“Get out of whatever cage you find yourself in.” (John Cage)
Ich habe am Wochenende einen (für meine Verhältnisse) spontanen Trip in die Region(en) Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg gemacht. Freitag nach Magdeburg (mit kuzem erstem ‚a‘) angereist, am Samstag Halberstadt und Quedlinburg (mit langem ‚e‘) besucht, am Sonntag Magdeburg erkundet. Montag über Halle zurück. Damit führte mich die Kurzreise fast schon wieder in die aus dem Masterstudium bekannten Gefilde … Hier ein paar Kurznotizen.
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Quedlinburg
Von Magdeburg fährt man etwas über eine Stunde mit dem Regio, wobei man auch den zweiten Ort meines Samstagsprogramms – Halberstadt – durchquert. Der Bahnhof liegt angenehm nah am historischen Zentrum, in dem es (wie überall) einige wuchtige Kirchen und vor allem sehr viel Fachwerk gibt. Dem schnoddrigen Ton zum Trotz muss ich zugeben, dass dieses Städtchen wirklich unfassbar hübsch ist. Es lag jede Menge matschiger Schnee, aber das tat dem ästhetischen Empfinden keinen Abbruch. Quedlinburg sagte mir vorher nur durch das Brettspiel „Die Quacksalber von Q.“ etwas, aber jetzt ist es auf meiner mentalen Karte schmucker Städtchen fest verankert.

Leider war das Feininger-Museum wegen Umbau gerade geschlossen, und auch der Domschatz konnte nur in kleinsten Ausschnitten besichtigt werden (wofür ich 6 Euro Eintritt eher frech fand, aber es dient ja auch der teuren restauratorischen Arbeit, also sei’s drum).
Was man sich nicht entgehen lassen sollte: den Dom (zumindest das Außenareal) und das Käsekuchen-Haus. Nur welches? Offenbar gibt es da einen Kleinkrieg. Ich war jedenfalls im (medial wohl präsenteren) Vincent.
Halberstadt und John Cage
15 Minuten in Richtung Magdeburg zurück liegt dann Halberstadt. Hier gibt es nicht nur multipel insolvente Würstchen, die nun vom bayerischen Käfer-Feinkostkonglomerat gerettet werden. Nein, hier befindet sich auch der eigentliche Grund, mir diese Region als Kurztripziel auszusuchen: das John-Cage-Musikprojekt ORGAN²/ASLSP.

Cage hatte in den 80ern ein Stück mit der Tempoanweisung „as slow as possible“ für Klavier geschrieben, es später für Orgel arrangiert und ist dann 1992 gestorben. Knapp 10 Jahre später kamen einige Musikwissenschaftler und Cage-Enthusiasten auf die Idee, das Stück als Jahrhunderte überspannendes Konzert aufzuführen.
„ORGAN²/ASLSP“
Schon bei Städten wie Gera fiel mir immer wieder auf, dass ostdeutsche Städte oft sehr weitläufig und mit vielen freien Flächen durchsetzt sind. So auch hier. Aber in Halberstadt gibt es sogar eine Tram, die mich in die Nähe des Klosters St. Burchardi brachte, wo seit 2002 und noch bis ins Jahr 2640 die Orgel spielt. Ich verlief mich erst zwischen Kirchhof und Schuppen, wurde dann aber von einer freundlichen Ehrenamtlichen zum Dauerbrummton geführt. Eine sehr schlichte Kirche, die neben der Orgel und gegenüberliegend im Kirchenkreuz dem Windwerk vor allem 639 Plaketten an den Wänden zeigt – eine gestiftete Tafel pro Jahr der Aufführung. Irgendwo las ich, dass eine Plakette einst 1250 Euro kostete, also kommt hier schon ein Sümmchen zusammen …
Mit besagter Vereinshelferin unterhielt ich mich dann noch eine Weile – etwa darüber, dass ich noch eine Chance haben könnte, den Beginn des zweiten Teils im Jahr 2072 zu erleben, da wäre ich 85. Taktvollerweise sparten wir die Erkenntnis aus, dass ihre Lebenserwartung das wohl nicht mehr hergeben dürfte …

