Kurzrezension Luc Ciompi/Elke Endert: „Gefühle machen Geschichte“

Luc Ciompi, Elke Endert: „Gefühle machen Geschichte. Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama“, 272 Seiten, ISBN: 978-3-525-40436-2, Vandenhoeck & Ruprecht, 2011

tl;dr: Wie funktionieren Gefühle in Gesellschaft, Geschichte und Kommunikation? Diese Frage lässt sich m.E. nicht hinreichend klären, wenn man aus Evolutionsbiologie, Psychologie und Neurologie ein Modell zusammenwirft, das Gefühle als Energien und Motoren der Geschichte versteht. Genau das versucht der Band „Gefühle machen Geschichte“ leider. Eine Kritik und ein erster Gegenentwurf.

Der Titel sollte einen ja schon ein Stück weit warnen: Er klingt nach monokausaler Rückführung von Geschichte auf Gefühle, und leider liefert „Gefühle machen Geschichte“ auch genau das. Ich versuche mal, das vom Kopf auf die Füße zu hieven.

Den Anfang des Buches macht ein Rückgriff auf neurophysiologische, psychologische, psychiatrische, psychoanalytische, evolutionsbiologische Deutungen, die in Ciompis Konzept der „Affektlogik“ zusammengefasst sind. Das ist an sich vor allem die Erkenntnis, dass Denken und Fühlen nicht zu trennen sind — und insofern absolut zustimmungsfähig: Wer könnte einen völlig emotionsfreien Gedanken benennen, und wieso sollte man den überhaupt denken?

Das Fass läuft über …

Letztlich wird daraus aber ein Biologismus/Physikalismus, und alles „Soziale“ wird sehr monokausal darauf zurückgeführt. Gefühle wirken als die Motoren der Geschichte, und schlimmer noch, sie tun das in einer Art Hydraulik: Sie stauen sich auf und brechen dann aus, das „Fass läuft über“, und dann ereignen sich die großen Konflikte der Geschichte. Was dann passiert, ist abhängig von der vorherrschenden „Leitemotion“ (S. 224), ohne, dass Ciompi uns einen Hinweis gibt, wie sich diese bestimmt. Und ebd. (S. 225) erklärt er uns auch, dass diese Emotionen nach dem „Luft verschaffen“ spontan wieder abklingen können; ebenfalls ohne Mechanismus. Derartige Komplexitätsreduktionen sind eigentlich schon lange nicht mehr en vogue, jedenfalls nicht in den emotionshistorischen und -soziologischen Texten, die ich zuletzt las.

Zumal sich nun immer fragen lässt: Woher kommen die Gefühle denn? Die einfache, biologistische Antwort Ciompis (ich weiß nicht, wie viel Anteil die Soziologin und Co-Autorin Endert hier hatte): Naja, aus dem evolutionären Verhaltens- oder „Energieverbrauchs-Muster“, das in unseren Genen, Hormonen, Neurotransmittern angelegt ist; und das alles dient dem individuellen Überleben oder dem kollektiven (dann im Buch auch als „Schwarmintelligenz“ bezeichnet, ohne Rekurs auf die Dummheit, die Kollektive zeigen). Religionen werden so zu nützlichen „Welterklärungs“-Modellen in Konkurrenz zu Wissenschaft und Philosophie. Der Rest ist Lernen: Positive Gefühle werden wiederholt und graben sich ein. (Woher dann die stabilen negativen Emotionen in vielen Bereichen?) Man fühlt sich an Simplifikationen der Soziobiologie erinnert.

Diese Gefühle, die dabei entstehen und dann wirken, sind laut Ciompi universell (S. 18f). Auch das möchte ich zumindest hinterfragen, ich hatte ja schon mal auf einen Deutschlandfunk-Artikel hingewiesen, der die Existenz kulturunabhängiger Basisemotionen in Zweifel zieht. (Ja, dafür brauche ich noch eine bessere Quelle.) Kurzum: Ich kann mich Pascal Eitlers eher verhaltener Buchbesprechung von 2011 nur anschließen, sehe aber (noch) ein anderes Problem.

Das Hauptproblem: Gefühle werden als individuell betrachtet und dann kollektiviert

Ciompi definiert Gefühle vom Individuum (oder meinetwegen Subjekt) aus und versucht dann, alles darauf zurückzuführen. Das überdeckt die sinnvollen Ansätze des Buches. Zwar schreibt er (S. 211), dass „kollektives“ Fühlen und Denken die „ursprünglichste Weise des menschlichen Funktionierens“ darstelle, aber sieht das vor allem in „regressiver“ Massenpsychologie wirksam. Und da scheint mir das Problem zu liegen: Gerade in Bezug auf Geschichte und Gesellschaft sollten wir Gefühle nicht als primär individuell lesen, „Gemeinschaftsgefühle“ dann nicht als „kollektive individuelle“ Gefühle. Sondern wir sollten von Gefühlen als kommunikativer Tatsache ausgehen — und dann bei Bedarf beschreiben, in welchem Verhältnis sie zu psychischen Systemen stehen. Etwas vereinfacht und zugespitzt: „Emotional communities“ sind vorgängig; einzelne Akteurinnen und Akteure entstammen diesen emotionalen Milieus.

