fähranleger. (Die Fähre ist den Aufpreis gegenüber einer Zugfahrt von Boston aus übrigens wert!) Freundin fand das sehr authentisch für eine amerikanische Kleinstadt; ich war mir da unsicher: Ist das die Präsentation von etwas Realem oder von einer Vorstellung? Haben wir einen Einblick bekommen in eine vom Tourismus gezeichnete Stadt, die sich selbst zelebriert und Touris halt nur zufällig dabei sind – oder war das auch eine weitere Inszenierung für die Auswärtigen? Vermutlich beides ein bisschen.

Der Rest des Spektakels jedenfalls, und da waren wir uns einig, ist reine Kulisse: Salem ist die Kommerzialisierung der Tragödien der Hexenverfolgung; teils für ein esoterisch aufgeschlossenes Publikum (ich brauche nichts sagen – ich habe ein Tarot-Deck gekauft), teils als Vergnügungspark für jedermann. Das kann man mal gesehen haben, aber man muss nicht. Und ich bräuchte schon einen guten Grund, um wiederzukommen. Irgendwie fast alles ziemlich fake.

Eine Parallele zu Lovecrafts fiktiver Stadt Arkham kam mir ebenfalls nicht in den Sinn, zumal Arkham nicht von Touristen überlaufen ist. HPL schrieb damals:

My mental picture of Arkham is of a town something like Salem in atmosphere & style of houses, but more hilly … & with a college (which Salem hasn’t).

Ehrlich gesagt schien mir Providence (das wir ja erst später besuchten) dann viel mehr wie das Arkham der Geschichten:

  • deutlich hügelig
  • mit einem die Stadt teilenden Fluss (in Arkham fließt der Miskatonic Ost/West, in Providence fließen die verschiedenen Flüsse dann als „Providence River“ in die Narragansett Bay von Norden her)
  • mit einem College (Brown).

… und Marblehead (Kingsport)

Deutlich „echter“ fühlte sich der Küstenort Marblehead an, der Lovecraft als Vorlage für sein träumerisches Kingsport diente. Das ist vielleicht ironisch, denn der Ort lebt vor allem von seinem Jachthafen, wie mir schien. Ich hatte auf dem Flug nochmal „The Festival“ gelesen und konnte die Stimmung ein Stück weit nachfühlen, zumal wir auch das Haus des Erzählers an der Bushaltestelle fanden. (Nebenbei: Von Salem aus kommt man eigentlich nur per Auto sinnvoll nach Marblehead, daher nahmen wir ein Uber.)

Das Highlight war aber der Old Burial Hill, ein kleiner Friedhof, dessen Grabsteine Lovecraft in einem Brief mit „decaying teeth“ verglichen haben soll. (Ich finde die Stelle leider nicht.) Mit Blick auf Grabsteine, Meer am Horizont und die koloniale Architektur ist man ganz beim Besucher des „Festival“. Und mit Blick aufs Meer kann man sich (wenn man die Jachten ausblendet) auch den Blick auf Devil’s Reef vor Innsmouth vorstellen.

Mein Marblehead-Ausflug wäre trotzdem fast ein Reinfall gewesen, denn ich hatte den festen Vorsatz mitgebracht gehabt, mir ein Kleidungsstück mit entsprechendem Aufdruck zu kaufen – und zu gucken, ob das jemandem auf der Necronomicon auffallen würde. (Schon Kingsport sagt vermutlich nicht jedem Besucher etwas, und dass diese Stadt auf Marblehead beruht, dürften nur wenige wissen – ich war da auch eher durch Zufall drauf gestoßen.) Das schien mir das coolere Souvenir als a) irgendwelcher Strand-Tand oder b) ein allzu offensichtliches Cthulhu-Kleidungsstück.

Leider gibt es in Marblehead zwar schöne Kolonial- und Bürgerkriegs-Museen, aber weder dort noch sonstwo so richtigen Merch. Durch Zufall fand ich dann doch noch einen Laden: F.L. Woods, eigentlich eher Segler-Ausstattung. Und dort eine entsprechende Cap. Puh, Glück gehabt!

NYC (4 Nächte)

Nach einem letzten Abendessen in Boston – ich glaube, Roastbeef-Roll aus dem Trader Joe’s – ging es am nächsten Tag in die wohl bekannteste Großstadt der Welt: New York City.

Der erste Eindruck ab Penn Station auf dem ca. 15-minütigen Fußweg zum Hotel: Alter, ist das abgeranzt! Freundin hatte mich aber schon gewarnt, dass dieser Teil von Midtown etwas … besonders ist. (Ich erspare dem Publikum die Dinge, die ich auf dem kurzen Marsch gesehen habe – ich will sie auch nicht mehr aufwärmen.)

