Woche 10: Subversive Systeme, teurere Tickets

Frohes neues Jahr allerseits!

Nun ist die Weihnachtspause also vorüber und es geht wieder nach Thüringen. Thema Zeitwahrnehmung: Die 17 Tage Heimaturlaub kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Das liegt vermutlich vor allem am vollen Programm inkl. Neuem Museum Nürnberg, Lenbachhaus, mehreren Kurztrips, viel Zeit vor Kochtöpfen und ausufernder Lektüre. Außerdem scheint der Szenenwechsel nach Nürnberg (zumindest retrospektiv) die Zeit immer stark zu strecken, ohne, dass sie lang wird. Ich vermute, das ist eine gute Erkenntnis.

Außerdem habe ich inzwischen jede innere Verbindung zu Wochentagen verloren. Dazu trägt auch bei, dass hier in Thüringen Heiligdreikönige kein Feiertag ist – während die meisten Kommunikationen, in die ich ‚remote‘ eingebunden bin, von einem langen Wochenende ausgehen.

Die Museumspädagogik des Lenbachhauses bietet ein kritisches Glossar zur Ausstellung „Gruppendynamik/Blauer Reiter“. Da kann man dann etwas zu „Eurozentrismus“ und dem „I-Wort“ nachlesen.

Uni

Eher irrelevante Beobachtung: Das merkwürdige, Client-basierte Eduroam-WLAN geht nicht nur an der eigenen Uni. So hatte ich z.B. auch in den o.g. Museen WLAN. Ich frage mich ja, ob das auch im Ausland funktioniert. Jedenfalls: so verstehe ich den Mehrwert eines Netzwerks, das einen eigenen Client erfordert, ein bisschen besser.

Lektüren

Weihnachtszeit ist Lesezeit! Da hätten wir zum einen „private“ Lektüre:

  • Eine ehemalige Nachbarin, die wir über die Feiertage besuchten, stammt aus Zeiden in Siebenbürgen. Da ich von den Siebenbürger Sachsen keinerlei Ahnung hatte, führte ich mir den Siebenbürgen-Roman „Zeiden im Januar“ von Ursula Ackrill zu Gemüte. Nun weiß ich mehr, auch wenn der Roman m.E. unnötig durch verschobene Zeitebenen verkompliziert wird.
  • Feiertagslektüre war auch der Band „Luhmann Lektüren“ von Kadmos. Der Beitrag von Peter Sloterdijk ist zwar unnötig schwer verständlich, birgt aber viele gute Gedanken zur Frage, warum man eigentlich Soziologie und insbesondere Systemtheorie betreiben sollte: als subversive, verfremdende, ironisierende, verunsichernde Folie, die einen darauf stößt, dass Realitäten auch immer Konstruktionen sind, und man zwar vielleicht nicht die Realitäten, aber deren Konstruktionen = Beschreibungen anpassen kann. Gleichzeitig ein Loblied auf Ironie und Humor.
  • Der Band „Beziehungskünstler: Wie kreative Paare die Liebe meistern“ liefert interessante biographische Fakten. Die Einordnung bleibt aber leider meist recht oberflächlich, psychologisierend und unnötig ratgeberhaft (denn man kann ja eigentlich weder aus den positiven noch aus den fürchterlichen Biographien wirklich etwas lernen).
  • Uta Störmer-Caysas „Einführung in die mittelalterliche Mystik“ gewinnt noch rasch den 2022er-Preis für das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Viel fundierter Stoff im 5-Euro-Reclam-Bändchen. Eine Zeitleiste oder Übersichtstabelle wäre sehr hilfreich gewesen, weil die Autorin ein bisschen in den Jahrhunderten herumspringt – und dass Plotin vor Ekkehart kam, ist ja vielleicht mancher oder manchem klar, aber war Bernhard von Clairvaux vor oder nach Hildegard von Bingen? (Spoiler: quasi zeitgleich.) Überraschend: Die Beginen nehmen eine emanzipative Funktion vorweg, die später auch z.B. Kongregationen erfüllen, nämlich ein weder nonnenhaftes noch auf die Ehefrau reduziertes Rollenangebot für Frauen.

Und dann mehr oder minder direkt Veranstaltungsbezogenes:

  • Geschlecht und Religion zum Thema „Muskeljuden“: Ich bin überrascht, wie viel Rassentheorie, Degenenerations- und Entartungs-Propaganda im Zionismus um die Jahrhundertwende zu finden ist, und wie sehr die utopischen Gegenentwürfe (der Muscle Jew) zu den rassischen Reinheitsidealen der Nazis zu passen scheinen. Der weibliche Körper soll auch ‚fit‘ sein, aber vor allem als Gebärmaschine für das neue Volk in einem neu zu kolonisierenden Land. Das war mir alles vollkommen unbekannt. Und interessant ist auch, dass in diesen Diskursen Religion keine große Rolle spielt – sondern die gesamte Argumentation, wie im Antisemitismus, biologistisch verläuft. (Eher noch werden hellenische als abrahamitische Bilder gebraucht.) Wer weiterlesen will: Wikipedia zum Muscular Judaism.
  • Kant-VL: Ein Text von Geert Keil über die Frage, ob das Gehirn das Bewusstsein steuert oder umgekehrt oder ganz anders (PDF bei der HU Berlin). Die Lösung u.a. des Willensfreiheits-Problems findet er in einem m.E. soziologischen Konzept, nämlich der Person und den kommunikativen Zuschreibungen an diese, ohne, dass er auf Soziologie Bezug nimmt.
  • Agnoli-Vorbereitungen: Am 12.1. moderiere ich zusammen mit einer Kommilitonin die Sitzung des Lektürekreises. Dafür stehen drei Kapitel an, das für mich zentrale handelt von Thomas Müntzer. Nachdem ich eine komplette Müntzer-Biographie gelesen habe, kann ich einige der Zuschreibungen Agnolis nicht mehr so ganz teilen. Aber mal sehen, zu welchem Schluss wir in der Vorbereitung und der Seminardiskussion kommen.