Systemtheoretisch?

Die soziologischen systemtheoretischen Bezüge im Buch sind leider sehr verkürzt. Luhmanns eigenes Emotionskonzept — auf das ich an anderer Stelle sicherlich nochmal eingehen werde — kommt quasi nicht zur Sprache; Ciompi bedient sich lediglich bei den Aspekten („Autopoiesis“), die ihm in die Argumentation passen. Er spricht auch von „Systemelementen“, S. 37, ohne klarzustellen, worin diese bestehen sollen — Organe? Neuronen? Gedanken? Gefühle? Kommunikationen?

Ciompi verweist auf Fritz Simons Arbeit (2004) über Gefühle als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, das scheint aber in der weiteren Analyse keine Rolle zu spielen. Wichtiger ist Ciompi, eine „sprunghafte Veränderungen“ einbeziehende Weiterentwicklung der System- zur Chaostheorie zu diagnostizieren, wofür ich jedenfalls in der Soziologie keine Anhaltspunkte sehe. Der Zweck? Systemerhaltung — etwas, wovon Luhmann klar Abstand genommen hätte; Systeme mögen Funktionen und Leistungen erbringen, aber ihr „Selbsterhalt“ ist keine solche Funktion. Etwas funktioniert eben, oder es funktioniert nicht; das, was funktioniert, kann man dann danach befragen, wie es funktioniert. Fertig.

Medium?

Ganz kurz, damit sich die Lektüre gelohnt hat: Warum reite ich so auf den sozialen Gefühlen herum? Weil sich dann eher fassen lässt, was in der Realität passiert. Gefühle funktionieren, zumal im Raum der Geschichte, vorgängig sozial; wir wissen durch Kommunikation, welche Gefühle an einem Objekt hängen (Angst an einer „gefährlichen“ Umgebung etwa, vgl. S. 26) und können das dann nachempfinden oder auch nicht; wir wissen durch Kommunikation, wovor wir habituell Abscheu empfinden, was der Anstand gebietet (S. 27) etc.

Ich glaube aber nicht, dass sie sinnvoll als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium („Erfolgsmedium“) im Luhmann’schen Sinne beobachtet werden können; dazu sind diese Medien (Geld, Macht, Liebe) zu (system-)spezifisch (Wirtschafts-, Politik-, Intimsystem), zu berechenbar und zu ausdifferenziert. Das sind Gefühle ja gerade nicht.

Stark, aber unzuverlässig, diese Gefühle

Gefühle sind

  • stark, aber
  • unzuverlässig (Ukraine-Kriegsbegeisterung!),
  • unspezifisch und wechselhaft,
  • schwer einzuordnen und zu prognostizieren,
  • schwer und unsicher zu evozieren,
  • und auch schwer über einen langen Zeitraum aufrechtzuerhalten.

Also das Gegenteil eines kausal abschätzbaren Mechanismus; aber auch diametral zu den hochgradig spezialisierten Erfolgsmedien. Das liegt vielleicht weniger an der „Chaostheorie“, die Ciompi immer wieder beschwört und irgendwie mit der Systemtheorie vereinbaren will, sondern an ihrem sozialen, kommunikativen und damit notwendig kontingenten Charakter.

Was Ciompi mit seinem Ansatz aus dem Blick verliert: Es ist gar nicht so wichtig, ob „Massen-Emotionen“ individuell wirklich gefühlt werden. Das mag sein, aber oft auch nicht (wie viele stalinistische Funktionäre hatten echte Gefühle für Väterchen Stalin?), und es ist für einen sozialen, kommunikativen Zusammenhang auch zweitrangig. Im sozialen System sind die Gefühle wirksam; das Individuum tut dann gut daran, deren Mitempfinden zumindest darzustellen (woher vielleicht ein Teil unseres Authentizitätszwangs rührt, zusammen mit romantischen Wurzeln).

Ciompi zeigt sich (S. 37) frappiert von der Tatsache, dass die Deutschen erst glühende Nazis und dann glühende Demokraten waren; das kann aber nur frappieren, wenn man die Gefühle für individuell und dann kollektiviert hält, statt sie als vorgängig sozial zu begreifen. Dann muss man keine chaostheoretischen Umschlagpunkte bemühen, um zu sehen, was hier passiert: Das soziale System ändert sich. Und die Gefühle gehen mit.

Symbiosis? Sprache?

Die körperliche Rückbindung der Gefühle scheint mir nahezulegen, dass es sich hier um einen symbiotischen Mechanismus handelt — analog zu den Bedürfnissen, die das Geld „decken“, der Gewalt, die die Macht deckt und der Sexualität, die die Liebe deckt. (Pun intended.) Besieht man sich die Wirkweise dieser Mechanismen näher, wird man auch nicht umhinkommen, sie mit Emotionen (sagen wir: Hunger oder Gier, Angst oder Wut, Lust oder Eifersucht) zu koppeln.

