Und schon wieder endete ein Quartal! Ein paar dieser Lektüren fielen schon in den Oktober, aber ich kam wegen der Frankfurter Buchmesse und anderem nicht dazu, die Rezensionen hier (wie schon im Q1 und im Q2) zu rebloggen. Die Lektüren waren geprägt von der Marokko-Reise und ansonsten eher „zufällig“, also vom Sub meiner Freundin.
Contents
Kochen im falschen Jahrhundert
Kochen im falschen Jahrhundert by Teresa Präauer
My rating: 3 of 5 stars
Einige Ideen sind gut. Und abgesehen von Sätzen wie: „[man hatte] einen Emailtopf für E-Mails, nein, für Gemüse und Reis“ (s. 35) ist das auch sprachlich oft gelungen. Leider gibt es aber auch viele Klischees (Sex-Metapher „die Kirsche zu pflücken, wenn sie reif war“, s.170) und insgesamt bleibt das Gefühl, hier wollte die Autorin locker-leicht schreiben, aber das Resultat wirkt zu oft bemüht und konstruiert.
Weißes Algerien
Weißes Algerien. by Assia Djebar
My rating: 5 of 5 stars
Kein Brief an Algerien, kein Buch über Algerien, wie die Autorin im Nachwort schreibt. Ein teils bewegendes, teils unerträgliches persönliches Portrait des Lebens und Sterbens algerischer oder in Algerien wirkender oder in Algerien gestorbener Literaten – von Augustinus bis zu Camus und Fanon , von berberischen zu arabischen Dichtern. Eine Prozession der Gespenster in drei Teilen. Die Ermordeten stehen neben den an Krankheit, Unfall, Suizid Gestorbenen.
Andererseits ein über-persönliches Portrait der Kontinuität von Gewalt und Krieg; keine Antwort, nur die über dem weißen Algerien und dem schwarzen Algier schwebende Frage: wieso geht es immer weiter mit Folter, Mord und (Bürger-) Krieg?
Schließlich ein Buch über Sprachen, Sprache, Mehr- und Einsprachigkeit, sicherlich nicht zufällig fast zur selben Zeit wie Derridas „Die Einsprachigkeit des anderen“ erschienen.
Entromantisiert euch!
Entromantisiert euch!: ein Weckruf by Beatrice Frasl
My rating: 2 of 5 stars
Lektüre leider nicht beendet, nur selektiv (ca. 50%). gute Argumente gegen die bürgerliche Kleinfamilie aus weiblicher Sicht. leider wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und jede Form von heterosexueller „Liebe“ zum Fokus der Ablehnung.
die Grundthese: „sobald du den Fehler machst, dich zu verlieben oder einen Funken Liebe zuzulassen, bist du rettungslos in der Spirale Ehe-Kinder-Gewalt-Verlassenwerden-Altersarmut gefangen.“ Das passt für eine Polemik, nicht aber für ein Buch, das zumindest stellenweise als Sachbuch ernstgenommen werden kann und will. zudem ist es sehr repetitiv. leider keine Empfehlung.
Fun Home
Fun Home: A Family Tragicomic by Alison Bechdel
My rating: 5 of 5 stars
die perfekte Form für einen spannenden Inhalt: die Autobiographie einer offen lesbischen Künstlerin, deren versteckt schwuler Vater sich vermutlich das Leben genommen hat. mit dieser Beschreibung ist alles und nichts über das Buch gesagt, denn vor allem geht es um literarische und mythologische Bezüge, überraschende und wie zufällige Parallelen von Biografien und die Frage, ob es nun exemplarische Exemplare gibt oder nicht.
die erneute Lektüre dürfte lohnen!
Unter Grund
Unter Grund by Annegret Liepold
My rating: 3 of 5 stars
3-4 Sterne, weil die Lektüre abwechslungsreich und unterhaltsam ist. inhaltlich ist es mir einerseits etwas zu moralisch, andererseits für die Protagonistin zu entlastend: letztlich bekämpft sie ihre familiären, schulischen und dörflichen Probleme gleichsam mit Alkohol wie mit Rechtsextremismus. das spricht sie frei davon, Überzeugungstäterin zu sein. und das ermöglicht ihre Lossagung und (Er-)Lösung. ich weiß nicht, ob mir diese Form von Herzens- und Gehirnträgheit lieber ist als ein rechtes Eltville.
