Warum ich zögere, mir Axie Infinity von innen anzusehen

NFT Games üben einen ungesunden Reiz auf mich aus. Ich habe schon ca. 100$ in ETH in Cryptokitties versenkt (siehe hier) und gucke mit bassem Erstaunen auf Stonercats, NFT-Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern (z.B. auch aus Berlin) und vor allem Axie Infinity. Letzte Woche stieß ich auf diesen Artikel auf Coindesk, der mich vor allem wegen der Implikationen für Begriffe wie „Arbeit“, „Wert(schöpfung)“, „Job“, „Geld“ interessierte.

Der Artikel liefert einen ganz guten ersten Überblick über das Spiel. (Tiefergehende Infos sind ohenhin eher schwer zu finden, siehe unten.) Zu „Non fungible Tokens“ allgemein kann man sich den englischsprachigen Wikipedia-Artikel oder diese Einführung für den Kunstbereich im Monopol-Magazin durchlesen. Prinzipiell: Während zwei Bitcoin identisch sind, sind zwei NFTs nicht identisch, sondern einzigartig. Das ist fundamental schon alles; Axie Infinity (und Cryptokitties und diverse andere Anwendungen) ist ein NFT-basiertes Spiel (und ein Sammlermarkt). Klingt spannend, oder?

Kryptoanarchische Token-Züchtung

Zudem spricht mich seit Bitcoin das kryptoanarchische Moment dieser ganzen Bewegung an, nämlich dass man damit dezentral Probleme löst, für die man sonst ein System der Herrschaft braucht. Dazu sagen die Entwickler:

> the difference [to other games] is that the markets for in-game resources are open and controlled by players. Games with real, player-owned economies will become our digital homes; places where a new generation can head to for opportunities. Axie is our monument to this mission.

What’s not to like? Und überdies resoniert die Idee des Züchtens in jeder Form mit mir: Von Pflanzen auf dem Balkon über Dividendenaktien, die Eigentum belohnen, bis hin zu Spielen wie Niche. Ich mag es, wenn sich Dinge entwickeln, gerne auch mit geringem Einsatz meinerseits, und das scheint ja ein weitverbreitetes Phänomen zu sein. Das müsste ich mal resonanztheoretisch analysiere; ich denke, das starke Moment der Unverfügbarkeit (vereinfachend gesagt: Zucht-Zufall, Spekulationsrisiken) macht hier einiges aus.

Start-Kosten von 1500$+?

Der große Knackpunkt: Um überhaupt jemals in das Spiel hineinspielen zu können, muss man sich 3 der Tierchen kaufen. Anders als Cryptokitties muss man dafür aber nicht 2-20$ bezahlen; die billigsten „Axies“ sind zum Zeitpunkt dieser Gedanken für etwa 300$ zu haben, und sie taugen nichts. Um nicht langfristig wertlose Gurken zu kaufen, das habe ich bereits verstanden, sollte man sich wohl eher Tierchen um 500 oder besser noch 1200$ kaufen. (Oder gleich in die wie immer verrückt überteuerten „Mythic Rare“-Varianten für zehn- bis hunderttausende Dollar investieren.)

Axie Infinity wird damit instant zum Paradebeispiel eines Pay-to-Play-Spiels, was nicht schlimm wäre, wenn der Einsatz nicht so hoch wäre oder – wie überall behauptet – hier eine echte Investition vorläge. Ich zweifle daran.

Andererseits, sagt das kleine investitionsfreudige Teufelchen: Ein Golfset, das man zum Spielen braucht, kostet auch viel Geld; und ein aktuelles kompetitives Magic-Deck dürfte auch im vierstelligen Bereich liegen. Interessant dabei ist natürlich, dass Magic ein Spiel für eine wohlhabende MIttelklasse ist, Axie aber bislang vor allem in Ländern populär ist, deren Lebensstandard aber deutlich unter unserer Unterklasse liegt.

Daher bilden sich gerade überall auf der Welt „Scholarships“ aus, bei denen die Lehrmeister (nennen wir sie „Kapitaleigner“) ihre Tierchen (nennen wir sie „Produktionsmittel“) an Schüler (nennen wir sie „Arbeiter“) überlassen und mit diesen die Einnahmen teilen (nennen wir das „Lohn“ und „Profit“). Von der Utopie einer „player owned economy“ bleibt dann nicht mehr so viel übrig; für die einfache Spielerin ist das dann nicht so viel anders, als hätte sie zusätzlich zum WoW-Account noch eine Blizzard-Aktie. Irgendwie.