Das Gefühl, die 8th Avenue runterzulaufen und mitten in den aus zahllosen Filmen und Serien bekannten Hochhäusern zu stehen, war jedenfalls sehr eindrucksvoll. (Am Vorabend, bevor ich das schreibe, haben wir „Devil wears Prada 2“ gesehen, und ich finde, es ist schon was anderes, wenn man in Filmen Orte sieht, an denen man selber schon war.) Damit ich den Eindruck nicht dauernd wiederholen muss: Ich fand NYC eine konstante Überforderung – sensorisch, vor allem akustisch und olfaktorisch, aber auch kognitiv; dauernd erkannte ich etwas wieder oder war irgendwie erstaunt. Das legte sich auch am fünften Tag nicht vollständig. Das Gefühl war aber nicht unangenehm – ich habe eigentlich keine FoMo, und noch weniger in einer Stadt, wo jede Entscheidung auch die Entscheidung gegen 150 Alternativen ist.

Spaziergänge …

Die ersten Tage erkundeten wir alles per pedes. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, hier alles haarklein zu berichten; daher mache ich daraus nur eine Stichwortliste, auch, um mich selber später genauer zu erinnern:

  • Mehrere „echte“ Filmkulissen: Das Haus aus „Friends“ und das Apartment von Carrie Bradshaw, die Ghostbusters-Feuerwache (die tatsächlich als solche in Gebrauch ist). Und ein Gebäude, in dem Taylor Swift zeitweise lebte.
  • Die High Line: Eine erhöhte Plattformkonstruktion mit botanischem Garten. Ich weiß nicht, ob hier schon etwas gedreht wurde, aber falls nicht, wartet der Ort ganz offenkundig nur darauf. Das ist eine Kulisse, die noch keine ist.
  • Die Fährfahrt von Manhattan nach Brooklyn lohnt sich, die kostet auch nur ein Zehntel der Boston-Salem-Route, weil öffentlicher Nahverkehr. Wir hatten dann Tacos bei El Chato – ich fand Zunge texturell überzeugend, aber etwas zu mild.
  • Super-authentisch wird es dann bei Barcade, einer Bar und Arcade, wie der Name schon sagt – da kann man alte Flipper und Automatenspiele zocken und dabei trinken. Wir waren in Greenpoint (oder Williamsburg?), es scheint aber im ganzen land Filialen zu geben – offenbar ist das sehr beliebt. (Dollarnoten mitbringen, ein Token kostet 25 Cent!)
  • Central Park: Muss man natürlich gesehen haben, auch wenn insbesondere Bethesda Terrace fast schon ein Simulakrum ist – der Nachbau eines Tempelgarten-Stadtpalasts, den es nie gab.
  • Eine besondere Szene: Freundin kaufte einen Becher Mango mit Tajin von einer Straßenhändlerin – offenbar ohne Lizenz, denn über ihr kleines Walkie-Talkie kamen immer wieder Meldungen auf Spanisch rein, wo sich die Polizei gerade befinde. Eine halbe Stunde später rannte diese Frau dann zusammen mit einigen Begleitern, ihrem Wagen und einer Kühlbox an unserer Parkbank vorbei, offenbar eiligst flüchtend … Ich frage mich nun: Ist das ein neues Phänomen durch ICE-Verfolgungen, oder ist das eine schon lange bekannte Central-Park-Szene?

… und Attraktionen

  • Das Whitney-Museum – sehr abwechslungsreich. (Und ein gutes Beispiel für „gegen 150 andere Optionen entschieden“: Man hätte auch in Galerien, ins MoMa, ins Guggenheim gehen können, aber das hat so schon gepasst.)
  • Das Rockefeller-Center (von unten und oben). Hier fiel mir auf, dass ich Manhattan „von unten“ viel beeindruckender fand als von oben. Vielleicht, weil man den Blick von oben kennt, den Blick „mittendrin“ aber immer nur ausschnittsweise?
  • (One) World Trade Center und Ground Zero: Vielleicht das beeindruckendste der ganzen Reise. Das Mahnmal, das Wasser einfach in einen Abgrund abfließen lässt, dimensioniert wie einer der ehemaligen Türme, drückt unübersehbar die Tragweite dieses Ereignisses aus. Für die USA das vermutlich schwerwiegendste seit Pearl Harbor, für die Welt zumindest das prägendste seit dem Fall des Eisernen Vorhangs.
  • St. Paul’s Chapel: Bekannt dafür, trotz Nähe zum WTC quasi unbeschadet den 11. September überstanden zu haben. Und wie mir später auffiel, auch eine Lovecraft-Stätte – hier heiratete er im März 1924 Sonia Haft Greene.
  • The Morgan: Eine hübsche Bibliothek, inzwischen aber eher ein Museum. Die aktuellen Sonderausstellungen befassten sich mit Tarot (deshalb ging ich hin) und dem Fotografen Peter Hujar – der u.a. John Cage und Merce Cunningham porträtierte, denen wir in Philadelphia wieder begegnen werden. Außerdem sah ich hier einen Wiegendruck der Declaration of Independence, nahm also das Geschichtsspektakel vorweg, das uns dann ebenfalls in Philadelphia einholt.
  • Am letzten Abend in The Big Apple besuchten wir dann, das gehört dazu, auch noch ein sehr experimentelles Jazz-Konzert (die Jazz/Soundexperiment-Künstlerin Matana Roberts in „The Stone“), bevor es dann in Philly mit Avantgarde-Musik weiterging.