Leider sind die Wendungen relativ vorhersehbar, auch wenn einige Mühe in den Aufbau geflossen zu sein scheint.
Sehr gut gelungen ist die Darstellung des Dorfes, soweit ich das als Städter beurteilen kann. Und ganz heimlich ist das ja auch irgendwie weniger ein Buch über den Links-Rechts- als über den Stadt-Land-Cleavage, weil es mehr um die Strukturen des Dorfes im Kontrast zur fernen Stadt (Nürnberg, Leipzig, Berlin, München) geht als um linke oder rechte Inhalte. die sind eher Kulisse.
insgesamt 3,5 Sterne, aber mit der Tendenz, abgerundet zu werden.
Lebensversicherung
Lebensversicherung by Kathrin Bach
My rating: 3 of 5 stars
formal interessant, so etwas habe ich noch nicht gelesen. sehr schnell zu lesen und typografisch spannend. ich weiß aber auch am Ende nicht, was mir das Buch sagen wollte; die Erzählerin scheint mir weder ein interessantes Individuum noch exemplarisch (für eine Generation, eine Klasse, eine Klientel o.ä.). eine von beiden hätte es dir mich gebraucht. vielleicht kann ich das Thema „aufwachsen auf dem Dorf“ aber auch schlicht nicht teilen.
Himmel über der Wüste
Himmel über der Wüste by Paul Bowles
My rating: 5 of 5 stars
guter Roman, der allerdings nicht geeignet ist, Afrika-Urlaubende zu beruhigen. Get your vaccinations!!
Sitt Marie-Rose
Sitt Marie-Rose: Eine libanesische Geschichte by Etel Adnan
My rating: 5 of 5 stars
wer nur Lyrik und bildende Kunst von Etel Adnan kennt, sollte der Prosa eine Chance geben. ein hartes und dennoch mitfühlendes Buch.
Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte
Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte: Zwanzig zamonische Flabeln by Walter Moers
My rating: 5 of 5 stars
man darf keinen neuen Zamonien-Roman erwarten. Ich glaube sowieso nicht, dass da noch ein guter kommt. Aber dann sind diese Flabeln in ihrer kurzen und trefflichen Weise, vom Schlimmen zu erzählen, urkomisch und unterhaltsam. Sofern man etwas Stollentroll-Häme mitbringt jedenfalls.
Die Holländerinnen (Dorothee Elmiger, Gewinnerin des deutschen Buchpreises)
Die Holländerinnen by Dorothee Elmiger
My rating: 5 of 5 stars
„[E]s sei ihr spätestens in diesem Moment […] bewusst geworden, dass es hier keine Pointe geben, dass die ganze Geschichte auf keine Auflösung, kein Ende zulaufen würde.“ (S. 127)
Man weiß direkt, dass man hier „Literatur“ liest, auch formal. Das Buch dürfte die indirekteste Erzählung sein, die ich kenne; ein Beispiel: Die Erzählerin, eine Schriftstellerin, die einem kleinen Publikum von einer literarischen Reise im Auftrag eines Theatermachers berichtet, schildert, wie ihre Reisegruppe mitten im Dschungel und mitten in der Nacht von einem verirrten kanadischen Hilfslehrer aufgesucht wird, der dann ein Gespräch mit einem Pool-Reiniger der Ground-Zero-Pools erzählt. Und eigentlich ist diese Schriftstellerin noch gar nicht die Erzählerin, denn ihre Erzählung vernehmen wir indirekt aus dem Mund einer Zuhörerin.
Das Perspektivspiel aber hat Grund und Methode, dient einem „Gehalt“, denn die Schriftstellerin ist als Protokollantin engagiert gewesen – und scheitert grandios daran, etwas als „wichtig“ und etwas anderes als „unwichtig“ zu beobachten: Das Artefakt, die „Spur“ dieses Scheiterns lesen wir hier. Form und Inhalt entgleiten ihr (nicht erst durch ein mysteriöserweise durchnässtes Manuskript, das vom ersten in den zweiten Teil des Buches überleitet, in dem sie sich gleich die Schreibhand verstaucht).
