Erfahrungsbericht „Crypto Kitties“

Nachdem ich ein paar spannende Artikel über NFT- und Play-to-earn-Games (v.a. diesen Artikel zu Axies Infinity, auf den ich ggf. nochmal in einem anderen Blogpost eingehen werde) gelesen habe, wollte ich mir diese NFT-Welt mal von innen ansehen. Dabei stieß ich auf das „Spiel“ Cryptokitties, das wohl 2017 sehr erfolgreich gewesen sein muss. Eigentlich handelt es sich um eine Zucht-Simulation wie „Niche„, das ich sehr witzig fand. Da mir die meisten Tutorials zu wenig über die FUnktionsweise sagen, beiße ich in den sauren Apfel und gucke mir das von innen an.

Die ersten beiden Kitties sind schnell gekauft, dank MetaMask-Browserplugin sogar ohne „richtige“ Registrierung und dank etwas über einem Ether auf Kraken ohne mühsamen Fiat-Wechsel.

Die Kitties kosten jeweils 20$ (für je Generation 1, Cooldown 1 Minute). Die beiden zu paaren kostet nochmals knapp 20$: Immerhin muss für jede Transaktion etwas auf die (Ethereum-) Blockchain geschrieben werden, um ein „Non Fungible Token“ zu erhalten, also etwas, was wirklich mir gehört (anstatt nur scheinbar mir zu gehören, wie ein superseltenes Schwert in Diablo II). Zur Einschränkung des „mir gehörens“ siehe Lektion 5.

Lektion 1: Eigentum verpflichtet und kostet Geld

Aus der Paarung entsteht ein Ei (die Logik sei hintangestellt), das aufplatzt und ein neues Kitten freigibt, das sehr dem Vater ähnelt. Genetisch interessant: Man kann jedes Kittie sowohl als empfangenden wie auch als spendenden Partner für die Paarung bestimmen, bevor man den „Give them some privacy“-Button drückt. Geschwister und Vorfahren in direkter Linie kommen für die Paarung nicht in Frage.

Ein weiterer Effekt des „Breeding“: Beide Kitties, die an der Paarung ihren Spaß (?) hatten, werden permanent langsamer – ihr „cooldown“, also die Zeit bis zur nächsten Paarung, verlängert sich um eine Stufe. Was am Anfang eine Minute war, sind nun zwei Minuten; echte Zuchttiere mit zahllosen Paarungen kommen irgendwann auf einen Cooldown von einer Woche. (Alle Zeitangaben sind Realzeit, keine irgendwie abgefederte Spielzeit.)

Ich initiiere eine zweite Paarung der beiden Eltern, die wiederum einen Betrag von knapp 20$ in Ether kostet. Inzwischen habe ich 85$ ausgegeben, um die Faszination von NFT-Games zu verstehen; aber ich habe auch mal ein Jahr für 1100 Euro brutto in München gearbeitet, um die Verlagsbranche kennenzulernen, das war ein größeres Verlustgeschäft.

Die Paarung resultiert in Sir Mightytitch, der lustige grüne Hörner trägt. Laut der Genetik-Prophetie-Seite kittycalc.co ein selteneres Merkmal, diese Katze könnte also einen guten Return on Invest liefern.

Lektion 2: Auch verkaufen kostet Geld

Also überlegen wir doch mal, das Kätzchen, das uns einen Teil der initialen 40$ plus 20$ für seine „Produktion“ gekostet hat, zu verkaufen. Dabei stellen wir fest: Die Auktion einzustellen, kostet ebenfalls eine Gebühr, nämlich die „Transaction Fee“, die im Ethereum-Universum „Gas“ heißt. Und zum Zeitpunkt meines ersten Versuchs, Kittie zur „Adoption“ freizugeben, handelt es sich um – Trommelwirbel – 20$. D.h., Das Kätzchen hat mich mindesten 30$ gekostet (v.a., wenn man die „Abnutzung“ der Eltern einberechnet, deren Cooldown ja steigt!), der Verkauf kostet mich 20$, also müsste ich mindestens 50$ verlangen; ein Preis, der keineswegs realistisch zu erreichen ist. Eher sind wir im 20-30$-Spektrum, würde ich laienhaft annehmen. An diesem Punkt frage ich mich, wieso es überhaupt Kätzchen für unter 20$ gibt …

Auf reddit findet man schon Beschwerden über die hohen Gaspreise. Lerne:

Lektion 3: Dein Gewinn hängt von vielen Faktoren ab, die du nicht kontrollieren kannst

… denn einige Tage später ist der Gaspreis bei managbaren 12$ für einen Verkauf angekommen. Daher entschließe ich mich, „Taters Lackagirl„, einen dritten Abkömmling unseres produktiven Elternpaares, zum Verkauf zu stellen. Seine/ihre Beschreibung ist chinesisch:

上哪去啊?. 我是 Taters Lackagirl!我平日是一名 喵产科医师 ,假日喜欢偷偷练习观看真人秀节目 。 本喵对 三文鱼刺身真的毫无抵抗能力。 这绝对是一段真挚喵友之情!

Übersetzt:

Where are you going? . I am Taters Lackagirl! I am an obstetrician at meow on weekdays, and I like to secretly practice watching reality shows during holidays. Benmiao really has no resistance to salmon sashimi. This is definitely a sincere friendship!