Letzte Dinge
So ein Experiment wirft natürlich viele Fragen auf, die fast alle an etwas Numinoses, Eschatologisches, Spirituelles, mindestens Spekulatives rühren. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Orgel in über 600 Jahren noch etwas spielt? Wer wird sich das anhören? Ist das Kunst? Hat die Kunst damit etwas Religiöses ersetzt? Wenn wir Gott denken, gefällt ihr das Stück dann (oder ist es ihr zu schnell)? Und ist irgendwas davon wichtig?
Wer stiftet hier Plaketten und spendet – und aus welchem Grund: der Kunst wegen? Für Status und Sozialprestige, wie bei den Domschätzen (s.u.)? Weil man den Gag gut findet? Fragen über Fragen.
Links zum Projekt und zu John Cage
- Das Projekt hat eine Website, wo der aktuelle und die vergangenen Klänge nachgehört werden können.
- Eine Einspielung der Klavierfassung findet sich hier
- Ein Video, das Cages Kompositionsprozess exemplifiziert (anhand einer Passage aus „Finnegan’s Wake“)
- Eine sehr gute Doku über Cage in den 80er Jahren – hier wird Cage nicht nur als Künstler, sondern auch als „anarchistischer Zen-Mystiker“ und sehr sympathischer, glücklicher Mensch vorgestellt; aber auch als unerschütterlicher Techno-Optimist, der durch seinen Tod 1992 von den nachfolgenden technologischen Entwicklungen nichts mehr mitbekam. Was er wohl zu AI generated music gesagt hätte, die Plattformen wie Spotify fluten?
- Aufsatz über den Gegensatz von „Intention“ und „Nicht-Intention“ bei Cage
- Interview mit seinem Lebens- und künstlerischen Partner Merce Cunningham
Viel mehr habe ich in Halberstadt auch nicht gemacht. Leider schließt so gut wie alles im Winterhalbjahr um 16 Uhr, sodass ich nach Quedlinburg und über einer Stunde Orgelprojekt keine Zeit mehr für den Domschatz hatte.
Magdeburg
Auch in Magdeburg sind überall wuchtige Kirchen und offene Plätze zu finden. So richtig hübsch fand ich die Stadt nicht, wobei das auch daran gelegen haben mag, dass hinter jeder Ecke noch kitschige Weihnachtsdeko das Stadtbild bereicherte. Außerdem lag mein Besuchswochenende nicht gerade in der Saison – entsprechend leer war es allüberall.
„Sehenswertes“
Hundertwasser ist nicht so mein Fall; trotzdem ist die „Grüne Zitadelle“ schon beeindruckend und einen kurzen Besuch wert. Anscheinend kann man da auch Führungen buchen, aber irgendwie glaube ich nicht, dass kostenpflichtige WCs im Sinne des Künstlers gewesen wären:

Das kultur- und naturhistorische Museum ist eher etwas für Kinder. Alles ist relativ neu, aber irgendwie nicht „modern“ und nicht sonderlich didaktisch aufbereitet. Es ist nicht sehr groß, aber ich habe mich ein paar Mal verlaufen, aka den Anschluss an den linearen Fluss der Chronologie verloren. Die Zerstörung der Stadt 1631 wird nur auf ein paar Tafeln thematisiert, und bei vielem (Mystikerin Mechthild?) hätte ich mir mehr Infos statt nur einer Erwähnung gewünscht. Highlight (im naturhistorischen Teil des Museums):

Kunstmuseum „Unser lieben Frauen“
Überraschend spannend war das lokale Kunstmuseum. Keine ganz großen Namen, aber Einzelnes von Nan Goldin, Brian Eno, Hito Steyerl, zwei Arbeiten von David Lynch. Man braucht ca. 1,5-2h mit allem. Was mich verblüffte: Es gab im gesamten Museum nichts Unzüchtiges, Erotisches oder gar Sexuelles. Sogar die wenigen skulpturalen Akte waren eher andeutend – offenbar hat der Protestantismus hier weidlich durchgeschlagen.
Entdeckung: Horst Bartnig, konkrete Kunst aus Ost-Berlin!

Highlight hier: Ein 9 Meter hohes rosa-weißes Aufblas-Nashorn im alten Kirchenbau. Love it. Dafür sind Kirchen da!


Abschluss in Halle
Am Abreisetag (danke, freier Montag!) fuhr ich dann schon morgens nach Halle, um dem Museum Moritzburg noch einen Besuch abzustatten. Eigentlich war ich ja sattgesehen … aber das ist wirklich ein imposantes Museum. Hier gab es dann noch Namen: Feininger, Klee, El Lisitzky, Franz Marc, Emil Nolde, Otto Dix und auch was von Gustav Klimt. (Letzterer ist auch nicht so mein Fall.) Und im historischeren Teil Feuerbach, Lenbach usw. Entdeckung: Der Grafiker und Maler Wilhelm Heise.

