Lektürenotizen Q1/25: Illouz, Latronico, Anna Burns u.a.

Ich habe nach 11 Jahren meinen Goodreads-Account reaktiviert. Spannend, was ich damals gelesen habe und was sich noch auf meiner „want to read“-Liste findet. Und interessant, wie viele Buchbranchen-Menschen dort noch aktiv sind.

Warum jetzt wieder Goodreads? Im Sabbatical hatte ich wenig „neben der Reihe“ gelesen (wobei: auch gar nicht soooo wenig), sondern vor allem Zettel aus Fachliteratur und Quellen produziert. Seit Ende des Studiums kommen aber kaum noch Lektürenotizen in meinen Zettelkasten. Daher weiß ich gar nicht mehr, was ich eigentlich alles gelesen habe. Ich habe dafür eine Notiz angelegt, aber … das ist nicht sehr übersichtlich. Daher versuche ich es mal, das auf Goodreads zu dokumentieren.

Da ich dort ein paar Reviews gebloggt habe (wer weiß, wie lange ich darauf Lust habe …), dachte ich mir, ich poste sie hier auch noch einmal. Falls Goodreads aus den Weiten des Netzes verschwindet, gehen diese Inhalte dann wenigstens nicht verloren … Ich traue den Plattformen des Techno-Kapitalismus nunmal nicht.

Naja. Folgt mir trotzdem!

Illouz: „Die Zukunft der Gefühle“

(Vgl. auch meine Rezension zu „Warum Liebe weh tut“)

Die Zukunft der Gefühle: Wie die Subjektivität die Technologie prägt (German Edition)Die Zukunft der Gefühle: Wie die Subjektivität die Technologie prägt by Eva Illouz
My rating: 3 of 5 stars

Emotions- und Affektsoziologie, Zukunftsspekulationen und eine kritische Theorie des „emotionalen Techno-Kapitalismus“? Count me in. Leider bleibt der Inhalt ein wenig hinter dem Möglichen zurück.

Zunächst zum Formalen: Das Buch wirkt ein bisschen nach Schnellschuss. Grundlage ist eine Rede Eva Illouz‘, die im Februar 2025 auf Englisch gehalten wurde. Die deutsche Buchausgabe erschien im April. Das sorgt für einige Ungenauigkeiten („Second Life“ wird als „Website“bezeichnet, S. 52); oftmals sind Bezüge nicht ganz klar, was einer Rede verziehen werden kann, für die Buchfassung aber vom Lektorat abgefangen werden sollte.

Inhaltlich erfolgt das weitgehend Erwartbare. Lose aus einer Warte der Entfremdungskritik argumentierend, analysiert Illouz die Mechanismen, die zu einer Verinnerlichung von Marktlogiken führen („Subjektivität“ und „Subjektivierung“). Das ist alles korrekt und vielleicht auch erhellend für Nicht-Soziologys, die sich zum ersten Mal mit dem Themenkomplex befassen. Leider bleiben zentrale Begriffe unbestimmt; so ist für mich nicht zu erkennen, wie Illouz zur „Authentizität“ steht und ob sie diesen Begriff gegen „Realität“ und „Erfahrung“ (auch phänomenologisch verstanden) setzt. Gibt es eine „echte Authentizität“ (S. 27 klingt danach) oder ist sie immer „Vorführung“ (S. 93)?

Schwieriger finde ich aber die Prämisse, dass es „die Gefühle“ sind, die eine „Immersion“ zur „Realität“ machen. Das kann man anders sehen; Gefühle können auch als Begleitumstände, Kommunikationsangebote oder Indikatoren verstanden werden. Illouz vereindeutigt die Gefühle zu etwas Primärem und allgemein Menschlichem, das dann zur Bildung eines Subjekts, zur Motivation von Handlungen, zur wirtschaftlichen Ausbeutung verwendet werden kann. Dabei geht unter, wie sehr die Gefühle selbst bereits gemacht und kommunikativ fabriziert sind.

Bei Themen wie (Online-)Gaming gewinnt man zudem den Eindruck, dass Illouz diese nur aus zweiter Hand kennt. Sie kann sich nicht entscheiden, ob sie quantitativ mit Marktvolumina oder qualitativ mit Einzelschicksalen Spielabhängiger argumentieren will – beides scheint sich aus meiner Sicht zu beißen.

