„Ich will keinen Zug, ich will das fucking Hilton!“
(Fahrgast mit Fahrziel Freiburg, Hamburg Hbf, Gleis 13, Abschnitt E)
Update 12/2025: Nach 8 Monaten habe ich meine vollständige Erstattung erhalten. Alles dazu ganz unten im „Fahrgastrechte-Update“.
Ich war ja sehr lange Verfechter von Bahnreisen. 2013–15 zum Beispiel pendelte ich ohne größere oder häufigere Probleme wöchentlich zwischen Köln und München. Und 2022–24 war ich sehr viel in Zügen unterwegs, um mein Sabbatical-Masterstudium zu absolvieren. Auch ohne große Probleme. Ich bin sogar Mitglied im „VCD“ und Sympathisant von „Pro Bahn“, auch wenn mir beides ein bisschen zu sehr Altherrenverband ist … Außerdem: Letzte Woche zeigte mir die Reifenpanne am Auto eines Freundes mal wieder, dass auch das keine soooo zuverlässige Transportmöglichkeit ist.
Anyways: Seit einiger Zeit ist der Wurm drin (in den Schienen oder, wie meine Freundin Youtube meint, in den Weichen). Bisheriger Höhepunkt dieser Shit-Show: Ein Rückreiseversuch (!) von Hamburg nach Nürnberg am Ende eines Kurzurlaubs an Elbe und Alster.
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Ich will doch nur heim!

Gebucht hatten wir eine Sonntagabendverbindung, brav mit Sitzplatzreservierung. Klar, dass es nicht bei dieser Verbindung blieb: Bereits ein paar Wochen vor Urlaubsbeginn kam die Meldung, dass ein Anschluss nicht erreicht werden kann. Der Grund? Bauarbeiten, glaube ich, aber das ist ja auch egal, denn die „Begründungen“ wirken sowieso wie vom Zufallsgenerator erstellt. Oder vermutlich von einer KI, die darauf trainiert ist, alle Kommunikationen zu vermeiden, die die Bahn Geld kosten könnte … und dann wird aus einer Stellwerksstörung schnell ein Notarzteinsatz … aber ich schweife ab.
Der positive Nebeneffekt: Wenn schon klar ist, dass die Verbindung nicht zustande kommt, hat man schon mal ein Flexticket zum Supersparpreis: Denn ab 20 Minuten zu erwartender Verspätung wird die Zugbindung aufgehoben. Dazu ein Tipp:
Fahrgastrechte-Tipp: Wie Zugbindungsvermeidung maximieren?

Eine Bahnreise kann ganz angenehm sein, aber den „Flexpreis“ ist sie eigentlich nie wert. 100 Euro von Hamburg nach Nürnberg? No way. Sparpreise für 15-35 Euro dagegen sind ja schon attraktiv, haben aber den Nachteil der Zugbindung. Wie aber schon gesagt: Sobald was schiefgeht, wird die aufgehoben.
Wie kann man das maximieren? Meine Erfahrung zeigt: Am besten Hin- und Rückreise zusammen buchen, wenn das geht. Dann wird die Zugbindung der gesamten Reise aufgehoben, sobald ein Teil der Reise verspätet ist — nicht nur der verspätete Teil.
Leider hilft freie Zugwahl nicht, wenn keiner fährt
Soweit, so gut: Rückfahrt nicht mehr zuggebunden. Daher entschlossen wir uns, gleich den Zug eine Stunde später zu nehmen und dafür länger in den Deichtorhallen, im Phoxxi und im Dim-Sum-Haus zu verweilen (alles empfehlenswert, aber ich schweife wieder ab). Danach die Koffer aus dem Hotel geholt und mit viel Puffer ab zum Hamburger Hauptbahnhof.
Dort erwartete uns auf dem offenbar einzigen Fernverkehrsgleis mit Südausrichtung folgender Anblick:

