Lektürenotizen Q2/2025: Von Afrika bis Norddeutschland

Wie im letzten Quartal auch: Ich sammle hier meine Lektürenotizen aus Goodreads.

Außerdem gab es diesen BBC-Artikel über „creative bibliotherapy“ – die Idee, dass man durch Fiction-Genuss so eine Art therapeutischen Effekt erzielen könne. Warum ist das nötig? Naja:

Considering the shortage of affordable mental health services in many countries, the idea that fiction can offer support is appealing.

Sure thing. Die Fiction richtet, was ein kaputtgespartes Gesundheitssystem nicht mehr leistet. Aber mal davon abgesehen: Kann das funktionieren? Jedenfalls gibt es gewisse Korrelationen:

Scientists have observed that, compared with non-readers, people who read regularly for pleasure tend to be less stressed, depressed and lonely, more socially connected and confident, and perhaps even live longer[.]

Na dann.

Mein wichtigster literarischer Therapeut ist nach wie vor Eckhard Henscheid. Wenn ich die „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ lese, verschwimmen meine eigenen Probleme wie der Gasthof in Seelburg nach 13 Sechsämtern. Und auch weiter unten schildere ich eine literartische Wirkung auf meine Hypochondrie. Also ist ja vielleicht doch was dran.

 


„Dream Count“

Dream CountDream Count by Chimamanda Ngozi Adichie
My rating: 4 of 5 stars

„Dream Count“: eine Alternative zum „Body Count“, die weniger auf Körper, sondern auf alle (natürlich auch auf körperliche!) Sehnsüchte, Begierden und Wünsche zielt. Daher ist der „Dream Count“ ein anderer als der (u.a. im Body Count) „Realized Count“; und daher geht es in diesem Buch um mehr als um körperliche, romantische, erotische; freiwillige, unfreiwillige, gleichgültige; realisierte, gewünschte, befürchtete; familiäre, freundschaftliche, missbräuchliche „Beziehungen“.
Es geht um vier Menschen und ihre Widersprüche (mit sich, mit der Welt und miteinander).
Der Aufbau gefällt mir gut, da sich am Ende stimmige Gesamtbilder der Charaktere ergeben; zwischenzeitlich empfand ich aber gewisse Längen, insbesondere, wenn mir deren Verhalten untereerklärt blieb.


„Die Anomalie“

Die AnomalieDie Anomalie by Hervé Le Tellier
My rating: 5 of 5 stars

unterhaltsam, packend, mit locker eingestreuten Problemen der Metaphysik und Ontologie (die ich spannender fand als die ethischen). insgesamt bleibt mir nach der Lektüre ein Gefühl, das mehrfach von Charakteren angesprochen wird: ich verstehe nicht ganz, was diese Allegorie besagt, aber sie ist bedeutsam.

 


„Für kurze Zeit nur hier“

Für kurze Zeit nur hier: Roman (German Edition)Für kurze Zeit nur hier: Roman by María Ospina Pizano
My rating: 4 of 5 stars

schöne Geschichten, schöne Beobachtungen. die Kapitel über nicht-Säugetiere hatten für meinen Geschmack etwas zu viel Umweltpädagogik (was Zufall sein mag, vielleicht auch nicht). einige Verwebungen schienen mir konstruiert – das hätte ich für diese Polyphonie der „Natur“ (eigentlich: der tierbezogenen Kultur) nicht gebraucht. das Buch endet mit einer Art konkreter Poesie der Naturlaute, darin menschliche Sätze, die menschliche Bezugnahmen auf Tiere schildern.
lesenswert.


„Die Verschwörung der Tauben“

Die Verschwörung der TaubenDie Verschwörung der Tauben by Vincenzo Latronico
My rating: 5 of 5 stars
kurz und ohne Spoiler notiert: gut konstruierter Wirtschaftskrimi; anfangs der Charaktere, später der Handlung wegen spannend. Philosophie und narrative Kniffe sind behutsam, aber wirkungsvoll eingeflochten. kleine Parallelen zu den „Perfektionen“.