Investitionen? Spekulationen? Blase?

Trotzdem habe ich große Lust, das ganze Prinzip von innen zu verstehen – um überhaupt beurteilen zu können, ob das Spiel etwas taugt und wie sich das „Eigentum“ an einem einmaligen Monsterchen anfühlt. Also versuchte ich in den vergangenen Tagen zu recherchieren, was ich für das Spiel brauche – und stieß vor allem auf Hurra-Content auf der einen und bleiernes Schweigen auf der anderen Seite.

Sich gegenseitig „value“ attestierende „Content-Creator“

Den meisten „Content“ zu Axie findet man bei Youtube, sofern man sich nicht durch völlig zugespammte Discord-Channels und Subreddits wühlen will. Die Devise der Produzenten dieser Videos scheint zu sein, dass man genug erzählt, um „Value“, also einen Mehrwert (nicht marxistisch gemeint) zu bieten, und gerade so wenig, dass man keine Konkurrenz hochzüchtet und zum Klicken des nächsten Videos im Channel animiert. Man empfiehlt sich gegenseitig in dieser Blase und hilft sich sogar – vermutlich gegen Provisionen? – beim Aufbau von Content und Fanbase. Mein Adblocker verrät, dass die Kanäle natürlich alle werbefinanziert sind. Denn:

Lektion: Vor allem die Ausstatter profitieren, wie beim Goldrausch (und von den Verlierern hört man nix mehr)

Eine wesentliche Komponente rund um Axie Infinity sind Kommunikationskanäle, in denen es im Wesentlichen weniger um das Spiel geht, sondern um Fragen der monetären Maximierung. Youtuber erklären die schnellste Farming-Möglichkeit, um an „Smooth Love Potions“ zu kommen, die beste Breeding-Strategie oder gar, wie man mit Content rund um Axie Infinity Follower gewinnt (und diese dann im besten Falle monetarisiert). Sowohl Infrastrukturbetreiber (Wechselstuben für beteiligte Kryptowährungen wie Ether, AXS oder SLP; Team-Betreiber („Scholarship“-Anbieter); aber auch das Game-Studio hinter Axie Infinity, Sky Mavis) als auch „Coaches“ für maximalen Spielerfolg verdienen viel Geld – oder hoffen zumindest darauf.

Die eigentlichen Spieler, die – teilweise sogar als Teilnehmer eines Scholaship-Programms vom eigentlichen Kapital, den Axies, entfremdet – sich täglich durch das Spiel „grinden“, um „Smooth Love Potions“ zu erhalten (und den Profit mit den Kapitaleignern zu teilen), kommen höchstens auf einen Mindestlohn. Zumal der Wert von Axies, Love Potions und der Governance-Währung AXS dermaßen volatil ist, dass man niemandem wünscht, davon sein Essen bezahlen zu müssen …

Man fragt sich auch, ob nicht in den letzten 12 Jahren, seit dem Start von Bitcoin, tausende Investoren in die obskursten digitalen „Assets“ einfach verschwunden sind; wer von Erfolgen erzählt oder schwärmt könnte ja auch einfach zu den Überlebenden dieser Blasen gehören; und unser survivorship bias suggeriert uns, dass wir diesen Erfolgreichen durchaus zuhören (und ihre Ausstattung oder Dienstleistung kaufen) sollten.

Schneeballsystem?

Neues Geld kommt, wenn ich das richtig verstehe, vor allem dadurch ins Spiel (haha), dass neue Leute einsteigen. Klingt nach Schneeballsystem; wenn neue Spieler (und „Investoren“ oder besser Spekulanten!) ausbleiben, weil sie sich den Einstieg schlicht nicht mehr leisten können oder ein Scholarship nicht attraktiv finden, wird das System über kurz oder lang austrocknen. Dann werden auch die ganzen „Arbeiter“ ihre Liebestränke nicht mehr los.

