Wie man (keine) KI-Kunst macht

Triviale These: „Das Internet“ (oder was wir landläufig darunter verstehen) wandelt sich immer mehr vom Hypertext-Web zum visuellen Plattform-Medium. Also aus dem WWW und der E-Mail werden Instagram und TikTok. (Der Erfolg von Podcasts ist dann als Audio-Ergänzung zu verstehen.) Da scheint es nur logisch, dass sich immer mehr erweitert, wie und womit die visuellen Inhalte produziert werden. Ein neues Produktionsmittel sind Algorithmen, die aus Text-Prompts Bilder generieren – vermutlich haben alle schon von DALL-E, Nightcafe und Co. gelesen. Falls nicht, empfehle ich den entsprechenden Wikipedia-Artikel.

Kritik an Text-to-Image-Algorithmen, die „das Internet“ scrapen

Neue Produktionsmittel, neue Produktionsweisen und neue Akteure in der Produktion so hochspezifischer, immaterieller Güter wie Kunst werfen natürlich neue Fragen ihrer Reglementierung, vulgo: rechtliche Probleme auf. Im Digitalzeitalter ist eines der wichtigsten dieser Gesetze das Copyright oder Urheberrecht, je nach (stets irrelevanter werdendem) physischem Aufenthalt der Nutzenden der Produktionsmittel und Produkte.

Ein Künstler, dessen Oeuvre sehr oft und erfolgreich Stil-Pate für AI-Kunst steht, ist Greg Rutkowski. Und er befürchtet dadurch manifeste (also geldwerte) Nachteile. In diesem Artikel der Technology Review wird analysiert, wieso gerade Rutkowsky so häufig genutzt wird:

First, his fantastical and ethereal style looks very cool. He is also prolific, and many of his illustrations are available online in high enough quality, so there are plenty of examples to choose from. […] Rutkowski has also added alt text in English when uploading his work online. […] This also makes them easy to scrape, and the AI model knows which images are relevant to prompts. (H.v. mir)

Was man generell als „gute Praxis“ bezeichnen würde, weite Verbreitung und solide Metadaten, wird also hier zum Nachteil. Was man daraus mal wieder lernen kann: Daten, die man in „dieses Internet“ schüttet, sind unkontrollierbar, und man kann zum Zeitpunkt des Uploads noch gar nicht wissen, was aus ihnen passiert. Das klingt trivial, und es klingt ein bisschen nach „selber schuld, wenn man etwas in die Weiten des Internets entlässt“, aber das greift zu kurz. Verwertungszusammenhänge zwingen uns ja dazu, diese Daten preiszugeben, oder ‚incentivieren‘ es zumindest: Ohne sein weitereichendes digitales Portfolio hätte Rutkoskwi es vielleicht gar nicht zu den Einnahmen gebracht, die er nun durch Algorithmen bedroht sieht.

Wo soll das nur alles hinführen?

Ich bin gespannt, wohin diese Entwicklung läuft. Ein paar Ideen:

  • Mit Sicherheit hat sie einen Einfluss auf die Karrieren von Künstlerinnen und Künstlern wie Greg Rutkowski.
  • Mit Sicherheit wird sie den „Wert“ von Kunstwerken, also den Preis v.a. im Sekundär-Kunstmarkt beeinflussen; aber seien wir mal ehrlich: Preise für Kunst sind sowieso mehr von klassistischem Distinktionsgehabe bestimmt als von irgend etwas anderem, und genau damit spielt die selbstreferenzielle Kunst ja immer. Siehe Merda d’artista, NFT-„Art“ und und und. NUr irgendwoher muss noch ein glaubhafter, „Aura-wahrender“ Verknappungsmechanismus kommen (am einfachsten wieder: der Stempel einer Künstlerin oder eines Künstlers).
  • Vielleicht wird AI-generated Art in der nächsten Zeit die ohnehin schon billige Arbeitskraft auf Plattformen wie Fiverr ersetzen, oder aber auch zum Produktionsmittel dort tätiger Illustratorinnen und Illustratoren.
  • Spätestens, wenn Intellectual Property mächtiger Konzerne betroffen ist, werden wir wohl neue Gesetzgebung erleben, die dieser scheinbaren Demokratisierung des Kunstschaffens wieder entgegenwirkt.
  • Die 2020er werden als Jahrzehnt eingehen, wo dreibeinige Aktdarstellungen mit anatomisch falschen Knien en vogue waren.

Zensur

Wir haben uns – siehe das Thema „Plattformen“ am Anfang des Artikels – an Zensur in gewissem Umfang gewöhnt. (Man könnte auch sagen, Zensur war natürlich nie weg.) Nun zensieren auch schon die Produktionsmittel von Kunst mit.

Warum mir NightCafe den Prompt „nipples“ zensiert, ist unter Rücksichtnahme auf angloamerikanisch-puritanische Standards nachvollziehbar. (Einen reddit-Faden zur Umgehung gibt’s hier.) Ich verstehe dagegen nicht, warum DALL-E mir keinen betenden Nyarlathotep produzieren will. Vielleicht weiß Open AI ja etwas über die Großen Alten, was wir nicht wissen:

Nachdem wir inzwischen auch schon die Frage, wohin es mit „künstlicher Intelligenz“ gehen soll, an KI delegieren, bin ich übrigens nur bedingt optimistisch, dass wir an diesen Entwicklungen noch viel schrauben können, ehe es zu spät ist. Vielleicht hat die Effective-Altruism-Bewegung ja recht, das ganze Feld unter den „existential risks“ einzuordnen.

2 Gedanken zu „Wie man (keine) KI-Kunst macht“

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