Auf den 100 Seiten finden sich aber dennoch einige Anregungen, wie man die „Zukunft der Gefühle“ denken kann. Und in einem sind wir uns sicher einig: Gefühle sind, bleiben und werden zunehmend kommodifiziert.

Latronico: „Perfektionen“

Die PerfektionenDie Perfektionen by Vincenzo Latronico
My rating: 5 of 5 stars

Wir begleiten ein namenloses und voneinander weitgehend undifferenziertes Pärchen durch ihr Berliner Leben – südeuropäischstämmige Expats, freischaffende „media professionals“ (was man damals „digitale Boheme“ nannte) und mehr oder weniger geplante Wahlberliner. Äußerlich passiert im Buch nicht allzuviel (jedenfalls die ersten 3/4 des Buches), und wir bekommen auch keine direkte Innensicht geliefert; es gibt keine Dialoge, nur ab und an kann man Kommunikation indirekt erahnen.

Was macht das Buch dann so lesenswert? Es führt uns ein Pärchen (nicht: „zwei Personen“) vor, die sich ein hippes Leben schillernder Oberflächen eingerichtet haben, das sie irgendwann zu langweilen beginnt. Die „Freunde“ (eher: Berlinerexpatbekanntschaften) gehen zurück in die Heimat oder kriegen Kinder, verschwinden in Festanstellungen oder alles zusammen. Und

  • obwohl wir den beiden bei der Errichtung glanzvoller Fassaden zugucken;
  • obwohl man sie irgendwie bemitleiden muss, weil sie sich laufend vergleichen und die Vergleichsmaschine der Subjektivitäten aufbauen und füttern;
  • obwohl sie die blinden Flecken ihrer Jagd nach Identitäten zwischen Identität und Distinktion hegen und pflegen;
  • obwohl man ihnen immer wieder zurufen will: „Ihr habt es doch gar nicht schlecht!“ (nicht mal der Sex ist schlecht, auch wenn sie meinen, da müsste noch mehr gehen);

trotzdem bleiben sie irgendwie sympathisch und „relatable“. In ihrer Allgemeinheit („zwischen 23 und 30“ irgendwann nach der Verbreitung von Facebook in Europa, also wohl irgendwann zwischen 1985 und 1990 geboren) sind die beiden paradigmatisch für mehr als eine Ausprägung gegenwärtigen Lebens.

Ich will nicht tauschen, fürchte aber, gar nicht so verschieden zu sein …

Anna Burns: „Milchmann“

MilchmannMilchmann by Anna Burns
My rating: 4 of 5 stars

Pro: die Pflege der Charaktere als Rollen oder Stereotype („Freundin“, „Tablettenmädchen“, „Milchmann“); der Fortgang der äußeren Handlung – sie hat immer einen großen Sog; die einfühlsame Schilderung der Klaustrophobie des Bürgerkriegs-Irland.

Con: die endlosen und repetitiven Denkspiralen, auch wenn diese die Klaustrophobie weiter unterstreichen.

Fazit: ein zu Teilen berechtigt, zu Teilen unnötig schwer verdauliches Buch. Lektüre lohnt sich trotzdem.

Han Kang: „Die Vegetarierin“

Die VegetarierinDie Vegetarierin by Han Kang
My rating: 3 of 5 stars

Die ersten beiden Abschnitte des Buches sind mir sehr präsent im Gedächtnis geblieben und hatten einen starken, ästhetisierten Sog: Die Nonchalance, mit der Grausamkeiten und irritierend Bilder geschildert wurden, überzeugte auf ganzer Linie. Das Buch erlaubt ein Abtauchen in eine faszinierend Alptraumwelt an der Grenze von Reiz und Ekel, ohne die kritische Einordnung zu verlieren (immerhin geht es um eine vielfach misshandelte Frau, deren Frausein körperlich und kulturell essenziell für die Misshandlungen ist).

Der abschließende Abschnitt, der das Geschehene ohne große Ambivalenz pathologisiert, nimmt für mich aber einen großen Teil dieses Reizes wieder fort. Rückblickend verliert das Buch für mich damit auch das Meiste seiner kritischen und emanzipativen Bedeutung.

Burgess: „Idaho Winter“

Idaho Winter (German Edition)Idaho Winter by Tony Burgess
My rating: 2 of 5 stars

Schwierig zu bewerten – reine Metafiktion, die am Ende zu abstrus wird, um zu funktionieren.