Dem wird entgegnet, dass das Spiel seine maximale Spieler-Basis noch lange nicht erreicht habe, und (zurecht) wird oft Magic – The Gathering als Referenz genannt. Aber ich befürchte: Magic wäre nie abgehoben, wenn man für das erste Spiel 1500$ hätte bezahlen müssen … Bleiben die Preise so hoch wie aktuell, kann ich mir nicht vorstellen, dass das ganze System überlebt. Außer, das dahinterstehende Entwicklerstudio „Sky Mavis“ eröffnet neue, simple Wege ins Spiel. Ob diese dann aber so große Geldberge ins Spiel schaufeln wie aktuell, wage ich zu bezweifeln.

Digitales Lumpenproletariat?

Oder wird das Spiel doch so aussehen, dass man sich in einen Clan einkauft und dann mit fremdem Kapital für einen Lohn arbeitet? Kauft man sich statt eines Spiels einen Arbeitsplatz? Die momentane Popularität von „Scholarships“ deutet darauf hin, aber das gibt der Idee, dass alles den Spielern gehört, einen gewaltigen Oligopol-Kapitalismus-Anstrich. Damit wird Herrschaft vielleicht anders verteilt, aber ihre Probleme bleiben bestehen.

Die Dystopie: Das sieht dann so aus, dass reiche Kids (und irgendwann: Unternehmen) die NFTs (das Kapital) besitzen und Spieler (lies: Arbeiter) aus aller Herren und Damen Länder für sich schuften lassen. Gamifiziertes, virtuelles Proletariat, ick hör dir trapsen. Damit hätte ich jetzt prinzipiell kein moralisches Problem, aber da sich die Wertschöpfung auf In-Game-Assets beschränkt und ich wie erwähnt , bin ich bezüglich der Werthaltigkeit irgendwie skeptisch …

(Man merkt schon, wie schwer ich mich damit tue, für dieses neue Phänomen angemessene Theorieanwendungen zu finden, das macht das Thema ja so spannend. Und ich will immer noch mitspielen.)

Ungewissheit

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass es kaum geschriebenen Content zum Thema gibt. Youtube, siehe oben, dominiert; Austausch findet sporadisch auf reddit, inflationär auf Discord, und substanziell gar nicht statt. Während es kein Problem ist, für aktuelle Magic-Decks vollständige Listen und tiefe Analysen bis in die Frage der 15. Karte des Sideboards zu finden, braucht man schon 2 Tage zur Recherche der „guten“ Fähigkeiten eines Axies-Teams. Die meisten Videos geben nur grobe Anweisungen – etwa so, als würde man sagen „Das beste Magic-Deck aktuell spielt viele rote Karten!“ und es dabei belassen.

Axie Infinity Discord: Betteln um Scholarships ...
Axie Infinity Discord: Betteln um Scholarships …

Wenig hört man auch vom Studio hinter dem Spiel, Sky Mavis. Angekündigt ist, dass das Studio über die „Governance-Token“ AXS, die bislang dem Brüten von neuen Axies dient, Kontrolle an die Spielerschaft verteilen will. Damit wäre eine Markt- statt einer Herausgeberherrschaft gesichert.

N.B.: Die wenigen Infos sind aber natürlich auch ein Grund, warum ich mir das überhaupt von innen ansehen will. Ich drehe mich im Kreis.

Fazit: Und nu?

Vermutlich werde ich keine tausend oder mehr Dollar für ein Team ausgeben, um das auszuprobieren, und sicherlich werde ich keinem „Scholarship“-Programm beitreten, um das auszuprobieren, aber die bisherige Beschäftigung mit Axie Infinity war auch so schon sehr unterhaltsam und sehr lehrreich. Alleine, was es mit unserem Begriff von Arbeit macht, wenn Menschen ein „Spiel“ spielen und damit ihren Lebensunterhalt decken können, ein Spiel, bei dem kein Wert außer digitalen Tokens entsteht. Es sei aber dahingestellt, ob unser Bruttoinlandsprodukt inzwischen nicht durch noch weitaus weniger greifbare und unerfreulichere Dinge aufgebläht wird, siehe den Themenkomplex Bullshit Jobs.

Noch gar nicht gesprochen haben wir übrigens über Umweltkosten der zugrundeliegenden Währung Ether und der Ethereum-Blockchain …


PS: Dieser Artikel ist relativ schnell entstanden, ich passe mein Tempo dem der volatilen Kryptomärkte an … Eventuelle Inkonsistenzen in Aufbau und Rechtschreibung bitte ich daher zu verzeihen und eine mögliche Überstrapazierung marxistischer Theoriebegriffe ebenfalls.

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