Musiksoziologie: Lektüren vor der Tagung in Weimar

Es liegt nahe, danach zu fragen, welches Potential Pop als Methode für die Soziologie bereitstellen mag. Wenn es richtig ist, dass Pop sich nicht zuletzt durch eine besondere Vorliebe für Oberflächen auszeichnet, dann würde sich damit das Programm einer oberflächlichen Soziologie ankündigen.
Beregow/Stäheli , „Soziologie“, in Handbuch Popkultur (s.u.)

Zur Vorbereitung der Konferenz „Musik in der spätmodernen Gesellschaft“ lese ich gerade recht eklektisch Ausführungen zu Musik und Soziologie und Musiksoziologie. Mir war z.B. gar nicht bekannt, dass Norbert Elias Mozart-Vorträge gehalten hatte, aus denen dann ein Buch wurde (Rezensionen aus der konkret und von Ingo Mörth).

Der Fall Mozart

Was ist hier der Fall? Ein Widerspruch von Werk und Leben, ein proto-bürgerlicher Komponist, der aber mit seinem Werk im höfischen Musikbetrieb und der adeligen Ästhetik verbleibt, der nicht individuell, genial, „persönlich“ komponiert, sondern nur virtuos. Aus einer der Rezensionen: Er und sein Librettist da Ponte waren „bürgerliche Menschen, aber aristokratische Künstler“. Mozart „wollte weder sich selbst ausdrücken noch die formalen Mittel erweitern, er wollte überleben“. Während in Literatur und Philosophie durch Bücher bereits das neue, bürgerliche Publikum erreicht werden konnte, war der Musikbetrieb (und vermutlich auch die bildende Kunst?) mit seinem Mäzenatentum dagegen noch sehr strukturabhängig vom Adel. Und daher blieb Mozart den alten Wegen und Formen verhaftet.

Was steckt dahinter? Ein mutloses Individuum, wie Elias meint? Aber ist das soziologisch befriedigend? Was können wir soziologisch überhaupt von Musikanalyse erwarten?

Grundfragen

Musiksoziologie scheint mir kein sehr kohärentes Feld — man könnte etwas polemisch formulieren, dass es sich hier eher um eine dieser Spezialsoziologien handelt, die erlauben, DFG-gefödert den eigenen Leidenschaften nachhängen zu können. Daher formuliere ich mal meine beiden Grundfragen so:

  • Was zeichnet „Musik-Kommunikation“, also die Kommunikation durch und mit und über Musik, aus? (Ist Musik Kommunikation, oder — mit Peter Fuchs — nur „Entlastungsgenuss“?)
  • Welche Funktion(en) erfüllt Musik für Gesellschaft — und wie ganz genau tut sie das?

Vielleicht spezifischer:

  • In welchem Verhältnis steht der „Gehalt“ der Musik zur „Funktion“? Kann man anhand von Kompositions-, Aufführungs-, Verbreitungs-, Rezeptions-, Kritikpraxis Rückschlüsse auf die Gesellschaft oder auf gesellschaftliche Teilsysteme, Organisationen oder Interaktionssysteme ziehen?
  • Was meint „Gehalt“ jeweils überhaupt — Tonmaterial, Melodie, Harmonik, Instrumentierung, Satzformen, Faktur, Notation, Intertextuelles, „inhaltliche“ Themen in Libretti oder Lyrics (die Zauberflöte und Freimaurerei!) …? Oder eher die Ästhetik, also etwas Sinnliches, Emotionales, auch Körperliches bei Schaffenden und Rezipierenden?
  • Geht es „nur“ um Geschmack im Habitus-Sinne — also um soziale (Klassen-, Geschlechter-, Generationen-) Distinktion durch unterschiedliche Wahrnehmungen und (Hörstil-) Präferenzen? Hätte es höfischen Hip-Hop oder Hippie-Fugen geben können, oder war das vom Gehalt der Musik ausgeschlossen? (Gut, es gab ja quasi Hippie-Fugen.)
  • Ist es nun wichtiger, dass sich die Musik unterscheidet, oder wie sie sich unterscheidet?

Konkretere Einzelfragen (Recherchenotiz für später!)

