Woche 12: Erstes Schwänzen, Rundfunkbeitrag und LaTeX

Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.
Schopenhauer

Minor nuisance auf der Fahrt nach Erfurt: keine Reservierungsanzeige. Nicht schlimm, ich musste nur einen Sitz zur Seite rutschen, aber es regte folgenden Gedanken an: Würde ich durchschnittlich 9 Euro pro Woche für Reservierungen ausgeben, wären das bei ca. 50 Semesterwochen auch immerhin 450 Euro — da ich bis auf eine Fahrt vor Weihnachten (siehe hier) noch immer einen Platz bekommen habe, kann man sich das Geld wirklich sparen.

Rundfunkbeitrag

Ich kann leider nicht mehr behaupten, dass ich keinen Fernseher habe, denn ich habe 2020 einen von meiner Oma geerbt. Der ist allerdings nicht ans Kabel-Signal angeschlossen, sondern dient als externer Bildschirm für Präsentationen und manchmal auch Youtube, Streamingdienste und Fernsehproduktionen – vor allem aus der arte-Mediathek. Ich kann also auch nicht behaupten, ich „sähe nie fern“. Und dafür bezahle ich an sich auch gerne. Den Rundfunkbeitrag sehe ich also nicht an sich kritisch, sondern höchstens die Aufteilung (Sportrechte?) und z.B. die Beteiligung kirchlicher Institutionen an den Rundfunkräten.

Service …?

Was ich aber sehr kritisch sehe ist das Bürokratiemonster, der „Beitrags-SERVICE“, dahinter. Ich wurde an meinem neuen Nebenwohnsitz angeschrieben, dass ich hier nicht rundfunkangemeldet sei. Nach kurzer Rücksprache mit meiner Vermieterin wird die Sache kompliziert: Denn eigentlich will sie für das ganze Haus den Beitrag bezahlen, sodass man, angeschrieben, nur noch die allgemeine Beitragsnummer des Hauses angeben muss – und fertig. Das klappt aber seit Jahren nicht, vielleicht, weil sie melderechtlich nicht hier gemeldet ist.

Nun kann man im Online-Dienst des Beitrags-„Service“ leider so einen Fall nicht angeben: Die Formulare decken nur die Standardfälle ab, alles andere ist dann eine „allgemeine Kontaktaufnahme“, die vermutlich niemand liest. Wenn man denen also (selbstredend unter Angabe des Aktenzeichens) schreibt, wie sich die Sache verhält, bekommt man keine Antwort, sondern einfach den nächsten Brief mit der Drohung, dass man nun angemeldet werde. Schreckt mich nicht; im Zweifel befreie ich mich eben einfach unter Verweis auf die Hauptwohnung. Aber dass es unmöglich ist, mit denen zu korrespondieren, ist ein absolutes Unding und stellt das ganze System in Frage. So. Rant over.

Was nun?

Konstruktive Lösungsideen: Mehr Personal bei denen, sodass sie Anfragen auch beantworten können. (Schafft Arbeitsplätze!) Oder: Rundfunkfinanzierung qua Steuern. Es soll und muss ja eh ein jedes zahlen, warum macht man das dann nicht gleich über das allgemeine Umverteilungssystem Steuer? (Na klar, weil das im Gegenteil Arbeitsplätze und damit eine Behördenmacht einschränken würde.)

Uni

Meine beiden Körpersoziologie-Essays sind fertig (müssen aber noch korrigiert werden). Man soll nicht glauben, wie viel Arbeit da noch drin steckt, wenn man 10-15 Zettel glätten und in einen ansprechenden Text gießen will …

Veranstaltungen

  • Kant: Ich habe die Ethik-Vorlesung geschwänzt. Warum? Weil es um den dunklen und schwierigen dritten Abschnitt der GMS ging (siehe letzte Woche) und ich stattdessen lieber an einem Essay weiterbastelte. Das erfolgte auf jeden Fall, würde ich in der Selbstbetrachtung sagen, aus Neigung; aber erfolgte es auch pflichtwidrig? (Vermutlich ja, denn es ist ja immer schwierig, mit Kant Ausnahmen zu rechtfertigen, und man kann schwerlich die Maxime als allgemeines Gesetz wollen: „Wenn es mir angenehmer ist, verzichte ich auf den Besuch von Lehrveranstaltungen.“ Auch, wenn ich niemandem zum Vorwurf machen würde, nach dieser Maxime zu handeln …)
  • Tutorium GT: Sozialpsychologie. Mir schien die entsprechende Vorlesung inzwischen Ewigkeiten zurückzuliegen. In der zweiten Hälfte des Tutoriums wurde daraus dann eine Diskussion um Willensfreiheit (again). Ist ein Willens-Determinismus eine proto-faschistische Ideologie?
  • Körper: Eine sehr angeregte Debatte über den u.g. Redecker-Text. Wir kamen nicht zu einem abschließenden Urteil, ob die Erklärung von Herrschaftsstrukturen durch Eigentumsanalysen fruchtbar oder verdeckend ist, aber das war eine der besten Seminardiskussionen bislang.
  • Tutorium Ethik: Ach du gute Güte. Auch hier ging es, aber in angenehm kleiner Runde, um Freiheit bei Kant – und damit auch wieder kurz um Willensfreiheit. Aber auch um die Frage eines stabilen, mit sich identischen Subjekts …