Kryptisch. Ich recherchiere im Marktplatz vergleichbare Kitties mit Gen 2, Cooldown Swift und Daemonhorns und Mainecoon-Attributen und fühle mich schon viiiiiiiieeeeeeel zu tief in diesem „Spiel“. Leider gibt es nicht viel Auswahl und ich entscheide mich für eine fallende Auktion, die bei 0,1 ETH (zu diesem Zeitpunkt: etwa 190 EUR) startet und auf 0,05 ETH sinkt; auf diesem Tiefstpreis bleibt Taters dann für immer stehen, außer, ich beende die Auktion (was bestimmt wieder Gas kosten wird).

Falls die Auktion in der nächsten Zeit durchgeht, hätte ich damit dann fast meine Investition wieder drin – allerdings glaube ich kaum, dass jemand das süße Kätzchen adoptieren möchte. Ganz klar ist mir noch nicht, wie aktiv dieses „Spiel“ eigentlich ist und wie genau sich die Nachfrage ergibt; an reiner „Seltenheit“ kann es ja nicht liegen (jedes Kätzchen ist einzigartig), also muss es an einer Kombination beliebter Merkmale, Reproduktionsfähigkeit und sonstigen Besonderheiten liegen (etwa an der Generation 0, die sich naturgemäß nicht züchten lässt).

Damit habe ich vorerst alle Mechanismen von Cryptokitties ausprobiert. Lerne:

Lektion 4: Spiel um Geld zieht!

„Cryptokitties“ hat eine unbestreitbare Sogwirkung, auch wenn ich das Gefühl habe, es ist längst nicht mehr so ein Hype wie anscheinend 2017. Diese Wirkung des „Spiels“ liegt aus meiner Sicht a) am Krypto-Blockchain-Appeal und b) an der Tatsache, dass man sich als Unternehmer, Züchter, Investor fühlt. Man hat einen echten Einsatz im Spiel; man hat das Gefühl, Erfolg und Misserfolg (v.a. durch Zuchtentscheidungen) selber in der Hand zu haben; und man kann sich im Zweifel auch einfach einreden, die Kitties süß zu finden.

Bonuslektion 5: Gehören diese Kätzchen wirklich mir?

Eine Frage, die ich mir nach ca. 100$ Startgeld und ein paar Stunden stelle: Gehören diese „Kätzchen“ wirklich mir? Das ist ja ein Versprechen dezentraler Ansätze: Das Equipment ist nicht Eigentum von Blizzard, sondern meins.

Allerdings kommen mir einige Zweifel … darf ich meine Kätzchen kommerziell nutzen, ohne irgendwem etwas zu bezahlen? Und: Kann ich so ein Kätzchen – so grausam der Gedanke auch sein mag – zerstören? Das wären für mich zwei Kriterien, um wirklich von „meinem Eigentum“ zu sprechen. Die terms of use der App sagen allerdings:

You acknowledge and agree that Dapper (or, as applicable, our licensors) owns all legal right, title and interest in and to all other elements of the App, and all intellectual property rights therein (including, without limitation, all Art, designs, systems, methods, information, computer code, software, services, “look and feel”, organization, compilation of the content, code, data, and all other elements of the App (collectively, the “Dapper Materials”)). You acknowledge that the Dapper Materials are protected by copyright, trade dress, patent, and trademark laws, international conventions, other relevant intellectual property and proprietary rights, and applicable laws.

Das heißt also, dass die App definitiv nicht mir gehört (klar), und dass daher z.B. der Zugang zu meinen Kitties jederzeit prinzipiell wegbrechen kann – mir gehört ja nur ein String auf einer Blockchain, wenn ich das richtig verstehe.

Zum Thema kommerzielle Nutzung des Artworks heißt es:

Subject to your continued compliance with these Terms, Dapper grants you a limited, worldwide, non-exclusive, non-transferable license to use, copy, and display the Art for your Purchased Kitty for the purpose of commercializing your own merchandise that includes, contains, or consists of the Art for your Purchased Kitty (“Commercial Use”), provided that such Commercial Use does not result in you earning more than One Hundred Thousand Dollars ($100,000) in gross revenue each year.

Immerhin habe ich damit eine recht großzügige Lizenz genommen, aber mehr auch nicht. Andererseits darf ich ein von mir erworbenes Kunstwerk (sagen wir: das neue Bild „Multivariable Elemente“ von Rainer Kallhardt, das seit Kurzem mein neues Zimmer in der neuen Wohnung schmückt) ja auch nicht frei kommerziell auswerten, obwohl es „mein Eigentum“ ist. Spätestens jetzt bin ich in verwertungsrechtlichen Fragen verloren.

Die zweite Frage ist einfacher zu klären: Die Kätzchen sind unzerstörbar. Punkt.

Fazit

Was schließe ich jetzt daraus? Insgesamt ist das eine ganz nette, aber teure Zeitstrukturierung; allerdings nicht im Ansatz so teuer wie „Axie Infinity“, wo es unter 1000$ Startinvestition quasi nicht mehr möglich ist, einzusteigen. Vielleicht gucke ich mir das trotzdem mal von innen an, siehe Sogwirkung oben.

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