Die Lektüre war verwirrend und unbefriedigend, aber kurz.

 

The NOMA Guide to Fermentation

Siehe auch meine Artikelreihe zur Fermentation.

Foundations of Flavor: The Noma Guide to FermentationFoundations of Flavor: The Noma Guide to Fermentation by René Redzepi
My rating: 5 of 5 stars

Eine sehr gute Einführung in die Fermentation. Ein Teil der „Rezepte“ lässt sich leicht zuhause auf dem Küchenregal durchführen (auch wenn fast immer eine Option vorgestellt wird, die ein Vakuumiergerät oder einen Wärmeschrank nutzt). Ein größerer Teil des Buches erfordert allerdings, dass man Fermente auf ca. 60 Grad erwärmt, was zumeist bauliche Maßnahmen erfordern dürfte – aber gut, so hat man auch eine Lern- und Praxiskurve.

Leider fehlt ein Kapitel zu Kefir und Wasserkefir, das sollte für eine spätere Auflage ergänzt werden – schließlich sind Kefir-Getränke in alkoholfreien Begleitungen der Sterneküche recht häufig.

Evaristo: girl, woman, other

Girl, Woman, OtherGirl, Woman, Other by Bernardine Evaristo
My rating: 5 of 5 stars

Ich sage in letzter Zeit sehr häufig nach einer Buchlektüre, dass ich „die Perspektive(n) interessant“ fand. Verschiedene Literaturtheorien (nehmen wir: Bakhtin) heben ja darauf ab, dass gerade der Roman eine Vielsprachigkeit und Multiperspektivität ermöglicht – daraus ergeben sich Freiheitsgrade nicht nur der Darstellung, sondern auch des Dargestellten. Dieses Buch ist paradigmatisch für diese Überlegungen, und es bleibt dennoch lesbar, unterhaltsam und zu weiten Teilen mitreißend. Warum? Am Körper (in diesem Falle: am nicht-cis-heterosexuell-männlichen Körper, eben an „girl woman other“) kondensiert das Dargestellte auf eine Weise, die einen roten Faden ermöglicht, obwohl eine durchgängige Narration fehlt. Es handelt sich eher um ein neun Kapitel umfassendes Netzwerk aus Erfahrungen und Ereignissen, das immer wieder Bezug auf andere Ereignisse nimmt. Der nur auf den ersten Blick eigenwillige Stil – Sätze kommen meist als interpunktionslose Absätze daher – unterstützt den Lesefluss sogar und unterstreicht das Momentane, Vorbehaltliche, Subjektive.

Nicht alle Kapitel entfalten den gleichen Sog, einige wirken, als sollte noch eine Leerstelle des Spektrums „girl, woman, other“ gefüllt werden, aber das trübt das Lektürevergnügen nicht.

Kapitelman: Russische Spezialitäten

Russische SpezialitätenRussische Spezialitäten by Dmitrij Kapitelman
My rating: 4 of 5 stars

Ein sehr unterhaltsamer Roman mit interessanter Perspektive: Der Protagonist ist in seiner Kindheit aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, wo seine Eltern einen Magasin, ein Geschäft für osteuropäische Lebensmittel, eröffneten. Nach dem Überfall Putin-Russlands auf die Ukraine zeigen sich Risse im Verhältnis zu seiner Mutter, die einer alten Ukraine nachtrauert (die es wohl nie gegeben hat) und trotzdem oder deshalb in eine Putin-affine Haltung zum Krieg abrutscht, gefüttert von russischem Fernsehen und Telegram-Gruppen.

Falls das unverständlich klingt: Lies dieses Buch!

Abstriche gibt es für den zweiten Teil des Buches, in dem der Protagonist nach Kiew und die Frontstädte reist. Dieser Abschnitt wirkt mehr nach dem Erlebnisbericht eines Journalisten als nach einem organischen Teil des Romans. Außerdem haben für mich einige der emotionalen Symbole (warme Sterne, Mütze) nicht wirklich gut funktioniert.

Fazit: Kurzweilige, lehrreiche und daher empfehlenswerte Lektüre!

3 Gedanken zu „Lektürenotizen Q1/25: Illouz, Latronico, Anna Burns u.a.“

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