Naja, man denkt sich dabei ja nichts. Man hat ja einen Sitzplatz (ja, den hatten wir auch für den zweiten Zug nachgebucht). Also runter aufs Gleis, warten. Und dann realisieren: Die Abfahrten verzögern sich immer weiter nach hinten …
Salamitaktik
Denn keineswegs sagt einem die Bahn sofort, dass der eigene Zug ausfällt. (Spoiler: Yeah, that’s gonna happen. And not only this one.) Nicht einmal eine realistische Verspätungsprognose gibt sie einem: Dann würde ja, nach obiger Logik, auch zu schnell die Zugbindung aufgehoben oder ein Erstattungsanspruch entstehen. Also standen wir 16:45 (bei geplanter Abfahrt 17:01) am Gleis, und um 17:10 auch noch mit einer dann zu erwartenden Abfahrt um 17:15, während sich die Züge, die aus dem einzigen Süd-Fernverkehrsgleis in Hamburg hätten fahren sollen, inzwischen hätten stapeln müssen. (Rhetorische Nebenbemerkung: Wieso hat eine Riesenstadt wie Hamburg 14 Gleise, die Kleingroßstadt Nürnberg aber 22?)
Irgendwann gegen 18 Uhr verließen wir das Gleis wieder und guckten, ob man zur Bahn-Information durchdringen könnte – das aber war chancenlos, weil ca. 300 andere Reisende dieselbe Idee hatten. Ein Bahnmitarbeiter mitten im Gang wurde uns dann schnell wieder los, indem er auf seinem (vermutlich privaten) Handy dasselbe tat, was wir seit Stunden taten: Er guckte in die App und ging dann um ca. 18:20 Uhr erstaunlich optimistisch davon aus, dass der Zug um 19:01 fahren würde. Wir hatten diesen Glauben nicht mehr. Naja, was will man machen? Also gab es ein Franzbrötchen.
Und dann?
Wir springen eine Stunde nach vorne bzw. hinten:

Um 19:14 sieht es also so aus, dass die ganzen Züge über die Region Hannover (wo es wahlweise eine Stellwerkstörung, Personen im Gleis, einen Notarzteinsatz oder sonstwas gegeben hatte) alle in wenigen Minuten auf Gleis 14 abfahren. Einer nach dem anderen wurde dann abgesagt. Wir waren inzwischen nur noch daran interessiert, nach 2,5h von diesem Bahnhof wegzukommen, ähnlich wie andere Reisende mit Fahrtzielen wie Freiburg, Karlsruhe oder München. Also fassten wir uns ein Herz und begaben uns erneut zur (inzwischen überraschenderweise nicht mehr überfüllten!) Bahn-Info.
Vom Super-Sparpreis zur Hotelübernachtung in nur 15 Stunden
Dort erwartete uns zunächst mal ein konfuses Wartesystem: Offenbar wurden immer wieder Nummern aufgerufen, man konnte sich aber auch einfach anstellen. Die normale Schlange schien auch schneller abgearbeitet zu werden als die Nummern-Schalter. Irgendwann fragte ich jemanden an einem nichtbeschrifteten Tisch, ob man eine Nummer brauche: Wohl nur, wenn man eine Fahrkarte buchen wolle … Mysteriös, ich wusste gar nicht, dass das noch geht.
Anyways: Nach unter 10 Minuten versuchte eine routiniert freundliche Bahn-Mitarbeiterin dann, uns ebenfalls mit Verweis auf den 19:01er Zug loszuwerden, der nun um 19:30 fahren sollte; ich fragte dann nach, ob der nicht hoffnungslos überfüllt sein würde usw. Sie erklärte uns dann, dass unsere Alternative darin bestehe, zu warten, bis der Zug eine Verspätung aufgebaut hätte, die uns erst nach 0 Uhr unser Fahrtziel erreichen lassen würde. Dann würde die Bahn eine Hotelübernachtung bis 120 Euro pro Person bezahlen.
Nachdem wir nun schon über 2 Stunden hier herumstanden und nichts voranging, schien uns die Aussicht auf Sitzen, Liegen, ein schnelles Abendessen mit Chopsticks und ggf. ein Besuch in der Hotelsauna wie die österliche Erlösung. Aber da war ja noch die Sache mit der notwendigen Verspätung „bis nach 0 Uhr“ … Denn noch ging die Bahn vollkommen kontrafaktisch in ihrer Kommunikation davon aus, dass wir vor Mitternacht ankommen würden:

Anstatt also einfach ins Hotel zu gehen, lungerten wir weiter herum — würde der Zug einfahren, müssten wir den ja nehmen oder zumindest ernsthaft zu nehmen versuchen. (Klar wäre es für alle besser, es wären weniger Leute im Bahnhof, aber naja …)
Aus einem Bangen, ob denn der Zug fahren würde, wurde die Angst, dass er fahren könnte und wir 4,5 Stunden plus x Stunden Verspätung in einem vollgequetschten Zug mit genervten Fahrgästen würden stehen müssen. (Nebenbemerkung: Insgesamt war die Stimmung bei fast allen Leuten an den Gleisen aber erstaunlich entspannt; die zivilisatorische Decke ist vielleicht doch nicht sooooooo dünn.)
Schließlich kam dann die erlösende Anzeige in der App:

Indem wir nun eine Verspätung von ca. 15 Stunden gegenüber der ursprünglichen Verbindung als freudige Nachricht begrüßen durften, ging es ab ins Hotel.
Wie man eine Hotelübernachtung per Fahrgastrechte bekommt
War gut. Und sinnvoll, denn der 19:01-Zug entfiel dann auch irgendwann endgültig:

Was kann man daraus lernen? Nicht allzuviel, außer: Immer möglichst weit in die Umgebung buchen. Hätte ich „Nürnberg-Röthenbach“ statt „Nürnberg Hbf“ gebucht, wäre die Verspätung schon früher über die Tagesgrenze gerutscht und damit schon früher der Anspruch entstanden. Aber daran denkt man ja nicht, wenn man einen Zug bucht, der von 16:00–20:30 fahren soll … Für nächstes Mal weiß man’s.
Ich bin gespannt, ob wir ankommen (ich schreibe diese Zeilen im ICE am nächsten Morgen, planmäßige Ankunft halb zwölf) und ob die Erstattung problemlos durchgeht. Ich frage mich auch, was ich eigentlich erstattet bekomme:
- Hoffentlich mehrere Sitzplatzreservierungen, denn wir hatten zwischenzeitlich in überbordendem Optimismus Plätze für mehrere der Ersatzzüge gebucht.
- Hoffentlich das Hotel (was mit 131 Euro zu zweit im Rahmen des eigentlich ja 240 Euro betragenden Budgets liegen sollte).
- Eine Teil-Erstattung des Fahrpreises …? Oder wird das durch die Hotelübernachtung überlagert? Wäre mies.
Was tun?
Insgesamt haben mich vor allem zwei Dinge sehr genervt:
- Die oben erwähnte Salamitaktik. Eigentlich sollte die Bahn, sobald Probleme auftreten, diese sofort kommunizieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass den Verantwortlichen um 18 Uhr nicht klar war, dass kein Zug mehr nach Süden fahren würde.
- Fehlende Zuversicht, dass das in den nächsten 20 Jahren besser wird. Ich bin immer ganz gerne mit der Bahn verreist, das ist entspannt und relativ günstig. Aber ich merke, dass ich die Lust verliere, Urlaube mit der Bahn zu planen — es klappt ja dann doch nicht.
Nunja, mal sehen. Insgesamt hielt sich mein Stress-Level in Grenzen – aber auch nur, weil daheim nichts Dringendes auf mich wartete, ich habe Urlaub. Wenn aber Kinder, Katzen, Pferde oder Pflegebedürftige auf einen angewiesen sind; man nicht genug Medikamente dabei hat; oder sich schlicht denkt, am nächsten Morgen im Job nicht fehlen zu dürfen — dann macht einem so etwas vermutlich sehr viel Stress.
Update 12/2025: Shitshow Fahrgastrechte
Nach dem Einreichen des Schreibens (23.4.25) wurde relativ schnell reagiert; leider erstattete die Bahn aber nur ein bisschen was (siehe „Salamitaktik“ oben): Am 8.5. bekam ich eine Reservierung sowie die Hälfte eines Tickets zurückgezahlt. Dagegen erhob ich am 24.6. telefonisch Einspruch. Auch dieser Einspruch wurde abgelehnt, weil die „Fortsetzung der Fahrt am selben Tag möglich/zumutbar“ gewesen sei; das ist erkennbar nicht der Fall, es gab ja gar keine Züge!
Und jetzt zum Weihnachtswunder: Nachdem ich mich 4 Monate mit dem Rest meines Lebens beschäftigt hatte, packte mich der Rappel. Weniger wegen der ca. 150 Euro, die die Bahn mir noch schuldete, sondern weil ich „die“ nicht damit durchkommen lassen wollte. Und daher wandte ich am mich am 12.10. ans „Eisenbahnbundesamt“ mittels Beschwerdeformular. Dazu muss man sich per eID oder Elster authentifizieren usw. usf. Ein echter Verwaltungsakt, aber vergleichsweise smooth.
Rückmeldung bekam ich erst am 21.11., per Mail und sogar telefonisch, wo sich ein freundlicher Mann der „Durchsetzungsstelle Fahrgastrechte“ nach dem Stand erkundigte. Und voila: Am 19.12. bekam ich die restlichen Kosten erstattet!
Insgesamt: Toll, dass es die „Durchsetzungsstelle Fahrgastrechte“ gibt, und auch toll, dass ich nach 8 Monaten mein Geld wieder habe. (Vielen Dank, Herr R.!) Aber auch schade, dass es sowas braucht und die Bahn bei Totalversagen nicht einfach kulant ist, sondern offensichtlich berechtigte Ansprüche einfach verschleppt, bis die Leute aufgeben.
Beitragsbild (c) Katja Härlein.



geiles foto. waren die montagszüge dann nicht überfüllt?
Komischerweise nicht — es fuhr nur der halbe Zug von HH nach Nbg, aber auch der war „mittel ausgelastet“. Ich weiß nicht, wo die ganzen Menschen hin sind gestern ..
Wir können nur raten:
Bleibe im Lande und nähre dich redlich.
War es denn wenigstens schön im Hotel?
Ja, war gut.
denis beeil dich
okee, nic …