Mich hat sehr überrascht, dass die Willensfreiheits-Debatte noch immer so hohe Wellen schlägt, so emotional diskutiert wird und als so aktuell gilt. Ich erinnere mich daran, dass das um das Jahr 2003–2005 herum eine meiner ersten Berührungen mit der Philosophie war und hielt das für ein eher angestaubtes, unentscheidbares und verwirrendes Problem. Aber es ist spannend, wie schnell Diskutierende zu dem empörenden, m.E. aber grundfalschen und ver(w)irrten Schluss kommen: Wenn es keine Willensfreiheit gibt, dann können wir niemanden moralisch oder rechtlich Verantwortung zuschreiben! Vielleicht sollte ich zu dieser Debatte mal einen Essay schreiben.

Lektüren

Für die Uni musste ich nur einen einzigen Text lesen, nämlich jenen von Eva von Redecker. Der Rest ist mein Versuch, dieses magere Pensum aufzufüllen.

  • Eva von Redecker: Ein Kapitel aus „Revolution für das Leben“ über die Ursprünge und Wirkungen von Besitz- und Eigentumsansprüchen. Passend steht diese Lektüre auf dem Plan für eine Sitzung zur Frage, wem mein Körper eigentlich gehört. Ich denke, das Buch werde ich bei Gelegenheit ganz lesen.
  • „Was tun, Herr Luhmann?“ ist ein Interview-Sammelband mit den „vorletzten“ Luhmann-Gesprächen aus dem Kadmos-Verlag. Die Gespräche sind allerdings größtenteils nichts Neues und teils eher Parforce-Ritte durch Themen als deren gründliche Bearbeitung. Von allen Luhmann-Interviewbänden würde ich diesen als letzten empfehlen.
  • Žižek: Ich habe mich einige Seiten an „The Sublime Object of Ideology“ versucht. Allerdings fehlen mir die Hegel- und Lacan-Grundlagen. Etwas aufschlussreicher war dieses Youtube-Video – und vor allem die dort verlinkten Erklärungen zu Lacans Begriffen „Imaginary“, „Symbolic“ und „Real“. Aber Obacht, um mal wieder was Fränkisch-Bairisches zu sagen: Man wird da schnell in ein düsteres, merkwürdiges Paralleluniversum gesogen … Der Abgrund starrt zurück.
  • Grauen ohne Grenzen – Horror in Film & Literatur (eine Ausgabe der iz3w): Einige interessante Artikel über Horror in Lateinamerika, Sowjet-Russland und der Türkei. Ansonsten einige einführende Deutungen mit psychoanalytischen Bezügen. Lesens- und sechs Euro wert. Man sollte sich nur nicht darauf verlassen, dass der iz3w-Shop funktioniert – ich musste ein paar Mails schicken, ehe man mir Rechnung und PDF zukommen ließ …

Bonus: Wer tötete Walter Benjamin?

Dieser Film versucht eine ganze Reihe von Dingen:

  • den Ort Portbou im französisch-spanischen Grenzgebiet zu porträtieren, vor allem zur Zeit um 1940,
  • einige Menschen aus Portbou vorzustellen, die mit W.B.s Tod zusammenhingen (Richter, Pfarrer, Bürgermeister, …) – vor allem anhand der Rekonstruktion durch heutige Bewohnerinnen und Bewohner,
  • die letzten Tage Walter Benjamins zu rekonstruieren und
  • dabei vor allem auf die Ungereimtheiten rund um Grenzübertritt, ärztliche Versorgung, die involvierten faschistischen Behörden, Personen und Gruppen, die Beerdigung einzugehen,
  • die Rezeption und die diversen Erzählungen des Todes W.B.s zu schildern und
  • zudem eine kleine Einführung in Benjamins Denken zu geben, in die fortschrittsskeptische und herrschaftskritische Geschichtsphilosophie und den daraus resultierenden Messianismus.

