Ankunft in Jena: Die ersten Tage

Die Zugfahrt mit dem ICE war angenehmer als mit dem RE im Juni und September: wenig los, WLAN, weitgehend „funktionierendes“ Ruheabteil. Und nur 1:20 bis Erfurt. Dafür muss man dann einen Umstieg in Kauf nehmen, da Jena leider nicht mehr auf einer der vielbefahrenen Strecken liegt. Nachdem das aber sogar noch Geld spart (wie berichtet), lohnt es sich.

Erstes Opfer des Umzugs: der treue, alte Riesenkoffer, der nun ein Mal zu oft ein bisschen zu schwer beladen wurde. Eine der vier Rollen gab den Geist auf. Der muss also mal zur Reparatur. (Die Beladung inkludierte aber neben einigem an Wäsche auch einen 23″-Bildschirm, ein Filterkaffee-Set inkl. historischer elektrischer Häcksel-Kaffee“mühle“, Bücher, Wanderklamotten …)

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Erkundungen

Jena ist nicht sooooo groß, aber es gibt einiges zu entdecken. Sabine und ich haben diverse Streifzüge gemacht, aber zuerst musste natürlich die Thoska aufgeladen werden. Das geht in vielen Einrichtungen der Uni am entsprechenden „Aufwerter“:

Thoska-Aufwerter
Thoska-Aufwerter

Danach ab in die Mensa-Cafeteria „Zur Rosen“ direkt am Phallus Jenensis: Sie wirkt von außen eher wie eine gutbürgerliche Gaststätte, im Innern dominiert dann studentisches Leben. Im Gewölbekeller waren wir noch nicht, aber der Rest gefiel:

Mensa „Zur Rosen“, Hinterhof. (c) Sabine Landes

Außerdem: Ordentlicher Kaffee in Kahla-Porzellan für 1,30. Was will man mehr.

Kunstverein

Danach stand ein Besuch im Jenaer Kunstverein an:

Eine hübsche, kleine und dank der freundlichen Aufsicht auch interaktive Ausstellung. Das Ambiente im historischen Haus am Markt kontrastriert hervorragend zeitgenössische Arbeiten. (Im Bild: Beton-Platten mit eingelassenen Fotos von Timo Hoheisel vor der historischen Substanz des Gebäudes.) Jena hat leider kein Kunstmuseum, aber dafür soll es im benachbarten Apolda einiges geben. Ich werde berichten.

Die Uni-Bib machte dann bei Nacht einen guten Eindruck:

Konsum!

Und schließlich etwas, was vor allem für uns Baiern immer eine Erwähnung wert ist: Hier kann man bis 22 Uhr bei Kaufland einkaufen!

Dabei fiel uns auf, dass hier statt Coca-Cola überall Vita Cola zu haben ist. Und tatsächlich:

Damit ist Thüringen eine von nur wenigen Regionen weltweit, in denen Coca-Cola nicht Marktführer bei Cola-Getränken ist. (Wikipedia)

Naumburg …

Ich war vor etwa 18 Jahren schon mal in Naumburg, um mir das Nietzsche-Haus anzugucken. Allerdings habe ich in der Stadt absolut gar nichts mehr wiedererkannt. Der erste Eindruck wurde geprägt von einem latent verwirrten jungen Mann, der irgendetwas Unverständliches vor einem Biomarkt deklamierte. Er verfolgte uns dann, sein Fahrrad schiebend, wobei er mehrfach warnend darauf hin wies, dass er es sei, der „die Grenze der Straße“ kenne. Naja. Vermutlich eine Spätwirkung der Nietzsche’schen Wahnzettel.

Der zweite Eindruck rund um den Dom: Das hier ist das Rothenburg o.d. Tauber Thüringens. Alles ist auf schnell durchzuschleusende Touristengruppen optimiert, es gibt endlose Souvenirangebote und nirgends einen normalen Bäcker, der Samstagmittag auch geöffnet hat. Außerdem ist der ganze Ort irgendwie nicht korrekt auf Maps eingepflegt. [N.B. hier in der Region: a) kauf etwas bei der ersten sich bietenden Gelegenheit; b) verlass dich nicht auf Maps; c) Fahrkartenkauf im Zug ist Glückssache, sowohl am Handy als auch am Automaten.]

Dom

Im Gegensatz zu Rothenburg hat Naumburg aber tatsächlich etwas von Weltrang zu bieten (sorry, Rothenburg): Der Dom ist faszinierend und lohnt sowohl den Besuch als auch den Einsatz des Audioguides. (Ich bin da normalerweise kein großer Fan.) Die Baugeschichte, die in der Romanik begann und in der Frühgotik zumindest im Hauptschiff abgeschlossen wurde, lässt die Entwicklung der Technik ablesen. Von Rundbögen und Kreuzrippen im zuerst erbauten Osten bis zu beeindruckender Gotik im Westen. (Ich erspare den Lesenden jetzt eine detaillierte Ausführung der Parallele zum unten genannten Phyletischen Museum, dass man nämlich an der Entwicklung eines Exemplars hier die Geschichte der ganzen „Gattung“ Basilika nachvollziehen kann.)

Den Naumburger Dom auf Ekkehard und Uta zu reduzieren, greift auch viel zu kurz. Vom Garten über den Domschatz bis hin zu den (furchtbaren) Neo-Rauch-Fenstern gibt es vieles zu entdecken. Dringende Empfehlung, wenn man in der Region ist.