Und dann habe ich eine ganze Reihe konkreterer Fragen:

  • Wie verhalten sich Geniekult und Massenproduktion, Handwerk und Kunst, geniales Individuum und Künstlerkollektive, Schlafzimmerproduktion als Selbstausdruck und Playlist-Influencermärkte zueinander?
  • Welche Markt- und Machtdynamiken bestehen zwischen Produzierenden und Rezipierenden, Künstlerin und Publikum? Wie hat sich das verändert? Warum?
  • Welche Rolle spielt Technologie bei der Entwicklung musikalischer Formen? Wenn man mehr Kontrolle über abwechslungsreiches Timbre hat, braucht man dann weniger ausgefeilte Melodien und Harmonien? Befreit elektronische Musik von vergeschlechtlichten oder rassifizierten Zuschreibungen?
  • Ist vor allem die Musik der eigenen Jugend als Distinktionswerkzeug wichtig, die auch nachhaltig den lebenslangen Geschmack prägt? Oder geht es mit Alfred Schütz nicht um Distinktion, sondern um Gemeinschaftsbildung, um „mutual tuning-in“? Oder um beides?
  • Streben Rezeption und Produktion heute immer weiter auseinander? (Im Bürgertum und zu Zeiten der Hausmusik konnte, wer sich rezeptiv mit Musik befasst, meist auch spielen oder singen.)
    • Was bedeutet es, dass heute vor allem fertige Tonaufnahmen vorliegen, keine Noten/Partituren mehr (die dann inzwischen von Online-Diensten rekonstruiert werden)? Komposition, Interpretation, Produktion, Distribution fallen in eins.
    • Was nicht mit hinein fällt: Die Rezeption! Die Rezipierenden bekommen nicht mit, wie das Werk entstanden ist, und die Produzierenden nicht, was daraus wird.
    • Was auch fehlt: Die Analyse! Wie analysiert man etwas, wovon man nur DAtenstream oder CD mit Booklet hat, nicht aber das „Skelett“ Partitur?
    • Ist „Musikmachen“ etwas für Kinder, wozu im Erwachsenenleben den meisten der „Resonanzdraht“ oder schlicht die Zeit verloren geht?
  • Wem „dient“ die Musik (nachdem sie heute nicht mehr vornehmlich Religion oder Politik zu dienen scheint)? „Dem Individuum“?
    • Dient sie vorrangig dem Markt (als Produkt, aber z.B. auch als emotional management tool)?
  • Wie stehen Emotionen und Musik zueinander?
  • War die bürgerliche Epoche mit ihrer Musik eine Ausnahmephase und nähern wir uns heute eher wieder den prä-bürgerlichen Strukturen, aber mit hoffnungslos ausdifferenzierten Geschmäckern, an? (Abkehr vom Geniekult; Abkehr vom Vernunftglauben; Gebrauchsmusik und Dauerbeschallung; verteiltes Kickstarter-Mäzenatentum; Vereinheitlichung der Formen auf den „Song“; …)
  • Musikalische Inhalte sind, laut Dirk Baecker, im Gegensatz zu sprachlichen nicht negierbar: Ich kann Musik kritisieren, aber sie nicht widerlegen. Musik fokussiert auf unmittelbare, nichtsprachliche, unwiderlegbare Wahrnehmung; selbst in Opernpausen wird meist nicht über die eigentliche Musik gesprochen, höchstens über Vorlieben oder Empfindungen (Quelle: Erfahrung). Welcher Funktion dient das?

Soweit, so gut. Ein großes Feld.

Literatur

Bei der Literaturrecherche fiel mir dann auf: Es gibt gar nicht so unglaublich viel zum Thema Musiksoziologie. Meine Fundstücke:

  • Natürlich gibt es Max Webers „Die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik“ (1921). Habe ich auch für meinen Powi-Essay über Musik in der chinesischen Philosophie zitiert.
  • Ein Abschnitt im „Handbuch Spezielle Soziologien“ geht auf die Musiksoziologie ein — ich finde es faszinierend und bezeichnend für die Soziologie, dass es so ein Handbuch überhaupt gibt … Die Lektüre dieses Abschnitts würde ich als Einstieg sehr empfehlen.
  • Im „Handbuch Popkultur“ geht es sehr viel um Musik, insbesondere Einzelgenres (interessanterweise fehlt „Jazz“). Lesenswert ist der Abschnitt zur „Musikwissenschaft“, in der laufend kritisch auf die Soziologie (und ihren eher ambivalenten Einfluss durch Adorno) verwiesen wird. Auch der Beitrag „Soziologie“ ist interessant und nennt sogar eine Publikation zum „Funktionssystem Pop“ (kein Wunder, er ist u.a. von Urs Stäheli).
  • In „Gender und Neue Musik“ kann man sich fragen, wo heute eigentlich eine auch nur in Ansätzen breitenwirksame Avantgarde hin ist und einiges über Nachkriegs-E-Musik lernen. (Naja, und auch über Genderthemen, aber das verrät ja der Titel schon.)
  • Überraschend unterhaltsam fand ich das Querlesen von „Mit Adorno im Tonstudio“. Hier wird empirisch anhand einer Hardcore- und einer Jazz-Albenproduktion modernes Musikmachen analysiert, mit theoretischen Grundlagen von Adorno, Bourdieu u.a. Der Schwerpunkt liegt auf dem „Raum Tonstudio“, aber man lernt auch etwas über die Frage, ob „industrielle“ Musikproduktion zur Formelhaftigkeit, Episodenhaftigkeit führt etc. Vielleicht lese ich das irgendwann nochmal intensiver.
  • Bei Springer gibt es eine Studie „Praktiken des Komponierens“. Darin wird dem „tacit knowledge“ von österreichischen Komponierenden nachgegangen – wer sich für (E-Musik-lastige) Produktionsbedingungen und -weisen interessiert, könnte hier fündig werden.
  • Die Springer-Reihe „Musik und Gesellschaft“ hat u.a. je einen Band „Roads to Music Sociology“ und „Musikhören im Zeitalter Web 2.0“. Ersteres ist ein Sammelband, und ich glaube, hier steckt viel drin.

Zwei Erwähnungen mit direktem Bezug zur Konferenz:

  • Von einer der Referentinnen der Weimarer Tagung, Sarah Chaker, gibt es den Sammelband „Analyzing Black Metal“ und ein paar andere Schriften über harte Musik. Leider kommt darin nichts zu Lovecraft vor, soweit ich das sehe. Auf der Konferenz spricht sie über Regulierungspraxis in Bezug auf Straßenmusik.
  • Von Hartmut Rosa, der auf der Tagung über Musik als Resonanzsphäre spricht, habe ich ein paar Folien zu diesem Thema gefunden.

Ich werde nach der Konferenz vielleicht berichten, welche meiner Fragen geklärt werden konnten. Kurzer Konferenzbericht.

Coda

Das Schlusswort bekommt Katharina Inhetveen, mit dem wiederum Schlusswort ihres Aufsatzes zur „Musiksoziologie“ im erwähnten Handbuch der speziellen Soziologien (S. 336):

Im Blick der Soziologie erscheint Musik keineswegs als etwas an sich Gutes oder auch nur Harmloses. Gleichzeitig wird die Musiksoziologie angesichts ihrer schwachen Institutionalisierung bis auf weiteres darauf angewiesen bleiben, dass sich Soziologinnen und Soziologen aus Liebe zur Musik dieser speziellen Soziologie widmen.


Anhang: Was meinen ChatGPT und Bard?

Beide Sprachbot-Antworten haben gemeinsam, dass sie in keinem Wort auf die Inhalte und Gehalte der Musik eingehen. Das finde ich spannend. Prompt war jeweils: „Please summarize the current discourse on the sociology of music.“ Wo man vor 15 Jahren jede Recherche mit der Wikipedia begann, um dann von dort aus zu versuchen, etwas zu verstehen, kann man heute bei den Bots anfangen.

ChatGPT

[Wie man den ersten Ausführungen entnehmen kann, experimentiere ich  gerade ein bisschen mit GPTs „Custom instructions“ und habe dem lieben Bot verraten, dass ich mich für die Welt soziologisch interessiere. Die Antwort ist nicht ganz befriedigend, aber man kann ja nachfragen.]