Das Resultat ist ein ausgesprochen spannender Krimi, auch wenn eine Auflösung nicht mehr möglich ist. Aber auch das passt ja ganz gut zur Verunsicherung, die Benjamins Texte streuen können … Und vor allem dient der Film als Verunsicherung der auf Suizid festgelegten Gemeinde Benjamin-Forschender. (Siehe dazu diesen Artikel beim deutschlandfunk.)

Der Film ist zudem auch warenformal ein gewisses Experiment: Man kann per Kontaktformular ein Vimeo-Passwort zum Angucken anfordern, das einige Tage gültig ist, und dann im Nachhinein spenden oder rezensieren. Ich habe ein paar Euro gespendet und hiermit auch rezensiert.

LaTeX

So langsam habe ich ein Style Sheet (also eine Präambel), die meinen Ansprüchen genügt. Man muss aber schon Spaß daran haben, kleinere Probleme zu lösen: So wurden mir in der Bibliographie zunächst mehrere Autoren nach dem Schema

Schmolk, Dennis, Marianne Meier und Michael Schmidt. Ironie im modernen Zitatwesen am Beispiel von Niklas Luhmann. Bielefeld 2011.

ausgegeben. Das will ich natürlich nicht, ich will

Schmolk, Dennis, Meier, Marianne und Schmidt, Michael. …

Die Lösung liegt jedenfalls in einem „\DeclareNameAlias{sortname}{family-given}“ in der Präambel. Naja. Muss man eben wieder googlen. (Oder sollte da noch ein Strichpunkt zwischen die ersten beiden? Naja, irgendwas ist ja immer …)

Zettelkasten

Und mal wieder ein Update zum Zettelkasten: Dieser bewährt sich in der Praxis recht schön, auch im Zusammenspiel mit LaTeX.

  • Alles Gelesene wandert in Jabref.
  • In Obsidian landet dann irgendwo an einem passenden Zettel der Verweis auf die Quelle,
  • und es wird automatisch ein Lektürezettel erstellt, den ich dann mehr oder minder gewichtig ausfülle. (Für Seminarvorbereitungen kommt da eine stichpunktartige Zusammenfassung rein, bei bloßen Belegen für Arbeiten mache ich mit dem Zettel auch durchaus gar nichts.)
  • Für LaTeX habe ich das Markdown-Modul nicht zum Laufen gekriegt, daher search-and-replace ich einfach die MD-Zitationsangaben durch \footnote{Vgl. \cite{BeliebigeQuelle2023}, S. 13.} Auszeichungen trage ich händisch nach … was kein Dauerzustand ist, aber jetzt erstmal schneller ging als elaborierte Lösungen. Vielleicht kriege ich das Package ja noch dazu, zu tun, was ich tun will …

Ich muss zusehends seltener in den alten Kasten gucken und migriere fast gar nichts. Das liegt aber vor allem daran, dass ich aktuell eben an anderen und größtenteils durch die Uni fremdbestimmten Themen herumdenke als während der Erstellung des ersten Kastens. Irgendwann werde ich nicht drum herum kommen, die alten Zettel zu importieren. Mir graut vor allem vor den Quellen, denn so gut wie keine Quelle des alten Kastens ist in meiner literature.bib oder hat auch nur einen citekey …


Beitragsbild: Still vom Anfang des Youtube-Videos „Žižek and Lacanian Psychoanalysis: How to Read Lacan„. Man muss sie einfach mögen, diese Psychoanalytys.

4 Gedanken zu „Woche 12: Erstes Schwänzen, Rundfunkbeitrag und LaTeX“

  1. Das mit der GEZ ist wie mit anderen Behörden etc., sei es Finanzamt und mehr. Mike soll an einer Umfraga von infas teilnehmen und hat dazu noch Fragen. Kein Kontakt möglich.

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  2. Ich empfehle als Zitationsweise

    Dennis, Schmolk/Meier, Marianne/Schmidt, Michael:

    But well, I see – das trägt deiner eigentlichen Problemlösung natürlich auch nicht bei.

    Antworten
    • P.S.: Vor dem Umzug eines Zettelkastens würde mir auch grauen … Bestimmt starrt der (leere) Zettelkasten dann zurück.

      Meine Autokorrektur hat mir übrigens im ersten Versuch „Zeitkasten“, im zweiten „Zettelgarten“ angeboten …

      Antworten
      • Sowohl Zeitkasten als auch Zettelgarten sind ja gar keine schlechten poetischen Umschreibungen 😀

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