Ein abschließender Gedanke: Ich bin mit der geschichtlichen Bedeutung der Dombauhütten nicht sonderlich vertraut, und so dürfte es den meisten Nicht-Historikerinnen gehen, aber sie werden an historischen Stätten immer wieder erwähnt und müssen recht wichtig und mächtig gewesen sein. Ich frage mich, ob in 600 Jahren auf derartigen Tafeln etwas Nebulöses von „Industrie- und Handelskammern“ zu lesen sein wird, womit dann auch niemand mehr etwas anfangen kann …

Nietzschehaus

Mehr oder weniger zufällig waren wir am Nietzsche-Geburtstag im Nietzsche-Haus. Und passend dazu gab es ein kleines Hoffest mit Getränken gegen Spende und einer mir nicht ganz durchsichtigen Kunstaktion von Paul Renner, der mit Schülerinnen und wohl einem Schüler des Domgymnasiums Eintopf kochte. Dazu wurden Holzschnitte, deren Druckstöcke und Gemälde ausgestellt.

Insgesamt ist das Museum einen Besuch wert, aber man sollte schon ein bisschen Vorbildung mitbringen, wer dieser Nietzsche war. Im Untergeschoss kann man sich eine ausführliche Biographie mit Fotografien und ein paar Dokumenten ansehen, im Obergeschoss gibt es dann lose thematisch geordnete Räume. Was allerdings komplett fehlt ist eine Einführungstafel oder ein Überblick, was Nietzsche so gedacht hat, wieso das wichtig war und worauf es sich auswirkte. (Ich gebe zu, dass das auch nicht so ganz einfach ist.) Auch die Beziehung zu den Wagners und das posthume Wirken der Schwester werden zwar erwähnt, aber teilweise lernt man da in Bayreuth mehr …

… und wieder Jena

Eine neue Stadt ist immer aufregend. Und auch, wenn Jena die kleinste Stadt ist, in der ich je gelebt habe, gibt es viel zu entdecken. Apropos: Am Samstag (!) schickte mir das Bürgeramt der Stadt Jena meine Meldebestätigung per Mail. Das ging, wie erwartet, schnell und reibungslos. Guter Service!

Kulinarisches

Phyletisches Museum

Am Sonntag stolperten wir dann nochmals ungeplant in eine Veranstaltung, als wir uns das phyletische Museum ansahen. Dank „KLANG VON JENA Nº 1“ war der Eintritt kostenfrei (es gibt nämlich offenbar keinen freien Zutritt mit Thoska!), das Programm verpassten wir aber knapp.

Auch das phyletische Museum, das „Phylogenesen“, also Stammesgeschichten, darstellt, würde sehr von einer einführenden Tafel „Worum geht’s hier genau?“ profitieren. Der Schwerpunkt scheint insgesamt eher auf der konservatorischen und dokumentarischen Funktion von Museen zu liegen, weniger auf der vermittelnden, also ist das vermutlich ganz okay. Die Exponate sind aber teils faszinierend, teil erschreckend. Ich bin jedenfalls irgendwie froh, dass die 1,80 großen Seeskorpione ausgestorben sind.

Uni-Kram

Ach ja, eigentlich bin ich hier ja zum Studieren! Nebenher habe ich schon ein paar erste Blicke ins Moodle der Uni geworfen. Für einige meiner sechs anstehenden Veranstaltungen sind dort sogar schon Reader eingestellt. U.a. gibt es einen Text über den Okkultismus bei Mme. Blavatsky und ein paar Sachen von Derrida und Benjamin. Die Lektüre kann also beginnen!

Ein Wort zu Moodle: Das scheint mir eine deutliche Verbesserung gegenüber den physischen Readern, die wir vor 15-10 Jahren immer im Copyshop neben der Uni erwerben mussten. Erstens spart man Geld, das man in günstigen Mensa-Kaffee investieren kann, und zweitens hat man keine Papierberge.

Bald geht’s los!

Mittwoch geht es dann mit den ersten Veranstaltungen los, und zwar mit einer ganzen Menge auf einmal: Ethik-VL, Gesellschaftstheorie-VL, ein Seminar zu Geschlecht und Religion sowie eine einmalige Einführungsveranstaltung meines Fachbereichs. (Dauerhaft wäre mir das glaube ich zu viel.)

Und derart viele  Veranstaltungen an einem Tag bringen naturgemäß logistische Schwierigkeiten mit sich: Das vorletzte Seminar ist nämlich remote, aber wenn ich dafür zurück in mein Zimmer fahre, schaffe ich es nicht zur finalen Veranstaltung des Tages. Also habe ich mir ein(en?) „Carrell“ in der Unibib reserviert. Dafür muss es dann natürlich noch mit LAN oder WLAN klappen, was ohnehin gut wäre – offenbar muss man für das WLAN der Uni Jena allerdings irgendwelche Client-Software installieren …

Luxusprobleme

Außerdem weiß ich noch nicht so richtig, wann ich an diesem Tag etwas essen soll. Generell bin ich ein gewaltiger Gewohnheitsmensch (Mittagessen im Büro? Fritten oder Müsli, period*). Vermutlich ist es nicht verkehrt, dass mich die neue Umgebung auch vor ein paar Alltagsherausforderungen stellt. Ich bin halt jetzt wieder Student.


* Stimmt so nicht mehr ganz, weil es in der Nähe meines Arbeitgebers inzwischen eine nette Kantine gibt, die ich ab und an aufsuche, aber you get the picture.

2 Gedanken zu „Ankunft in Jena: Die ersten Tage“

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