SS23/W01: (Wohn)eigentum, Gefühle und eine emotionale Hausaufgabe

Von wegen Sommersemester … das Wetter spricht eher für einen Herbst, und Jena begrüßte mich mit frostigen Temperaturen. Im Lauf der Woche kam aber die Sonne immer öfter raus.

Es steht ja ohnehin nun wieder eifriges Studieren auf dem Plan, da kann einem das Wetter egal sein. Und für die erste Vorlesungswoche (soviel nur als Tagebuchnotiz ohne Relevanz für andere) hatte ich eh wieder eine Übergangsunterkunft im Zentrum, da war ich den Elementen weniger ausgesetzt als in Zwätzen.

Da ich nun eine Woche von gemahlenem Kaffee leben musste, habe ich mir eine Packung „Rondo Melange“ gekauft. Wikipedia weiß: „Bekanntestes Erzeugnis [der Kaffeemarke Röstfein] ist die Kaffeesorte Rondo Melange, die zu den bedeutendsten und beliebtesten ostdeutschen Genussmitteln zählt.“ Der Clou: „veredelt mit kandierten Bohnen“. Ein ehemaliger Werbeclaim: „Jacobs ist die Krönung, aber Rondo ist der Gipfel“. Schmeckt tatsächlich ein bisschen anders als andere Kaffeesorten und ich bin versucht, mir mal ein Kilo der Bohnen zu besorgen.

Achja, und abschließend: Frohe Ostern! (Ich empfehle für Karfreitag die bewährte Mischung aus „Life of Brian“ und der Johannespassion, z.B. die Einspielung der Bach-Stiftung, dirigiert von Rudolf Lutz [Spotify, Textbuch].)

Rosen für die Damen!

Noch aus den letzten Tagen in Nürnberg: Der Rewe in der Gebersdorfer Straße hat renoviert und wiedereröffnet. Daher gab es … Rosen für die Damen. Oft fragt man sich ja, in welchem Jahrzehnt bzw. Jahrhundert man lebt … Die Rentnerinnen nahmen die Rosen aber gerne an. (Und ich sah auch Männer mit Rosen.)

Weiterer irritierender Moment: Als mir die freundliche Angestellte an den SB-Kassen begeistert vom Handscanner-Service berichtete, mit dem ich schon während des Einkaufs einpacken kann und dann am Ende nur noch einen einzelnen Code abscannen und bezahlen muss. Ja weiß sie denn nicht, dass sie ihren Job überflüssig macht …? (Oder ist der Job so ein Bullshit, dass man es als zivilisatorischen Fortschritt begreifen muss, wenn er wegfällt; und ist er so schlimm, dass auch sie darüber froh ist? Aber: Wir vergesellschaften uns nunmal über ‚Jobs‘, egal wie sinnlos, und dann kann das ja eigentlich gar nicht in ihrem Interesse sein … hmm …)

Uni

Es geht wieder los! Gleich in der ersten Woche – und zu einer Zeit, da andere Unis noch Osterferien haben – wartete eine volle Breitseite an Veranstaltungen auf mich. Alle in Präsenz: remote is dead. Insgesamt wird das ein sehr lektüreintensives Semester, denke ich.

Veranstaltungen

Die laufenden wöchentlichen Veranstaltungen verteilen sich auf Mo-Do wie folgt: 1-2-1-2. Dazu kommen zwei Blockseminare, die zu gegebener Zeit erwähnt werden (im Mai und im Juni, glaube ich). Die Veranstaltungen Montag und Mittwoch sind „zusätzlich“ zum Musterstudienplan, also sehe ich sie als optional – ggf. mache ich hier jeweils einen Sitzschein, den ich mir nächstes Semester anrechnen lasse. Mal sehen.

Mo: „Der Traum vom eigenen Haus. Wohneigentum in Paarbeziehungen“

Kürzel für die Zukunft: „Eigenes Haus“ (die Kürzel finden sich auch im Glossar in der Seitenleiste)

Das Seminar beruht auf einem Forschungsprojekt über Eigentumsstrukturen und deren Wandel und wird sicherlich spannend. Außerdem geht es hier um (qualitative und ein bisschen auch quantitative) Methoden, ein Bereich, der im GT-Studium sonst eher (zu) kurz kommt. Leider werde ich wohl ca. zwei Sitzungen wegen des Pendelns verpassen. In zwei Wochen z.B., wo ich das vorherige Wochenende beim Workshop „Sterben, Trauern und Erinnern in Zeiten der Digitalisierung“ in Tübingen weilen werde.