Essen: Burger, Omakase und Shukette

Drei Highlights:

  • Der Burger in der „Old Town Tavern“ bei der Ankunft – einfach ein sehr, sehr guter Burger. Leider war das pfundschwere „Soft“-Eis, das wir danach beim „Papa d’Amour“ des Hipster-Trend-Patissiers Dominique Ansel holten, sowohl Überforderung als auch Enttäuschung. Viel zu viel, viel zu wenig Kontraste und viel zu schwer. (Die andere Kreation Ansels, den „Cronut“, probierte ich dann zwei Tage später – und die überzeugte.)
  • Ein 90-Minuten-Omakase-Abend bei „Sekai“ – mein erster. Ich war begeistert von geflämmtem Barracuda und „Orange Clam“ (lebendig … und sie heißt auf japanisch wörtlich „idiot clam“) und ordentlichen Portionen Uni. Insgesamt ist das eine sehr coole Erfahrung, verschiedenste Fische direkt vor einem zubereitet zu bekommen. Meine Begleiterin war nicht ganz so angetan, hat aber auch mehr Vergleich.
  • Das trendige Shukette liefert sehr leckere Share-Portionen verschiedenster levantinischer Gerichte; da ist für jeden was dabei. (Im Nachhinein hätte ich doch die Jakobsmuscheln noch bestellen sollen, die sagten mir sowohl beim Omakase als auch später in Providence sehr zu.)

Falls euch nach diesen Ausführungen noch etwas besonders interessieren sollte, fragt gerne nach. Aber wie gesagt: Es war einfach zu viel, und es fällt mir schwer, etwas Besonderes rauszusuchen. Und daher wurde NYC nun zur „Listen-Stadt“.

Philadelphia (2 Nächte)

Wir nahmen in NYC noch ein kurzes Diner-Frühstück ein und machten uns dann wiederum auf den Weg zu Penn Station. In Philadelphia machten wir dann einen Fehler zum letzten Mal: Wir schleppten unsre Koffer durch den öffentlichen Nahverkehr mit. Nach mehreren kaputten Aufzügen, fehlenden Rolltreppen und labyrinthischen Trolley-Bahnhöfen entschieden wir, für solche Strecken fortan ein Uber zu teilen.

John Cage: „How to get started“ im Public Trust

Die erste Strecke, noch mit Gepäck, führte uns aber eh erstmal in den Südwesten der Stadt, zu einer Kultureinrichtung namens „Public Trust“.

Freundin hatte bei den Recherchen zu unseren Stationen einen John-Cage-Bezug gefunden, der mir irgendwie entgangen war. Diese öffentliche Galerie „betreibt“ nämlich seit vielen Jahren eine Art Installation in Erinnerung an einen Impromptu-Vortrag von Cage mit dem Titel „How to get started“ Also zum Mitschreiben: Cage hat einen Vortrag gehalten (nach bestimmten Regeln, aus dem Stegreif), woraus eine Art Sound-Collage entstand. „Public Trust“ hat diese einmalige Aufführung dann als Partitur oder Anweisung interpretiert und dasselbe Verfahren seitdem mit hunderten Teilnehmern durchlaufen, von reinen Fans bis zu mindestens landesbekannten Dichterinnen.

Diese Idee – eine Vorlage von Cage aufzugreifen und darauf ein eigenes Projekt aufzusetzen – kennen wir schon aus Halberstadt.
Da gab es zwar eine Partitur, aber die eigentliche Arbeit war ja, das auf einen viele hunderte Jahre dauernden Zeitraum auszuweiten und zu realisieren.