Die geringe Spezifizität wiederum lässt mich daran zweifeln, dass Gefühle direkt an einem der ausdifferenzierten Medien hängen. Ich vermute eher, dass sie direkt an der Sprache als dem grundlegenden Medium der Kommunikation hängen. Dafür spricht die starke Kopplung mit psychischen Systemen: Sprache sowohl im Denken wie in der Kommunikation ist emotional „begleitet“, körperlich rückgebunden. Diese starke Verbindung — die „Affektlogik“ des einzelnen und sein Bezug zu „Kollektivgefühlen“ — verführt Ciompi ja auch zu einigen seiner verstiegeneren Thesen. Recht hat er natürlich damit, dass vor allem das gedacht und gefühlt werden kann, was „zur Sprache“ gebracht werden kann (z.B. S. 206); er sieht das aber vorrangig als die Sprache des Denkens, und nicht der Kommunikation.

Außerdem können wir vielleicht eine Strukturähnlichkeit von Sprache und Gefühlen ausmachen: Nach Luhmann ist die Sprache vor allem darin einzigartig, dass sie erlaubt, alles Gesagte auch zu negieren; sie kodiert in Ja/Nein (was die ausdifferenzierten Erfolgsmedien dann noch einmal steigern). Gefühle sind da ambivalenter, aber die meisten Emotionstheorien teilen sie auch auf einem Positiv-Negativ-Spektrum ein. Im Medium der Sprache lassen sich Formen (Sätze, Ausdrücke, …) bilden; im Medium der Macht bestimmte Regierungsweisen; in der Macht-Symbiosis Gewalt bestimmte exekutive (oder auch illegale) Strategien; in der Sprach-Symbiosis Gefühle sehr spezifische, aber wandelbare und umweltabhängige Gefühlsmuster (auf Macht folgt Protest folgt Staatsgewalt folgt Angst folgt Wut; auf Zuneigung und Begehren folgt Eifersucht und Wut o.ä.).

Praxis?

Man kann meiner Fassung der Gefühle als „Symbiosis der Sprache“ mangelnden Praxisbezug vorwerfen. Im ersten Schritt würde ich darin aber tatsächlich einen Vorteil sehen, weil vor mechanischen, aber schwammig-diffusen Interventionshoffnungen gewarnt werden kann.

Ciompis und Enderts Buch ist vom Verlag V&R als „Ratgeber Lebenshilfe“ einsortiert, was dem Titel auch nicht ganz gerecht wird. Es wird nicht klar, was das individuelle „Leben“ von der Lektüre haben könnte. Ein gewisser Ratgebercharakter und damit Praxisbezug ist aber gegeben. Der Israel-Konflikt mit den Nachbarn etwa wird letztlich auf den „affektlogisch[n] Ausweg“ (S. 99) zugespitzt, dass „konsequente Spannungsreduktion und das Eingreifen eines mächtigen Dritten“ den Konflikt entschärfen oder lösen können. 2011 schrieb er deshalb hoffnungsvoll der amerikanischen Israel-Politik eine „Konvergenz“ mit einer „affektzentrierten Sichtweise“ zu (S. 143) — und damit höhere Erfolgschancen.

Das kann man nicht zum Vorwurf machen, Geschichte bleibt unprognostizierbar, aber es hinterlässt einen faden Geschmack. Wieso sollte man sich auf eine so eingeschränkte Sichtweise von Affektlogiken einlassen, wenn sie offenbar nicht einmal die Funktionalität einer praktisch-technischen Lösung verheißt? Etwas peinlich wird das auch dann, wenn er „extreme[s] Leiden“ auf S. 250 als Ursache der „nötige[n] emotionale[n] Energie“ für eine radikale Umkehr proklamiert.

Was behalten, was verwerfen?

Was man behalten sollte:

  • Fühlen und Denken sind nicht zu trennen (S. 14f).
  • Was „bewusst“ ist, ist vor allem das, was „zur Sprache gebracht“ werden kann (S. 22,, S. 206).
  • Der Mensch ist vermutlich das emotionalste Wesen — was nur Sinn ergibt, wenn spezifisch Menschliches Gefühle formt und aktualisiert (S. 40).

Was man verwerfen sollte:

  • Den Biologismus,
  • die monokausale Erklärung der Geschichte aus der „Affektlogik“,
  • das hydraulische Modell sich aufbauender und dann ausbrechender Gefühle, generell die „Energieverbrauchsmuster“-Idee,
  • den utopischen Ausblick und den behaupteten Praxisbezug,
  • die Gleichsetzung von „Gefühl“ und authentischer „Empfindung“.

Ich weiß noch nicht, ob ich das Buch bzw. dessen Kritik als Aufhänger einer eventuellen Masterarbeit nehmen möchte. Aber das oben sind quasi meine ausformulierten Zettelkasten-Überlegungen. Außerdem möchte ich Vince eine umfangreiche Einschätzung des Buches für seine Dissertation liefern, weil ich ihn mag.

Beitragsbild: Etwas Abstraktes.

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