Es würde mich ja fast reizen, hier auch eine Hausarbeit zu schreiben … aber ich fürchte, das wird zu viel. Denn diese Veranstaltung wie auch die am Mittwoch will ich ja eigentlich nur aus Interesse, ggf. für einen Sitzschein machen. Wir werden sehen, die Prüfungsanmeldungen enden ja erst zum 12.6. …

Di: „Einführung in die Emotionsgeschichte“ (entfiel)

Kürzel: Emotionsgeschichte

Was mir im Seminarplan auffiel, war, dass wir Anfang Juni eine Exkursion ins Hygienemuseum (Dresden) zur Ausstellung „HELLO HAPPINESS“ machen. Was mir auch auffiel: Die erste Sitzung entfällt (was mir wohl durchgerutscht war). Also hatte ich einen sehr entspannten Dienstag und war in beiden Jenaer Museen – Bericht folgt eventuell demnächst.

Außerdem habe ich eine Hausaufgabe in der Emotionsgeschichte, nämlich „eine Quelle (oder anderes Material) mitzubringen, die […] aus emotionshistorischer Perspektive interessant und relevant ist.“ Hat die Crowd Ideen?

Di: „Affektiver Kapitalismus“

Kürzel: AK

Ein sehr nachgefragtes und entsprechend volles Seminar (14 Leute, die keinen Platz bekommen haben, waren da, zusätzlich zu den 25 mit Platz … in der Hoffnung auf nachträgliche Zulassung). Offenbar affiziert die Kritik am affektiven Kapitalismus? Die Lektüreliste sieht gut aus, auch wenn dort Eva Illouz mehrfach auftaucht (deren „Warum Liebe weh tut“ ich in ambivalenter Erinnerung habe – meine Rezension aus dem September 2021 scheint mir aus jetziger Sicht aber etwas altklug …).

Mi: „Eigentum und Geschlecht“

Kürzel: E&G

Auch hier waren wir – wie bei „Eigenes Haus“ – unter 10 Teilnehmys, es fehlten aber wohl auch ein paar. Die Parallelen zu „Eigenes Haus“ gehen aber noch weiter: Grundlage auch dieses Seminars ist das Forschungsprojekt „Strukturwandel des Eigentums“. Die Anforderungen sind allerdings etwas höher; man soll eine komplette Stundengestaltung übernehmen. Dafür locken spannende Themen, etwa Einkommens- und Vermögensverteilung innerhalb von Haushalten und die alltägliche und symbolische Geldverwaltung.

Ich bin nun, wie gesagt, sehr versucht, dieses Modul doch einfach zu absolvieren … was wiederum organisatorische Schwierigkeiten aufwarf: Der Modulkatalog ist gerade beim Modul „MASOZ 34“ (Master-Modul Soziologie 34.1/.2, das bedeutet „Vertiefung Geschlechterverhältnisse in modernen Gesellschaften“) uneindeutig, was die Prüfungsleistung angeht. Während bei MASOZ 30, 31, 32 jeweils zwei Seminare zu belegen sind, aber nur die „[s]chriftliche Leistung oder mündliche Prüfung zu einem
der beiden Seminare“ notwendig ist, fehlt diese Einschränkung bei der Beschreibung von MASOZ 34. Eine Rückfrage bei der Studienberatung schuf aber schnell Klarheit, dass auch hier nur in einem der Seminare eine Prüfung abzulegen ist; der Hinweis „zu einem der beiden Seminare“ bei den anderen dagegen ist eigentlich redundant. Aber – woher soll man das nun wissen …?

Do: VL „Ideengeschichte der Neuzeit V. Außereuropäisches Denken“

Kürzel: „Ideengeschichte“

Ich weiß nicht, ob es an der Uhrzeit, den nahenden Osterferien, dem Thema oder dem Dozenten liegt, aber zur ersten VL erschienen lediglich etwa 35 Leute. Davon sieben Senioren. Zitat des Professors: „Die Uni sah es in ihrer Weisheit und unergründlichem Ratschluss als sinnvoll an, in der Woche vor Ostern mit den Vorlesungen zu beginnen. […] Aber nun, so sei es.“

Der trockene Humor und die Thematik – außereuropäisches politisches Denken – werden das ganz spannend machen, auch wenn ich der Politiwkissenschaft ja eher skeptisch gegenüberstehe. (Ich habe 2007/08 zwei Semester studiert und dann zu Buchwissenschaft gewechselt – beste Entscheidung.) Die Vorlesung wird es auch aus der Retorte geben. Notiz an mich: Nächstes Mal die Brille mitnehmen.