Leider kann man momentan wegen Umbauten keine eigene Einspielung machen, aber der Leiter des Projekts „How to get started“ hatte mir per Mail angeboten, uns in den Räumlichkeiten herumzuführen. Wir plauderten eine Weile und am Ende gaben er und seine Kollegin uns noch zahllose Tipps für die Stadt. Das war eine der lohnenswertesten und überraschendsten Begegnungen der ganzen Reise.

Museen: Mütter und Musen

Eine der Empfehlungen war das „Mütter Museum“, das vor allem für seine Sammlung an Schädeln und Präparaten bekannt ist – von Föten und Tumoren über Syphilis-Gehirnkaries (wäh!) bis hin zu einer Sammlung von kleinen und größeren Gegenständen, die aus dem Verdauungstrakt von Menschen entfernt worden waren. Offenbar birgt das aber auch ein gewisses Streitpotenzial, und zwar in verschiedene Richtungen. Einerseits ist die Darstellung von Körpern in den USA immer schwierig – Vaginalflora-Supplements im Walmart (s.u.) heißen verschämt „happy hoo-ha“, versprechen aber gleichzeitig „for women uninterested in […] sex. Here’s hope.“ Andererseits gab es zu den Zeiten, als diese Sammlung aufgebaut wurde, noch keine consent forms, und man darf sicherlich bezweifeln, dass alle ehemaligen Träger dieser präparierten Organe zugestimmt hätten; und das wirft offenbar museums- und medizinethische Fragen auf.

Das war ganz unterhaltsam und ein bisschen schaurig, lebte aber viel von der historischen Holzregal-Ästhetik. Es gab parallel eine Sonderausstellung zu Pharma-Marketing, die zwar in Ansätzen kritisch war, aber fast alles Relevante unterschlug. Oxycodon/Purdue kam nicht vor, Themen wie „Selbstoptimierung“ wurden nur angerissen. Insgesamt war das arg dünn. Eine Ausstellung über Legionellen war deutlich besser gemacht.

Und natürlich waren wir auch auf den berühmten „Rocky Stairs“ und im Museum of Art. Dort gibt es donnerstags Pay-what-you-want-Eintritt und an diesem Abend spielte ein Jazz-Trio im großen Treppenhaus – sehr cool.

Essen und Geschichte

Natürlich gab es ein Philly Cheese Steak, eine Soft Pretzel und einmal versorgten wir uns bei Aldi (der mich eher an ein Kaufland erinnerte). Und natürlich habe ich die Liberty Bell (von außen) angeguckt. Ich stand auch in George Washingtons Wohnhaus; dass die dortige Sklaverei-Aktion momentan auf politischen Druck hin abgestellt ist, hatte ich im vorherigen Post ja schon erwähnt.

Insgesamt war Philadelphia die klarste „Inszenierung von Geschichte“ auf diesem Trip, sieht man von den Boston-Tea-Partybooten (Grammatik Absicht) ab. Hier merkte man auch noch besonders viel von den 250-Jahre-USA-Feierlichkeiten. Im momentanen politischen Klima (und z.B. vor dem Hintergrund der Washington-House-Geschichte) hinterlässt das aber freilich einen etwas schalen Geschmack.

New Haven (2 Nächte)

Das City-Hopping ging weiter mit einer relativ langen Fahrt über NYC nach New Haven, also zurück in den Norden unsres Urlaubsstreifens Ostküste. Die Skylines von Manhattan und Brooklyn (und Hobo-ken) kannte ich nun schon deutlich besser – es macht mehr Spaß, eine Stadt vom Zug aus zu betrachten, die man ein bisschen kennt (ist aber dann weniger eindrucksvoll).

Der Fußweg zum Hotel war kurz und relativ easy (zwei Tage später nahmen wir ein Uber zum Bahnhof, aber da war das Gepäck auch schwerer). Und die Stadt ist einerseits einfach, andererseits schwer zu verstehen: Das Zentrum ist aufgebaut wie eine Telefontastatur, in 9 Quadraten. Das Quadrat in der Mitte ist ein Park. Das macht die Orientierung einerseits leicht, andererseits sieht halt alles gleich aus … Ganz auf Maps verzichten konnten wir jedenfalls nicht.

Festival und Walmart

In NH begrüßte uns (neben dem obligatorischen Clam Chowder) ein Puerto-Rico-Straßenfest. Sehr viele junge Männer und ein paar wenige junge Frauen ließen vor lauter Freude die Motoren ihrer Roller und Mopeds durch die Straßen kreischen und knallen. Kulinarisches Highlight: Dosenananassaft auf Eis als 10-Dollar-Virgin-Colada. Mir wurde auch jetzt erst klar, dass Puertoricaner amerikanische Staatsbürger sind und es insbesondere in New England sehr große communities gibt. Mea culpa, davon hatte ich noch nie gehört. (Ich vermute, die Anti-ICE-Shirts zeugten dann von Latino-Solidarität, denn soweit ich das verstehe können Puertoricanischstämmige als US citizens ja nicht einfach ausgewiesen werden.)