 

 


„Mittagsstunde“

MittagsstundeMittagsstunde by Dörte Hansen
My rating: 5 of 5 stars
genau, was ich erwartet habe: unterhaltsame Lektüre in einer Collage von zwei Zeitebenen und 3-5 Perspektiven.

 

 


„The Brief and Frightening Reign of Phil“

The Brief and Frightening Reign of PhilThe Brief and Frightening Reign of Phil by George Saunders
My rating: 2 of 5 stars

This is not for me. Für mich funktioniert das weder als politische Parabel, Satire noch als Fabel oder Groteske. Gleichzeitig scheint es aber all das sein und zudem eine schaurig -märchenhaft Welt errichten zu wollen. Leider berührt mich keine dieser Dimensionen wirklich.
Immerhin ist es kurz und das Nachwort partiell lesenswert. außerdem sind die Illustrationen ganz nett, wenn auch nur teilweise übersetzt (Deutsche Ausgabe), was einen gewissen Bruch bedeutet.

 


„Wir kommen“

Wir kommenWir kommen by LIQUID CENTER
My rating: 5 of 5 stars

Zunächst: Dieses Buch ist ein gutes Buch, aber ich habe es nicht als Roman gelesen, das ging nicht. Eher als eine Mischung aus anonymer Autobiographie (platt gesagt: Schicksalsberichte), Essay und literarischem Experiment. Irgendwie nicht als „Belletristik“, noch eher als Kolumne. Ich merke nun immer öfter, dass ich von einem „Roman“ auch immer irgendwie eine Narration erwarte, eine Geschichte erzählt bekommen möchte; diese Geschichte ist mir hier zu abstrakt. Aber: Das Buch hat einen gewaltigen Sog, literarische Klassifizeriung hin oder her.

Zu den Schwachstellen:

  • Das Marketing als Sex-Buch, denn das ist es nicht; es ist eher „poetischer Body Horror“, mit diversen Kontrasten (etwa „comic relief“ und „Schönheit“ und „Freude“ und auch ein bisschen „Spaß“)
  • Manche der „Charaktere“ zerdenken es und verlaufen sich … Ich aber als Leser auch: Jemand zitiert Bataille und danach taucht das Wort „verausgabt“ auf, aber ich bin bei diesem Buch immer unsicher geblieben, ob so etwas konstruiert oder einfach Zufall ist. Ich fände beides okay.
  • an einer merkwürdigen Stelle gibt es eine merkwürdige Selbstzensur (s. 178): hier sollten einige Beiträge von Autorinnen stehen, die sexuelle Dienste von Männern (?) in „Urlaubsländern“ in Anspruch genommen hätten. Dieser Teil wurde aus dem Manuskript entfernt und durch einen editorischen Hinweis ersetzt, dass noch nach angemessenen Wegen der Darstellung gesucht werde. Ich glaube, weibliches Verlangen/Begehren auch als potenziell problematisch abzubilden, hätte dem Buch gar nicht geschadet …

Trotzdem fünf Sterne, auch, weil das Buch eine gute Anregung ist, um sich mit Freundinnen oder Partnern über Körper und Co. zu unterhalten.

PS: Auf merkwürdige, nicht intendierte und vermutlich leider nur temporäre Weise hat mich das Buch ein bisschen mit meiner Hypochondrie versöhnt. Body Horror works.


„Afrika ist kein Land“

Afrika ist kein Land: Das Manifest gegen Dummheit, Faulheit und Einfachheit im Umgang mit der Vielgestaltigkeit des afrikanischen KontinentsAfrika ist kein Land: Das Manifest gegen Dummheit, Faulheit und Einfachheit im Umgang mit der Vielgestaltigkeit des afrikanischen Kontinents by Dipo Faloyin
My rating: 4 of 5 stars
sehr guter Einblick in eine nigerianische Perspektive on „all things Africa“ und auch den westlichen Diskurs. ich hätte mir noch ein Überblicks-Kapitel gewünscht, vielleicht mit grundlegender Soziodemographie.

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