Do: Kolloquium zur Ideengeschichte (14t) bzw. Lektürekreis GT (14t) im Wechsel

Kürzel: Kolloquium bzw. LK

Diese Woche gab es das erste Kolloquium zur Politik-VL. Wir lasen Konfuzius:

[G]edeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. (Konfuzius, Lun Yü, XIII, 3)

Dafür also brauchen wir Kunst.

Prüfungsleistung hier wird übrigens ein Essay von 8-10 Seiten, auf einem Thema der VL oder des Kolloquiums basierend. Vielleicht mache ich etwas zu Parallelen von griechischem und chinesischem (asiatischem?) Denken in der Antike, Konfuzius neben Aristoteles stellen oder so etwas.

Lektüren

Im letzten Semester gab es hier im Blog irgendwann einen Übergang von „Lektüren für die kommende Woche“ zu „Lektüren, die diese Woche besprochen wurden“. Wo genau, kann ich gar nicht mehr sagen. Nachdem es für diese Woche eigentlich nichts zu lesen gab, böte es sich an, zu beschreiben, was für die kommende Woche ansteht; aber da ich diesen Artikel veröffentlichen will, bevor ich die Zeit hatte, alles zu lesen, was ansteht, muss ich vermutlich ein wenig mischen …

  • Annie Erneaux: Dass ich „Die Jahre“ von Erneaux für den Lektürekreis schon gelesen habe, schrieb ich bereits. Die Lektüre wäre aber ja eh erst für die zweite Semesterwoche fällig, und da werde ich noch dazu nicht da sein.
  • Emotionsgeschichte: Aus einer langen Lektüreliste las ich „Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen“. Guter Überblick über ein historisches Forschungsfeld (oder eine Methode …?) mit sehr vielen Anschlüssen an andere Disziplinen. Ich frage mich ja, ob Gefühle (z.B. Scham, Angst, Wut, Freude) einfach schwer umgehbare Kommunikationsangebote darstellen – und die psychischen und körperlichen „Begleiterscheinungen“, also etwa die Selbstbeobachtung als „wütend“, dafür eher sekundär sind. Oder anders: Ist die Kommunikation im Modus „Wut“ das Eigentliche, und daran schließt sich dann ein hoher Adrenalinspiegel (mit allen Konsequenzen) an? Und wie kann man das historisch verfolgen und ggf. widerlegen?
  • Aus einem Text zur politischen Ökonomie des Wohnens (für „Eigenes Haus“): „Aus den USA kennen wir beispielsweise die Bezeichnung »Blockbuster« für Immobilienmakler*innen, die sich die Angst weißer Hauseigentümer*innen vor einem möglichen Zuzug schwarzer Nachbar*innen und der Auswirkung dessen auf die Immobilienpreise zunutze gemacht haben: Sie überredeten diese Eigentümer*innen, ihre Häuser unter Wert abzustoßen, »so lange es noch geht«, und verkauften sie dann teurer an schwarze Kaufwillige, denen der Hauserwerb in anderen Gegenden häufig verwehrt wurde und die bereit waren, eine Aufpreis zu zahlen.“ Krass.
  • Marcus Menzl, „Eigenheim im Grünen“ (für „Eigenes Haus“): Aus einer ganzen Reihe von qualitativen Interviews über Lebensträume, Realisierungs-Wirklichkeit und Alternativen zum „Häuschen am Standtrand“ geht hervor, dass genau eine Gruppe recht zufrieden war: diejenigen, die „100% Stadt mit 100% Land“ kombinieren und wochenends in einen Zweitwohnsitz am Land fliehen. Wäre nix für mich, aber z.B. mein Großvater hat das zum Ende seines Lebens hin so gehalten. (Ich erspare mir, auf die Notwendigkeit gewisser Kapitalausstattung hinzuweisen, die für diese Gestaltung notwendig ist.)
  • Für E&G habe ich mich quer durch den Reader gelesen, vor allem auf der Suche nach meinem Stundengestaltungsthema – siehe oben. (Ich spiele mit dem Gedanken, schon das Seminar in zwei Wochen zu moderieren – da hätte man den Bonus sich an keinen Vorgängys messen zu müssen und es wäre erledigt …) Im Reader ist erschreckend viel Material, bis zu 10 Texte pro Sitzung (von denen aber je nur 1-3 verpflichtend sind).
    • Ein Beispiel: „Das wissenschaftliche Wissen um die natürliche Zweigeschlechtlichkeit gewinnt – ebenso wie das Alltagswissen um die natürliche Geschlechterdifferenz – im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend deutliche Konturen und wird im 20. Jahrhundert in Teildisziplinen der Biologie und Medizin weiter ausgebaut.“ (Wetterer, „Konstruktion von Geschlecht: Reproduktionsweisen der Zweigeschlechtlichkeit“, 2008. Grundlagentext über die soziale Konstruktion und nachträgliche Biologisierung der Geschlechtsdifferenzen)
    • Und ein anderes Beispiel: „One of the earliest findings of comparative research on wealth is that inequality in net worth is surprisingly high in contexts that are typically considered more egalitarian based on their level of income inequality. For instance, […] egalitarian Sweden had a remarkably high level of wealth inequality[.]“ (Pfeffer/Waitkus, „The Wealth Inequality of Nations“, 2021; H.v.m.)
    • Und noch eines: „countries with higher homeownership rates are, on average, marked by lower levels of wealth inequality and concentration“ (ebd.)