Im „lokalen“ Walmart – 25 Minuten Bus(!)fahrt vom Zentrum – verbrachten wir fast zwei Stunden auf der Suche nach Exotischem und Mitbringwürdigem. Und wir wurden fündig. (Damit löst sich auch auf, warum der Koffer nach NH schwerer wog als davor.)

Yale

Eigentlicher Grund für den Besuch: Freundins Begeisterung für „Gilmore Girls“. Uns war zwar vorher schon klar gewesen, dass die Yale-Szenen nicht dort gedreht wurden (sondern, wie bei Boston Legal auch, in L.A.) – aber wir hatten zumindest erwartet, dass Yale bzw. NH irgendwas mit dieser ja doch immer noch populären Serie machen würde: Merch im Yale-Store, Anspielungen in Cafes und Buchläden, ein paar Foto-Optionen. Aber nein – Fehlanzeige. Es schien fast so, als wollte die Stadt bzw. die Uni jeden Bezug zu Gilmore Girls vermeiden. O-Ton Freundin:

Die Gilmore Girls scheinen in New Haven in etwa so willkommen zu sein wie Handys in Luke’s Diner. Bei der Parade in Salem (Dog Mayor! Nathanial Hawthorne Lookalike! Witchy Dance Group!) war mehr Stars Hollow. Oy with the poodles already!

Die Yale Art Gallery – Eintritt frei! – ist einen Besuch sehr wert. Wir haben das allermeiste geskipped und uns nur der modernen und zeitgenössischen Kunst gewidmet – beeindruckende Sammlung, da steckt Geld dahinter. Und nun habe ich mal einen musealen Josef Albers gesehen.

Die ersten Städte

Bevor wir uns zum Hauptschauplatz dieser Reise, also nach Providence und zur Necronomicon, begeben, eine kurze Rückschau auf die ersten 2/3 des Urlaubs. In Boston habe ich mich sehr wohl gefühlt – eine angenehm unaufgeregte, sehr europäisch wirkende Stadt. NYC gefiel mir auch – ist aber halt auch sehr schwer mit irgendwas vergleichbar. Ich würde in beide Städte jedenfalls zurückkehren.

Philadelphia gefiel mir insgesamt irgendwie am wenigsten, und ich kann nicht mal sagen, warum – der Empfang war wahnsinnig nett, wir haben viel Cooles gesehen und Philly Cheesesteak würde ich wieder essen. Aber ich kam der Stadt nicht besonders nahe (was aber auch an meinem Sättigungsgrad an Eindrücken liegen könnte). Falls es einen guten Grund gibt, würde ich der Stadt eine zweite Chance geben, mich zu berühren; eigeninitiativ würde ich aber nicht nochmal hin. Und dass sie auf dem letzten Platz meines Rankings landete, liegt natürlich an der starken Konkurrenz.

New Haven fand ich schnuckelig, das erinnerte mich ein bisschen an Jena: hübsches, kleines Zentrum, kulturell ein bisschen was los, cool zum Studieren, aber auf Dauer zu klein. Als wir zum Walmart fuhren, dachte ich mehrmals an das Kaufland, hinter dem ich im Jenaer Norden damals wohnte … Dafür hatte ich hier das Gefühl, eine authentische Stadt direkt zu erfahren; keine Kulisse, sieht man von Yale und den Gilmore Girls ab (die, wie Boston Legal, in Kalifornien gedreht wurden).

PS: Auslassungen

Eigentlich hatte ich noch einen Erzählfaden geplant, der Tangier (2025) über New York mit der Necronomicon verbindet: In Tangier war ich ja auf der Suche nach Spuren der Beatniks, allerdings mit sehr beschränktem Erfolg. Wir standen halt vor dem el-Muniria.

In NYC hätte ich da sicherlich viel mehr Glück haben können, und auch ohne große Anstrengung stieß ich in einem Buchladen auf einen Gedichtband von Kerouac, stolperte über Peter Hujars Fotos von Burroughs, wir liefen im Washington Square Park herum usw.

Und auf der Necronomicon gab es dann ein Panel über das Weirde bei Burroughs … naja, aber das habe ich nicht mehr untergebracht.

3 Kommentare zu „Authentizität, Kulissen und Simulakren (2026 travels, Part 2: Boston, NYC, Philadelphia, New Haven)“

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