Jeder erzählt seine Geschichte, mischt seine Stimme in den Roman; die Erzählerin fungiert als Prisma, das alles bündelt und zusammenbringt. Dabei bleibt offen, wo und wie Fiktionalisierung, Wahrheit, Lüge, Irrtum, Wahrnehmung (und vielleicht auch Wahnsinn) zusammenwirken. Das Ganze ist gut konstruiert und wird zusammengehalten durch diverse durchgängige Motive:
- Licht/Augen/Dunkelheit, Wahrnehmung und Trübung (Verschwimmen, „hinter Glas sein“, Überbelichtung),
- Expeditionen, Begehungen und Irrwege (in teils unwegsames Terrain, mit teil imperialistisch-kolonialistischer Zielsetzung),
- Angst (und ihre überraschenden Auslöser),
- Angst, die aus vielen der Anekdoten und Geschehnisse erst etwas Spannendes und Krimihaftes macht,
- Angst, die das Kontinuum zwischen fast allen Handlungen und Figuren bildet und vielleicht auch die vielleicht gebrochene Erzählerin „erklärt“,
- Entfernung (des Erzählers von den Rezipierenden, von Freunden (S. 109), von der Zivilisation; aber auch vom „Stoff“, der „Aufklärung“ vom Eigentlichen und der „Außenseite“ ihrer Form, S. 56),
- Spurensuchen (in Texten, von Menschen in der Wildnis, in Browserverläufen)
- Weiblichkeit, Mutterschaft, Zeugung, Gebären, Tod, Zyklen (und deren scheinbare Nähe zu „Natur“, S. 56, obwohl das Gewaltvoll-Animalische eher im Männlichen durchzubrechen scheint, exemplifiziert an Klaus Kinski und einem unbenannten Maler, aber auch an dem Werner-Herzog-artigen „Theatermacher“, der einmal ganz kurz zum „Dramaturgen“ mutiert).
„Die Holländerinnen“ nimmt zahllose Bezüge zur Geistesgeschichte, vor allem aus dem Mund dieses „Theatermachers“. Manches vielleicht Bedeutsame wird dabei nur einmal angeschnitten und dann vergessen, so etwa Derridas „Glas“. Das kann als Dekonstruktion von Sprachprimat und Systematik gelesen werden, aber auch als Totenglocke der ganzen mitgeschleppten Toten (zu denen vermutlich auch die titelgebenden, aber über weite Strecken des Romans abwesenden Holländerinnen zählen).
Am Ende war ich nicht sicher, welche Fragen der Roman aufgeworfen hat. Etwa: Was ist Biographie? Wen interessiert die? Was ist Geschichte, was Geschichten? Wer kann und wer sollte sie erzählen? Wem kann man vertrauen? Aber das macht nichts: Ein Text sei willkürlich und höchstens scheinbar eine Erlösung, erfahren wir schon auf Seite 10, er sei ein „Ausdruck einer irren, gellenden Lebendigkeit“.
Fazit: Man sollte keine Spurensuche im Sinne einer Cold-Case-Murder-Mystery-True-Crime-Geschichte erwarten, sondern eine andere Art.
Wem solche Spurensuche liegt, der hat jedenfalls seinen Spaß. Wem diese Rezension zu prätentiös ist, eher nicht. Mir taugt’s.
- Anmerkung: Das beste Interview mit der Autorin, inklusive einer (etwas unbefriedigenden) Deutung des Endes, hat die WOZ.
- Plausibler als diese Meinung der Autorin über ihren Text finde ich, dass das nachgesetzte Ende vor allem die Frage stellt, welche Perspektive hier erzählt wird und wer die „überbelichteten Bilder“ gemacht hat, die die Erzählerin sieht. Die Perspektive wechselt ins Auktoriale. Und die Schilderung ist konsistent mit einer Oneirismus-Symptomatik; die interessanterweise nur wenige Seiten vorher, im Rahmen der Binnenerzählung vom Flatbush-Ehepaar, erwähnt und geschildert wird. Als Spurensucher sage ich: Das kann kein Zufall sein!