Private Lektüre ist übrigens gerade Daniel Harms‘ und John Gonce‘  „The Necronomicon Files“. Ein recht einzigartiger Mix aus Lovecraft scholarship und Magick-Geschichte. (Mit dem -k nach Magic deute ich an, dass die Autoren „das ernst nehmen“, also offenbar auf die eine oder andere Weise von der Existenz von Magie ausgehen. Den historischen Passagen tut das aber keinen Abbruch.)

Transit

Zurück nach Thüringen! Erstes Erlebnis: Ich steige in den falschen ICE. Es gab mehrere Gleiswechsel am Bahnhof Nürnberg, irgendwelche Verspätungen wegen eines Notarzteinsatzes (falls die Begründungen nicht einfach zufallsgeneriert sind) und schließlich hielt zur geplanten Abfahrtszeit ein ICE nach Erfurt auf meinem Abfahrtsgleis. Erst nach ca. 20 Minuten fiel mir auf, dass Erlangen und Bamberg auf der Zielanzeige standen – meiner hätte ein Direkt-Sprinter sein sollen. Naja. Den Anschluss in Erfurt erwischte ich dennoch. Leider gab es keine Fahrkartenkontrolle, sonst hätte ich ein bisschen Terz machen können.

Nebenbemerkung: Ich finde die „ggf. reserviert“-Beschilderung an Sitzen ausgesprochen nervig. Ein halber Waggon ist leer, aber „ggf. reserviert“. Wo auch immer man sich hinsetzt, man wird garantiert nochmal weggescheucht. Was könnte man individuell tun?

a) Reservieren, was keinen Sinn ergibt, das kostet viel Geld und es sind ja genug Plätze frei.
b) Nicht hinsetzen, was auch doof ist, weil man im Weg rumsteht.
c) Einfach nicht zu Stoßzeiten fahren.

Letzteres ist sowieso eine gute Lehre, denn Sonntagsfahren macht einfach weniger Spaß. Hoffentlich ist Karfreitagmittag angenehmer.


Beitragsbild: Rosen im Ballon für die Damen, feministische Kunstinstallation im Rewe-Markt Gebersdorfer Str., Nürnberg.

4 Gedanken zu „SS23/W01: (Wohn)eigentum, Gefühle und eine emotionale Hausaufgabe“

  1. Emotionshistorisch relevantes Dokument: Würde da evtl einer der Hysterie-Texte vom 19. Jahrhundert darunter fallen – auch im Bezug darauf, wie sich der Zugang zu Frauen und ihren Gefühlen und Empfindungen mittlerweile geändert hat? Oder bin ich da falsch unterwegs?

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    • Das ist auf jeden Fall emotionssoziologisch und emotionshistorisch relevant, also bist du nicht schief gewickelt. Das fällt vor allem ja auch in eine Zeit, in der Gefühle irgendwie neu „entdeckt“ werden (und sich generell dichotomisiert, dass wir Frauen als gefühliger, Männer als rationaler definieren und so). Gute Idee! Ich hätte am liebsten aber was mit nem persönlichen Bezug … ich muss daheim mal in den vielen, vielen Schränken kramen (und wir sollten beim Osterbrunch drüber reden :D)

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