Veranstaltungen

Die Ethik-Vorlesung wurde diese Woche durch „Selbststudium“ ersetzt, vielleicht einem problematischen hypothetischen Imperativ folgend: „Wenn du nicht vor einer handvoll Leute deine Vorlesung halten willst, lasse sie in der ersten Januarwoche ausfallen.“ Eigentlich müsste ich diese VL ja gar nicht mehr so richtig besuchen, nachdem klar wurde, dass man da als GT-Studierendes sowieso keine Prüfungsleistung erbringen muss. Aber nachdem ich mit Kant angefangen habe, werde ich mit Kant nun auch fertig. Also gab es eine kurze Essay-Übung zu kategorischen und hypothetischen Imperativen. Hier das Resultat.

Das GT-Tutorium lohnte sich – eine anregende Diskussionsrunde über die Frage, wie sich die Geschichtswissenschaft (und insbesondere die Zeitgeschichte) für Gesellschaftstheorie nutzen lässt. Beste Anregung: Von einem Kommilitonen wurde der Film „THE PERVERT’S GUIDE TO IDEOLOGY“ mit Slavoj Žižek (gibt’s bei archive.org) empfohlen. Gleich am Anfang wird einer meiner Jugend-Lieblingsfilme, John Carpenters „They Live„, besprochen. Und auch ansonsten ist das ein spannender Ritt durch die Popkultur- und v.a. Filmgeschichte mit vielen ideologieanalytischen Einwürfen. Wahrscheinlich sollte man alles cum grano salis nehmen, aber unterhaltsam ist es.

In der Körpersoziologie musste ich eine stark umherschweifende Diskussion um die weiteren Inhalte und Formate des Seminars protokollieren. Zum Glück herrschte Zeitdruck, sodass ich Formfehler einfach darauf schieben kann … Es bleibt jedenfalls weiterhin spannend in diesem Seminar!

Transit

Jena und das Fahrrad

Im Akrützel geht es um den Nicht-PKW-Verkehr in Jena. Mit eher verhaltenem Ergebnis und ein paar Skandälchen:

Gegenwind zur Verkehrswende weht jedoch auch aus einer anderen unerwarteten Ecke. Der Behindertenbeirat der Stadt lehnt den Ausbau des Fahrradverkehrs ab. „Für behinderte Menschen ist vor allem der nicht motorisierte Verkehr eine Gefahr“, findet Michael Schubert von der FDP, Vorsitzender des Behindertenbeirates. […] Die Grünen erheben deshalb den Vorwurf: „Die FDP nutzt den Vorsitz in diesem Beirat dazu, die Verkehrswende hin zur autofreien Stadt zu sabotieren.“ (H. v. mir)

Amüsant, wäre es nicht so traurig.

Die Bahn

Vielleicht werden die Tickets teurer: Wo ich bislang für 14-18 Euro mit BC25 von Nürnberg nach Erfurt kam, findet sich jetzt keine Verbindung mehr unter 27, eher 30 Euro. Ich werde daher demnächst mal wieder die Regio-Verbindung ausprobieren (müssen). Ob ich für den Zeitraum Januar/Februar nur zu spät dran bin oder ob die Supersparpreise generell angehoben wurden, kann ich noch nicht sagen. Leider ist das ja reichlich intransparent.

Masken

Im Fernverkehr, wo ja noch eine bundesweite Maskenpflicht gilt, tragen immer weniger Leute eine. Immerhin gibt es hier aber sporadisch Durchsagen und (teils eher halbherzige) Kontrollen.

Aus bayerischer Sicht überraschend: In Thüringen gilt auch im ÖPNV Maskenpflicht. Finde ich beruhigend, zumal an allen Ecken und Enden reichlich gehustet wird. Und nun zur relevanten Frage: Wie sehr hängt meine Pro-Masken-Mentalität am Habitus, an meiner Verortung im sozioökonomischen Raum etc.?

PS: Das Schicksal von Frostis Nase

(Hintergrund: Beitragsbild dieses Artikels.)


Beitragsbild: Fassade des NMN. Der schwarzweiße Zyklus, der sich durch die Fronten zieht, ist Sebastian Trögers „Am Hebel der Welt„.

2 Gedanken zu „Woche 10: Subversive Systeme, teurere Tickets“

  1. So irrelevant ist das mit eduroam nicht immer gewesen: Als es noch nicht an jeder Ecke offene WLANs gab, war das echt praktisch.

    eduroam gibt’s weltweit an vielen Bildungseinrichtungen und sollte mit deinem kuerzel@einrichtung.tld funktionieren.

    Antworten
    • Gut zu wissen, diesen Benefit freien WLANs an vielen Orten hatte mir das Einrichtungs-Manual verschwiegen – nur etwas von verbesserter Verschlüsselung stand drin …

      Antworten

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