Certainly, as a sociologist, you’re likely interested in the current discourse on the sociology of music. Here’s a comprehensive summary:

The sociology of music is a dynamic field that examines the role of music in society, exploring how it reflects and influences cultural, social, and political dynamics. Several key themes and debates are prevalent in contemporary discussions:

  1. Music and Identity: Scholars are delving into how music shapes individual and group identities. This includes the role of music in subcultures, ethnic communities, and social movements.
  2. Globalization and Cultural Flows: With the rise of digital technology and globalization, there’s an increased focus on how music transcends borders and influences cultures worldwide. This includes issues of cultural appropriation and hybridization.
  3. Digitalization and the Music Industry: The advent of digital platforms and streaming services has transformed the music industry. This has implications for artists‘ livelihoods, access to music, and issues of copyright and intellectual property.
  4. Music and Social Movements: The relationship between music and protest movements is a rich area of study. Scholars are examining how music has been used as a tool for activism, from civil rights movements to contemporary social justice movements.
  5. Technology and Music Consumption: The impact of technology on how we consume music is a major focus. This includes discussions on streaming platforms, algorithms, and the ways in which music is discovered and shared.
  6. Music and Politics: There is ongoing research on the political dimensions of music, including its role in shaping political ideologies, nationalism, and resistance.
  7. Music and Health: Researchers are exploring the therapeutic effects of music, including its role in mental health, well-being, and its potential as a form of therapy.
  8. Subcultures and Countercultures: The study of music-related subcultures and countercultures continues to be a vibrant area of research, examining how these communities form and express themselves through music.
  9. Music and Technology Innovation: Emerging technologies, such as AI-generated music and virtual reality experiences, are sparking discussions on the future of music production, consumption, and performance.
  10. Music in Everyday Life: Sociologists are examining the role of music in quotidian experiences, from its presence in public spaces to its use in personal rituals and routines.

Given your interest in contrarian ideas and new technologies, you might find it intriguing to explore cutting-edge research at the intersection of music and emerging technologies, as well as unconventional perspectives on how music influences society.

For further reading and in-depth exploration, you can refer to the following sources:

  1. DeNora, Tia. „Music in Everyday Life.“ Cambridge University Press, 2000. Link to book
  2. Hesmondhalgh, David. „Why Music Matters.“ Wiley, 2013. Link to book
  3. Born, Georgina. „Music and the Social: On the Politics of Composition and Improvisation.“ Wesleyan University Press, 2015. Link to book

Bard

[Prompt: „Please summarize the current discourse on the sociology of music.“ Die praktischen Beispiele der Studien finde ich gut, und um sie zu identifizieren, kann man ja wiederum nachfragen.]

The current discourse on the sociology of music is a vibrant and diverse one, with scholars exploring a wide range of topics, including:

  • The production, distribution, and consumption of music in different social contexts
  • The relationship between music and identity, both individual and collective
  • The role of music in social movements and social change
  • The impact of music on social cohesion and social conflict
  • The intersection of music with other social factors, such as race, class, gender, and sexuality

One of the key trends in recent years has been a shift away from the study of music as a fixed and immutable object, towards a more fluid and dynamic understanding of music as a social practice. This shift has led to a growing interest in the everyday experiences of people who make, listen to, and perform music.

Another important trend has been the increasing use of ethnographic methods in the sociology of music. This has allowed scholars to gain a deeper understanding of the social meanings of music in different contexts. For example, one study used ethnography to examine the ways in which music is used to create and maintain social hierarchies in a Brazilian favela.

The sociology of music is also increasingly drawing on insights from other disciplines, such as cultural studies, media studies, and anthropology. This interdisciplinary approach has helped to broaden the scope of the field and to generate new insights into the relationship between music and society.

Here are some specific examples of current research in the sociology of music:

  • One study is examining the role of music in the Black Lives Matter movement. Researchers are interested in how music is used to mobilize and energize participants in the movement, as well as to express the pain and anger of Black people in the face of police brutality and systemic racism.
  • Another study is looking at the ways in which music is used to construct and maintain national identity in South Korea. Researchers are interested in how K-pop music, in particular, is used to promote Korean culture and values around the world.
  • A third study is exploring the impact of social media on the music industry. Researchers are interested in how social media platforms like Spotify and YouTube are changing the way that people discover and consume music.

These are just a few examples of the many exciting and innovative projects that are being undertaken by sociologists of music today. The field is constantly evolving, and new insights are being generated all the time.


Beitragsbild: „modern female scientists playing moog synthesizers in a medieval library, hyperrealistic“, Nightcafe SDXL 1.0/Dennis Schmolk

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