Übrigens scheint mir Sachsen-Anhalt ein misstrauisches Örtchen: Zwei Mal wurde ich von Museumsmitarbeiterinnen etwas panisch gefragt, wo denn mein Aufkleber sei (ein gelber Tupfen, der die Eintrittskarte ergänzend auf der Kleidung zu tragen ist). Eine Körperdrehung gab meinerseits gab die Sicht auf das Schildchen dann frei und alles war gut. Aber auch in den Öffis wird man hier misstrauisch kontrolliert – Von Busfahreren, aber auch Bahnschaffnerinnen, die auch tatsächlich den Ausweis zum Deutschlandticket sehen wollen. Das kenne ich aus der Region Nürnberg nicht – ich wurde dort in 6 Jahren genau ein Mal kontrolliert, obwohl ich fast jeden Tag mit etwas fahre.
PS: Domschätze „an sich“
Vermutlich könnte man sagen: Domschätze sind Tourismusmagnete, und basta. Da wird edles Geschmeide ausgestellt und nebenan Kaffee und Kuchen verkauft, wie im Cafe Domschatz in Magdeburg. Dann schlappen Eltern mit ihren Kindern durch und erzählen, in der hübschen Truhe habe die Königin ihren Schmuck aufbewahrt.
In Wirklichkeit waren das natürlich Reliquiare, also Gebinde, in denen Hände von Aposteln, Wimpern Jesu oder die Vorhaut von Heiligen aufbewahrt wurden. Aber was bedeutet das? Zum ersten Mal auf Domschätze stieß ich vor vielen Jahren in Beiträgen in Burks‘ Blog – und mich interessierten die marxistischen Überlegungen zu Produktionsweisen mehr als der religiöse Tand.
Verdinglichte Macht, magische „Sozialtheorie“
Aber nachdem es mich nun wegen John Cage schon mal hierhin verschlug, dachte ich mir, ich lese das mal nach. Und lustigerweise handeln ja sogar ganze 5 Blogposts vom Quedlinburger Domschatz! Was lesen wir da?
Wir haben hier eine orale Gesellschaft vor uns mit der Sippe „als mentaler Realität“. „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.
In Reliquien und damit in Domschätzen liegt also eine jeweilige, rituelle „Sozialtheorie“. Die ist aus ihrer inneren Logik schwer zu kritisieren; man muss die Reliquien entweihen, wenn man sich gegen die feudale Ordnung auflehnen will. Die Schätze bieten Herrschaftslegitimation und magische Wirkung in einem (Burks formuliert das so: „Dass der Krug von der biblischen Hochzeit zu Kana stammen soll, macht ihn im feudalen Sinn wieder zu einer Reliquie mit magischer Macht“). Wer die Reliquie hat, hat die Macht; es ist wie der Stab des Zauberers oder der Blick der Hexe, vor dem alle Respekt oder Angst haben und deshalb folgen, ohne, dass es einer demonstration der Wirksamkeit bedarf.
Domschätze als Nuklei neuer Wirtschafts- und Machtzentren?
Diese Legitimation ist keine historische, wie man sie heute vielleicht anwenden würde („wir haben schon immer hier gesiedelt, diese Höhlenmalerei beweist es, daher gehört das Land uns“). Für die historische Legitimation ist Präsentationsform und „narrative Stimmigkeit“ egal – das auf der Höhlenmalerei Dargestellte muss nicht „stimmen“, es muss nur gemäß der Kohlenstoffdatierung authentisch sein, nicht „wahr“. Eine Reliquie dagegen musste „geglaubt“ werden.
Wie ich mir das nun weiter denke: Durch diese Funktion von Herrschaftsstütze und magischem Objekt konnte ein aus Reliquien gebauter Domschatz dann auch zum Nukleus von Wirtschafts- und Machzentren werden: Ein neues Kloster, ein neuer Dom als „Wirtschaftsunternehmen“ wurde durch Schenkung gestiftet und bestätigte dann damit vermutlich gleichzeitig die Macht der Stiftenden wie auch der Stiftung. Dadurch kam dann eine klösterliche Ökonomie in Gang: Pilger kamen zu den Reliquien und ließen Geld da, Bauern und Ackerbauen zahlten ihren Zehnt usw.
Die Stiftung eines geistlichen Bundes mittels Reliquien ist also ein bisschen wie die Förderung eines Startups bei „Die Höhle der Löwen“ – Finanz- und Prestige-Spritze in einem.
PPS: Das alles habe ich jetzt nur geschrieben, um mal etwas ausführlicher zu erklären, wieso ich mich für Religion und Magie interessiere: Das Zeug ist überall, for better or worse, und wenn man die Welt und ihre materielle Funktionsweise verstehen will, kommt man nicht drumrum. Auch nicht, wenn man so ein ungetaufter Atheist ist wie ich.
